Interview

Henry: "Damit gebe ich mich nicht zufrieden"

(FIFA.com)
Amandine Henry of France is seen in the tunnel
© Getty Images

Den aktiven Fans des Frauenfussballs ist sie zweifellos längst ein Begriff: Amandine Henry trägt seit 2007 das Trikot von Olympique Lyon und hat mit ihrem Team sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene reihenweise Titel gesammelt. Die im nordfranzösischen Lille geborene defensive Mittelfeldakteurin wird von ihren Trainern als eine der besten Spielerinnen weltweit auf dieser Position geschätzt und stellt dies seit 2009 auch in der französischen Nationalmannschaft unter Beweis.

Aber auch diejenigen, denen sie erst kürzlich dank ihrer Leistungen bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ zum ersten Mal aufgefallen ist, werden ihren Namen sicher nicht so schnell vergessen. Henry wurde mit dem Silbernen Ball von adidas als zweitbeste Spielerin des Turniers ausgezeichnet. Gegen Mexiko gelang ihr ein Traumtor, und mit ihren weiteren Auftritten hat sie in Kanada bewiesen, dass sie zu Recht einen bevorzugten Platz auf der weltweiten Bühne einnimmt. Denn zwischenzeitlich war sie fast zwei Jahre lang nicht nominiert worden und verpasste die Auflage von 2011.

Im Anschluss an das weltweite Gipfeltreffen wurde Henry zudem bei der Wahl zur besten Spielerin Europas der UEFA auf den zweiten Platz gewählt, bevor sie sowohl mit Lyon als auch mit Les Bleues mit dem gleichen Schwung in die neue Spielzeit startete. Ob sie darauf hofft, im Rennen um die Auszeichnung als FIFA Weltfussballerin des Jahres 2015 ein Wörtchen mitzureden? Über dies und andere Themen sprach sie im Exklusiv-Interview mit **FIFA.com.

Amandine, zweitbeste Spielerin in Kanada 2015, zweitbeste Spielerin Europas der Saison - sind Sie darauf vorbereitet, auch bei der Wahl zur FIFA Weltfussballerin 2015 den zweiten Platz zu erreichen? *[lacht]* In meinen verrücktesten Träumen schon! Bereits der zweite Platz bei der WM kam unerwartet, denn nachdem wir im Viertelfinale ausgeschieden waren, lagen die Chancen nicht sehr hoch, unter die besten Spielerinnen gewählt zu werden. Ich war überrascht, stolz und glücklich. Und danach die UEFA-Auszeichnung! Schon in der Vorauswahl der besten zehn Spielerinnen gestanden zu haben, war eine schöne Anerkennung. Aber Zweite zu werden, das war super. Ich will mich damit nicht zufrieden geben, aber um für den Ballon d'Or nominiert zu werden, gibt es in dieser Saison sowohl im Verein als auch in der Nationalelf noch einiges zu tun. Ich denke zwar nicht daran, doch ich will mich immer noch weiter verbessern.

*Und Zweiter in der Meisterschaft mit Olympique Lyon? *Oh nein, das ist undenkbar! Das wäre unser schlimmster Albtraum. An einen zweiten Platz denken wir nicht. Bei OL ist es unvorstellbar, Zweiter zu werden. Wir sind schon im letzten Jahr in der Champions League gegen PSG ausgeschieden. Das war sehr hart, denn die Saison ist sehr lang, wenn man so früh ausscheidet. Zum Glück kam danach die Weltmeisterschaft. Dadurch blieb ich fit und konnte die Motivation wahren, um weiter zu arbeiten und am Ende der Saison in Topform zu sein.

*Wenn man für Lyon spielt, vergisst man die Bedeutung des Worts "verlieren". Ist das in der Vorbereitung auf einige der wichtigen Spiele der Saison nicht manchmal hinderlich? *Verlieren ist ein Wort, das wir aus unserem Wortschatz verbannt haben. Wenn man bei OL spielt, herrscht ein großer Druck. Das ist normal, denn der Präsident scheut keine Mittel, um gute Ergebnisse zu erzielen. Sie nicht zu erreichen, ist unvorstellbar. Und wir haben eine sehr gute Mannschaft mit vielen guten Spielerinnen. Wenn man also seinen Platz in den wichtigen Partien und in der Nationalmannschaft behalten will, muss man sich jeden Tag aufs Neue beweisen. Aus diesem Grund muss man es täglich zeigen und sich ständig motivieren. Wenn man weiterkommen will, muss man immer ganz oben sein. Das heißt: Niemals verlieren.

*Frankreich scheint noch nie stärker gewesen zu sein, doch betrachtet man alleine das Ergebnis, hat die Mannschaft schlechter abgeschnitten als bei der WM 2011 und dem Olympischen Turnier 2012. Was fehlt noch zum Sprung auf die Medaillenränge? *Es fehlen uns ein Quäntchen Glück und mehr Killerinstinkt. Im Spiel gegen Deutschland beispielsweise hatten wir viele Chancen. Gut, wir haben trotzdem den Fairplay-Pokal gewonnen, doch das war nicht unser eigentliches Ziel *[lacht].

Hat nicht gerade dieses Viertelfinale, das nach einer überlegenen Leistung gegen Deutschland im Elfmeterschießen verloren wurde, Reuegefühle hinterlassen? *War dieses Jahr nicht eine einmalige Chance auf den Titelgewinn? **Wenn man alles gegeben hat, gibt es nichts zu bereuen. Sieht man sich die Chancen an, die wir hatten, kann man höchstens frustriert sein. Doch wir können alle guten Gewissens in den Spiegel schauen, denn wir haben unser Bestes gegeben. Vorher stand Deutschland eine Stufe über uns, doch in jener Partie brachten wir sie zum Wanken. Das war auch für sie überraschend. Es hängt von Kleinigkeiten ab. Aber es motiviert für die Zukunft, denn wir haben ab jetzt nicht mehr das Gefühl, unterlegen zu sein. Wir wissen, dass wir mithalten können. Das Gleiche gilt für die USA, gegen die wir im letzten Jahr mehrere Male gespielt haben. Es ist eine große Nation, doch wir müssen uns für unsere Leistungen gegen sie nicht mehr schämen. Frankreich ist eine große Fussballnation geworden, nun müssen wir das in einem Wettbewerb beweisen.

*Im Vorfeld der WM wurde viel über Stars wie Homare Sawa, Abby Wambach, Celia Sasic, Nadine Angerer oder Lotta Schelin gesprochen. Doch es waren keine Französinnen auf dieser Liste zu finden, obgleich Frankreich zu den Favoriten zählte. Können die Auszeichnung mit dem Silbernen Ball von adidas und der zweite Platz bei der Wahl zu Europas Fussballerin des Jahres das ändern? *Wenn man eine Spielerin herausstellt, lastet ein unvorstellbarer Druck auf ihr, gute Spiele zu machen! Und wenn alles von einer Spielerin abhängt, ist es für das gegnerische Team leichter. Es reicht, sie besonders gut zu bewachen. Unser Spiel gründet tatsächlich auf der Stärke des Kollektivs. Dies hat in dieser französischen Nationalelf absoluten Vorrang. Und unsere Mannschaft ist nicht nur ein sehr gutes Team, sondern besteht auch aus sehr guten Spielerinnen. Doch Anerkennung verdient man sich auch durch den Gewinn von internationalen Titeln. Die großen Spielerinnen haben alle Trophäen und Medaillen gewonnen. Das fehlt uns noch, und ich hoffe, dass sich das ändern wird. Denn es gibt sehr gute Spielerinnen in Frankreich, die eine größere Anerkennung verdienen.

*Sie spielen bereits seit mehreren Jahren auf Spitzenniveau. Gleichwohl hat man den Eindruck, dass die Welt sie erst in diesem Jahr entdeckt hat. Ist es frustrierend, erst so spät Anerkennung zu erhalten? *Frustriert war ich, als ich nicht mehr in die Nationalmannschaft nominiert wurde. Diese späte Anerkennung hingegen frustriert mich daher nicht. Es ist für mich eher wie eine kleine Revanche, denn ich habe weiter hart gearbeitet und nie aufgegeben. Und jetzt werde ich von der Welt entdeckt, wenn man das so sagen kann. Ich bin darüber sehr glücklich, denn es hätte auch nie passieren können. Ich bin immer noch dieselbe Amandine von Olympique Lyon geblieben, die in ihrem kleinen Verein angefangen hat, doch ich habe den Eindruck, dass alles größere Dimensionen angenommen hat. Eigentlich habe ich nur drei gute Spiele bei der WM gemacht, das war alles - und schon geht es explosionsartig nach oben! In der Meisterschaft hingegen habe ich ganze Saisons mit starken Leistungen gezeigt, doch das hat keine solche Auswirkung gehabt. Das ist unglaublich, aber daran sieht man, dass es manchmal an den Kleinigkeiten liegt. So ist das im Spitzenfussball. Man erzielt bei der WM ein Supertor und wird nach oben katapultiert, während ein Supertor in der Meisterschaft kaum erwähnt wird. Auch über Carli Lloyd beispielsweise wurde vor dem Turnier nicht so viel gesprochen. Doch dann gelingt ihr im Finale der WM ein Dreierpack - und nicht irgendein Dreierpack! Ein Tag unter einem guten Stern kann der Wendepunkt einer Karriere sein.

*Ist die Auszeichnung einer defensiven Mittelfeldspielerin der Beweis dafür, dass sich der Frauenfussball weiterentwickelt hat und nicht nur den Offensivstars, sondern allen Positionen eine größere Bedeutung beigemessen wird? *Lange Zeit wurden nur die Torjägerinnen ausgezeichnet, aber heute wird auch im Frauenfussball erkannt, dass wirklich alle Positionen wichtig sind. Das ist eine Anerkennung, aber gleichzeitig eine tolle Motivation. Man muss nicht mehr unbedingt ein Tor schießen, damit gesehen wird, dass man ein gutes Spiel gemacht hat. Auch die anderen Positionen können ihren Wert zeigen. Das hat mit Nadine Angerer angefangen. Es hat viel geholfen, dass sie von den Experten zur Weltfussballerin gewählt wurde, denn oft erinnern sich die Fans nur an die Torschützinnen.

*Nach der Auszeichnung als Spielerin des Spiels gegen Mexiko sagten Sie, dass ein Traum wahr geworden sei, es aber noch andere gebe, die Sie später verraten würden. Ist jetzt der Moment gekommen? *Ja, weil sie sich unglücklicherweise ja doch nicht erfüllt haben. Es waren die Qualifikation für das Halbfinale und der Gewinn des WM-Titels. Auf jeden Fall mindestens das Podium zu erreichen. Doch das sind Träume, die nicht völlig aufgegeben und 2019 hoffentlich wiederkommen werden.

Empfohlene Artikel

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Amandine Henry (Frankreich) - Mexiko 0:5 Frankreic...

04 Jul 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Video-Highlights: Deutschland - Frankreich (FIFA F...

27 Jun 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Video-Highlights: Frankreich - Korea Republik (FIF...

21 Jun 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Video-Highlights: Mexiko - Frankreich (FIFA Frauen...

17 Jun 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Video-Highlights: Frankreich - England (FIFA Fraue...

09 Jun 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Lloyd: "Eine legendäre Leistung"

06 Jul 2015

Frauenfussball

Amandine Henry (Frankreich)

28 Sep 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Eine WM voller Bestmarken: USA neuer Rekordchampion

06 Jul 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Lloyd und Sasic sahnen ab

06 Jul 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Solo: "Der schönste Moment meiner Karriere"

06 Jul 2015