Spanien

Hierro: "Die Mentalität eines Siegers"

(FIFA.com)
Ex-Spain international Fernando Hierro talks to Iker Casillas of Spain during a training session
© Getty Images

Fernando Hierro gehörte zu den unumstrittenen Anführern einer Generation des spanischen Fussballs. Als ebenso eleganter wie durchsetzungsstarker Verteidiger vertrat er Spanien bei den FIFA Fussball-Weltmeisterschaften USA 1994, Frankreich 1998 und Korea/Japan 2002. Obwohl er Abwehrspieler war, liegt er in der Rangliste der Rekordtorschützen der Roja mit 29 Treffern an vierter Stelle.

Auch nach dem Rücktritt als aktiver Spieler zeigte der einst charismatische Kapitän von Real Madrid (mit dem er 16 Titel gewann) große fussballerische Weitsicht. Als Sportdirektor des spanischen Fussballverbands (RFEF) war er 2008 aktiv an der Verpflichtung von Vicente del Bosque als Nachfolger von Luis Aragonés beteiligt.

FIFA.com nutzte seine Anwesenheit beim FIFA Konföderationen-Pokal 2013 als Mitglied der Technischen Studiengruppe der FIFA, um mit Hierro über verschiedene Themen zu sprechen: Über den Hype, den die Roja in den letzten fünf Jahren hervorrief, Pep Guardiola, José Mourinho und Vicente del Bosque, von dem er sagte: "Sein Erfolg ist seine Intelligenz."

Fernando, Sie hatten großen Anteil daran, dass Vicente del Bosque die spanische Nationalmannschaft übernahm. Da Sie ihn so gut kennen: Was ist der Schlüssel seines Erfolges?Sein Erfolg liegt in seiner Intelligenz. Er verfügt über eine sehr große emotionale Intelligenz. Er ist ein Mann mit viel Psychologie, der alles mit großer Natürlichkeit sieht. Für mich waren drei Jahre an seiner Seite wie ein Studium. Mit Demut führte er ab 2008 den Erfolg der Auswahl von Luis Aragonés fort, gewann weiter Titel und betonte dabei stets die Rolle der Spieler, des RFEF und des früheren Trainers. Manchmal scheint er fast 'Schuldige' zu suchen, um ihnen alle Verdienste zuzuschreiben und sie nie für sich selbst zu reklamieren. Das ist emotionale Intelligenz. Zudem hat er ein großes Geschick darin, in wichtigen Momenten eines Spiels Entscheidungen zu treffen. Und er hat das internationale Ansehen des spanischen Fussballs erhöht. Alle sind begeistert von seiner Arbeit, seiner Höflichkeit, seinem Umgang im Alltag. Dies brachte ihm vor einem Jahr die Auszeichnung der FIFA als bester Trainer der Welt ein.

*Und was kommt nach Del Bosque? *Die Erfolgszeit Spaniens dauert inzwischen seit fünf Jahren an. Fast vier Jahre in Folge auf dem ersten Platz der Weltrangliste - das ist eine lange Zeit! Wenn wir an andere Nationalmannschaften denken, deren Phasen haben nicht so lange gehalten. Die Grenze zwischen Sieg und Niederlage ist hauchdünn: Ein Elfmeterschießen, wie 2008 gegen Italien (Anm. d. Red.: Spanien gewann im Viertelfinale der EURO), hat möglicherweise der Geschichte unseres Fussballs eine neue Richtung gegeben, da wir von da an mit der Mentalität eines Siegers in die Spiele gegangen sind.

Doch das Können der Spieler hilft auch dabei...Ich gehöre zu denjenigen, die denken, dass es sehr schwer werden wird, diese außergewöhnliche Generation zu ersetzen. Die Spieler sind vorhanden, doch wenn wir davon sprechen, Welt- oder Europameister mit den Nationalmannschaften zu werden, sprechen wir vom höchsten Weltniveau. Und das ist immer schwierig. Ich bin ein bekennender Fan dieser Spieler, denn sie repräsentieren den spanischen Fussball sowohl auf wie neben dem Platz auf vorbildliche Weise. Es sind bodenständige Menschen, die gut mit dem Erfolg umgehen können, die immer respektvoll sind, ob sie gewinnen oder verlieren. Es herrscht eine große Sympathie für diese Mannschaft, und das ist das Ergebnis einer langen Arbeit durch viele Menschen. Wenn man durch die Welt reist, spürt man das Gefühl von Bewunderung für den spanischen Fussball. Das war vor fünf Jahren noch undenkbar.

Weckt diese Fussballergeneration ein wenig Neid in Ihnen?Zweifellos! Ich habe noch nie eine Generation mit so großem Talent gesehen. Wir haben in allen Mannschaftsteilen außergewöhnliche Spieler. Sie gehören auf ihren jeweiligen Positionen sogar zu den besten der Welt.

Wäre in dieser Mannschaft Platz für einen Hierro?Ich weiß nicht, darüber habe ich nie nachgedacht. Ich zweifle aber daran, dass es auf der Welt eine bessere Abwehr gibt als die, welche Sergio Ramos und Gerard Piqué bilden. Ein Innenverteidiger-Duo, das sich für ein Elfmeterschießen anbietet. Das ist nicht normal, dass zwei Innenverteidiger zur Liste der ersten fünf Schützen gehören. Dies sagt alles über ihre technische Qualität. Ich gehe sogar noch weiter: Alle reden von der offensiven Stärke Spaniens, der Qualität beim Ballbesitz. Doch in Südafrika kassierten sie nur ein Gegentor, und bei der EURO 2012 nur zwei. Und bis zum Finale gegen Brasilien beim Konföderationen-Pokal gab es ebenfalls nur einen Gegentreffer durch Freistoß (Anm. d. Red.: Luis Suárez, Uruguay). Es ist eine Mannschaft, die kompakt und sehr gut verteidigt.

In Ihrer Zeit bei der RFEF war nicht alles problemlos. Sie mussten zum Beispiel mit der komplexen Situation zwischen den Spielern von Real Madrid und dem FC Barcelona zurechtkommen. Wie war dieses Episode für Sie im Rückblick?Es war am Ende meiner Zeit als Sportdirektor, aber ich denke, die Situation wurde gut gehandhabt. Einmal mehr haben die Intelligenz, die Sympathie und die Kraft des Kaders dabei geholfen. Vicente handelte klug und vertraute der Mannschaft. Er wusste, dass sich mit der Zeit alles auflösen würde. Er ging auf beide Seiten zu, und die Reife von Spielern wie Xavi, Casillas oder Puyol taten ihr Übriges. Es gab zweifellos bestimmte Momente, in denen es schwierig schien, die Situation zu bereinigen, doch es wurde gelöst. Es gab auch externe Elemente, die nicht sehr hilfreich waren. Aber ich bleibe dabei, dass die Reife der Mannschaft den Ausschlag gab.

Was meinen Sie mit "externen Elementen"?Ich meine Leute, die den ganzen Tag fragten, was passierte oder nicht passierte. Diese externen Elemente waren vor allem auf mediale Aufmerksamkeit aus. Ich persönlich wusste aber, dass Vicente geschickt die Fäden ziehen würde, wie er es immer tut.

Beim Stichwort der Rivalität zwischen den beiden Teams: Wie erlebten Sie eine solche Ära des Erfolges für die katalanische Mannschaft?Ich nenne das Siegeszyklen. Unsere Generation gewann in vier oder fünf Jahren viele Titel, doch Barcelona organisierte sich gut, und nun erreichten sie einen solchen Zyklus. An der Arbeit Guardiolas gibt es nichts auszusetzen: Sie ist bewundernswert, außergewöhnlich. Sieben Titel in zwei Jahren zu gewinnen, das schafft nicht jeder. Alle wissen, wer ich bin und wo ich herkomme, doch ich sehe ein, dass Barcelona die Dinge sehr gut gemacht hat. Sie sind sich über ihren Weg und ihre Philosophie sehr im Klaren.

Überraschte Sie der Erfolg Guardiolas, mit dem Sie in der Nationalmannschaft zusammenspielten?Nicht im Geringsten. Er hatte einen Trainer in sich. Er kam zur Nationalmannschaft und wollte spielen, wie er es für richtig hielt. Er lebte die Spiele sehr intensiv. Und er bereitete sich sehr gut vor: Er sprach mit den besten Trainern der Welt. Er entstammte der Schule von (Johan) Cruyff. Er war bei (Arrigo) Sacchi, bei (Marcelo) Bielsa. Er begann in der B-Mannschaft von Barcelona und wählte einen wunderbaren Klub wie Bayern München, als alle etwas anderes erwarteten. Pep ist sehr intelligent und weiß zu jeder Zeit genau, was er zu tun hat.

Für's Erste haben sowohl Guardiola wie auch der FC Bayern die Latte recht hoch gelegt...Bayern hat einen vorbildlichen Übergang geleistet. Im Dezember gaben sie mit aller Natürlichkeit einen Trainerwechsel bekannt, und sechs Monate später gewannen sie drei Titel. Es ist eine Siegermannschaft, eine enorm wichtige Institution. Der Klub hat eine sehr gute Wahl getroffen, und es war auch eine großartige Wahl von Pep.

Wir sprachen über Guardiola, doch uns würde auch Ihre Meinung über José Mourinho interessieren. Kürzlich sagten Sie, dass er in letzter Zeit der Trainer mit der größten Machtfülle bei Real Madrid war. Bleiben Sie dabei?Wenn Sie mich fragen, der ich die letzten 20 Jahre der Geschichte Real Madrids miterlebt habe, wann ein Trainer zuletzt so viel Macht gehabt hat, um innerhalb des Klubs Entscheidungen zu treffen, würde ich sagen, dass es mit Sicherheit er war. Wenn Sie ihn fragen, würde er vielleicht sagen, dass er nicht alles bekommen hat, was er wollte. Doch alle kennen ihn sehr gut: Seine Arbeit, seine Professionalität und dass er im Halbfinale der europäischen Wettbewerbe kämpfte. Aber Madrid ist ein Klub, in dem man gewinnen muss und der einem zusetzt, in dem anders gedacht wird. Alle Klubs sind verschieden. Und Real Madrid noch mehr.

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