"Es ist leicht, Probleme zu finden, wenn man fünfmaliger Weltmeister ist." Das mag zunächst widersprüchlich klingen, aber bei näherer Betrachtung ergibt diese Aussage von Carlos Alberto Parreira durchaus Sinn. Man könnte sogar sagen, sie ist ein gutes Beispiel dafür, warum man bei der brasilianischen Seleção froh ist, ihn als Koordinator gewonnen zu haben. Diesen Satz sagte er nämlich, als er nach einem der bedeutendsten Siege Brasiliens in den letzten Jahrzehnten aus der Kabine des Maracanã-Stadions trat. Er ist jemand, der sich auch bei solchen Gelegenheiten nicht scheut, die Wahrheit zu sagen.

Schließlich weiß Parreira besser als jeder andere, mit welchem Land er es hier zu tun hat. Er ist 1970 bereits als Fitnesstrainer Weltmeister geworden und 1994 dann als Cheftrainer. Außerdem war er bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ für die Seleção verantwortlich. Aufgrund dieser geballten Erfahrung war es für ihn nicht weiter schwer vorauszusehen, dass in dem Moment, in dem man den legendären 3:0-Sieg gegen Spanien feierte, von einigen Leuten schon wieder Kritik laut werden würde. Und so war es dann auch. Fragen wie die folgenden wurden gestellt: Kommt dieser Höhepunkt nicht zu früh? Steht die Mannschaft nach diesem Sieg nicht noch stärker unter Druck? Wird das Team sich jetzt vor der WM 2014 auf seinen Lorbeeren ausruhen? Die Antworten, so sagt er, liegen alle in seiner Person und in der des Cheftrainers Luiz Felipe Scolari begründet. Auch Scolari ist ja bekanntermaßen bereits Weltmeister geworden.

"Die Erfahrung dieses Trainerstabs ist viel wert. Felipão [Scolari] war bereits Weltmeister und ich auch. Fitnesstrainer, Ärzte, Physiotherapeuten: Sie alle haben bereits Weltmeister-Erfahrung und wissen genau, was wir brauchen und was wir wollen", so Parreira direkt nach dem Finale des FIFA Konföderationen-Pokals im Gespräch mit FIFA.com. "In der Pressekonferenz nach dem Finale hat Felipão selbst gesagt, dass dies nur eine Zwischenstation war. Wir haben der Welt die Botschaft übermittelt und den Zuschauern gezeigt, dass wir ein Gegner sein können, vor dem man Respekt haben muss, und dass wir das Zeug haben, diese Mannschaft zu verbessern. Aber noch ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Wir haben uns schon sehr gesteigert, aber die Feinabstimmung fehlt noch."

Ein Monat = Ein Team
Allerdings lässt sich nicht bestreiten, dass die schnellen Fortschritte, die das Team gemacht hat, für alle überraschend kamen – sogar für die Verantwortlichen selbst. Heute kann man sich kaum vorstellen, dass genau vier Wochen vor dem Finale des Konföderationen-Pokals nach einem 2:2 gegen England im Maracanã-Stadion noch von allen Seiten Fragen und Kritik auf die brasilianische Seleção einprasselten. Wenn man den Auftritt von Luiz Gustavo im gesamten Turnierverlauf und insbesondere im Finale gegen Spanien betrachtet, schien Felipão sich noch in einer ganz anderen Welt zu befinden, als er vor dem Wettbewerb angesichts der harschen Kritik in den Medien, die eine zu defensive Spielweise des Akteurs bemängelt hatten, folgende Aussage tätigte: "Diese Geschichte vom Mittelfeldspieler, der gleichzeitig torgefährlich ist, ist ja sehr schön für die Presse. Sie ist sehr schön, allerdings ist sie für den Trainer und das Team weniger schön. Wenn man offensive Außenverteidiger wie Daniel Alves und Marcelo hat, dann braucht man auch eine gewisse Deckung."

Wichtig war, dass der Trainerstab Entscheidungen getroffen und diese dann ohne Zaudern umgesetzt hat. Neben dem offensiver ausgerichteten Paulinho sollte ein defensiver Mittelfeldspieler zum Einsatz kommen, um ein solides Innenverteidiger-Duo abzuschirmen, das seit langem gesetzt ist: Thiago Silva und David Luiz. Júlio César bekam eine Stammplatz-Garantie und das volle Vertrauen des Trainers. Außerdem würde das Team mit einem echten Mittelstürmer, einer typischen "Nummer neun" auflaufen: Fred. Die Verbindungsspieler zwischen Mittelfeld und Angriff, beispielsweise Hulk und Oscar, sollten auch in der Defensive aushelfen. Und Neymar sollte als Dreh- und Angelpunkt fungieren, als Nummer zehn. Damit hatte man ein klares Konzept.

"Es ist doch klar, dass ein neuer Zyklus begonnen hat, für den wir eine Strategie erarbeitet haben. Wenn Sie die aktuelle Mannschaft mit der vergleichen, die bei unserem ersten Freundschaftsspiel gegen England zum Einsatz gekommen ist [Anm. D. Red.: eine 1:2-Niederlage am 6. Februar], dann werden sie feststellen, dass sie ganz anders aussieht", erklärt Parreira und bezieht sich dabei nicht nur auf die fünf Veränderungen an der Stammelf, sondern auch auf die Spielweise. "Ziel war es, uns auf eine Spielweise festzulegen, und das ist uns gelungen. Wenn man 15 Tage am Stück Zeit hat, sich auf ein Turnier vorzubreiten, kann man beginnen, einen taktischen Plan zu erstellen, Details geradezuziehen und Routiniers einzubinden, die zuvor nicht mehr berücksichtigt worden waren, von denen wir jedoch wussten, dass sie Potenzial haben."

Eine Frage der Zeit
Oscar war bereits unter dem vorherigen Nationaltrainer Mano Menezes in der Seleção vertreten und gehört zu denen, die ihre Spielweise am stärksten anpassen mussten, um dem aktuellen System von Scolari und Parreira Rechnung zu tragen. Daher kann er den Entwicklungsprozess besonders gut beurteilen. Außerdem ist er ein Paradebeispiel dafür, dass der Erfolg Brasiliens beim Konföderationen-Pokal nicht nur mit der Auswahl der Spieler zusammenhängt.

"Es ist einfach Zeit erforderlich. Wir wussten, dass dies eine sehr gute Generation ist: Es ist die Generation der Olympischen Spiele, die jetzt am Zuge ist", meint der Mittelfeldspieler des FC Chelsea im Gespräch mit FIFA.com. Er ist einer von fünf Spielern, die schon bei der Final-Niederlage gegen Mexiko beim Olympischen Fussballturnier der Männer 2012 in London auf dem Platz standen und beim Konföderationen-Pokal zur Stammformation gehörten. Die anderen vier sind Marcelo, Thiago Silva, Hulk und Neymar. "Ich werde jetzt nicht sagen, dass wir uns denken konnten, dass wir bereits nach so kurzer Zeit ein solches Niveau erreichen würden, denn das konnten wir nicht. Aber ich weiß, dass wir uns sehr gut vorbereitet haben, weil wir zum ersten Mal etwas länger Zeit dazu hatten."

Wenn man es so ausdrückt, scheint die Gleichung ganz einfach zu sein: Man nehme talentierte Spieler, die bereits vorher für die Seleção gespielt haben, entscheide sich für eine Spielweise, übe sie zwei Wochen lang mit ihnen ein und setze sie in die Praxis um. Das Ergebnis ist eine der größten Meisterleistungen der brasilianischen Fussballgeschichte und der volle Rückhalt des Publikums. Und damit kommt wieder Parreira ins Spiel, der das Ganze keinesfalls überbewertet sehen möchte. "Der Konföderationen-Pokal hat einen Beitrag dazu geleistet, dass die Fans wieder Vertrauen in die Mannschaft haben und dass die Chemie zwischen Team und Fangemeinde wieder stimmt. Das ist etwas Wunderbares, was ich in der Form noch nie erlebt habe. Aber wir wissen auch, wie schnell sich diese Dinge ändern können. Daher sollte niemand denken, dass wir uns jetzt auf unseren Lorbeeren ausruhen werden, denn das, was wir wirklich wollen, haben wir noch nicht bekommen." Oscar bringt es noch einmal mit wenigen Worten auf den Punkt: "Das Turnier hat bewiesen, dass unser Team zu den besten der Welt gehört, aber das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist der Weltmeistertitel."

So ist das nun einmal im einzigen Land, das bereits fünf WM-Pokale in der Vitrine stehen hat.