FIFA Konföderationen-Pokal 2013

Mata: "Man muss sich Träume bewahren"

(FIFA.com)
KIEV, UKRAINE - JULY 01:  Juan Mata of Spain celebrates after scoring his team's fourth goal
© Getty Images

Juan Mata gehört sicherlich zu den Spielern der spanischen Nationalmannschaft, die man beim FIFA Konföderationen-Pokal Brasilien 2013 im Auge behalten sollte. Der Mittelfeldspieler, der kürzlich mit dem FC Chelsea die UEFA Europa League gewann, erweist sich nicht nur auf dem Spielfeld als ausgesprochen talentiert, sondern auch abseits davon, wo er sich vom Durchschnittsfussballer abhebt.

Im Trainingslager entspannt er sich bei der Lektüre von Biographien und Romanen. Wenn der Fussball ihm eine Atempause gönnt, bildet er sich in zwei Studiengängen weiter und außerdem streift er durch Londons Straßen, um den ihm eigenen Wissens- und Entdeckerdurst zu stillen. Der 25-jährige Mata, der in seiner Karriere gerade gute Zeiten erlebt, sprach mit FIFA.com über sein Leben, seine Vorliebe für die englische Hauptstadt und seine Wünsche für Brasilien.

FIFA.com: Der FIFA Konföderationen-Pokal steht vor der Tür. Wie geht es Ihnen im Vorfeld des Turniers?
Juan Mata: Ich habe große Erwartungen und freue mich schon sehr. Ich möchte einen weiteren Konföderationen-Pokal erleben. Ich arbeite schon die ganze Saison sehr hart an mir, damit alles gut läuft.

Ist es eine besondere Herausforderung, dass der Wettbewerb in Südamerika stattfindet, wo man als europäischer Fussballer sonst eigentlich nie spielt?
Ja, besonders weil ich zum ersten Mal in Brasilien spielen werde. Wir werden offizielle Partien in Amerika bestreiten, was wir bisher noch nie getan haben. Außerdem werden wir das WM-Land kennenlernen. Wir werden einen Eindruck von den Stadien und der Stimmung bekommen, die sicher sehr gut sein wird, und können uns außerdem auf die Weltmeisterschaft vorbereiten.

Gibt es etwas, auf das Sie sich bei dieser neuen Erfahrung ganz besonders freuen?
Wenn man in Brasilien spielt, kommt einem als erstes das Maracanã in den Sinn. Es wäre fantastisch, das Finale dort bestreiten zu können und zu gewinnen.

Spanien ist zweifacher Europameister und Weltmeister. Woran merken Sie, dass Ihnen die Gegner mehr Respekt entgegenbringen?
Besonders an den Kommentaren vor dem Spiel und manchmal auch auf dem Spielfeld. Spanien erlebt gerade den absoluten Höhepunkt seiner Fussballgeschichte, und die Gegner möchten uns die Stirn bieten. Wir erleben, dass es für sie etwas Besonderes ist, gegen uns anzutreten, und das macht uns stolz. Einer meiner Teamkameraden hat erzählt, einer seiner Vereinskollegen habe ihn vor einem Freundschaftsspiel gegen die Nationalmannschaft seines Landes darum gebeten, dass wir einen Gang runterschalten sollten, weil wir so gut spielten.

Wie kommt es, dass Sie bei Chelsea unumstrittener Stammspieler sind und in der Nationalmannschaft nicht?
Ich glaube, in der Nationalmannschaft gibt es viele Spieler, die das Gefühl haben, eine wichtige Rolle zu spielen, aber am Ende können nur elf auflaufen, und die Konkurrenz ist groß. Ich war schon bei drei wichtigen Turnieren dabei, und mein einziges Ziel besteht darin, weiterhin dabei zu sein.

Nennen die Chelsea-Spieler Sie noch immer Johnny Kills [Anm. d. Red.: wörtliche Übersetzung seines Namens ins Englische]?
[Lacht]. Jetzt nicht mehr so häufig, denn der Erfinder dieses Spitznamens war [Daniel] Sturridge, der zu Liverpool gewechselt ist. Die anderen nennen mich Juan, auf Spanisch. Sie versuchen es zumindest, denn es gibt nur ganz wenige, die das richtig hinbekommen. Bei den meisten hört es sich an wie die Zahl "eins" auf Englisch: One. Sie können das "J" nicht richtig aussprechen…

Wie kommen Sie damit klar, eine Berühmtheit zu sein, wenn Sie in London unterwegs sind?
Gut. Mir fällt schon auf, dass mich inzwischen mehr Leute erkennen, vielleicht weil ich jetzt schon das zweite Jahr hier bin. Aber für einen Fussballer ist es in dieser Stadt entspannter als in jeder anderen. Sie ist sehr groß, viele Leute haben mit Fussball nichts am Hut und man kann ein normaleres Leben führen als in Spanien.

Können Sie dort anonym bleiben, obwohl Sie ein Star sind?
Ja, häufig kann ich das. Ich fahre nach Soho, was mir sehr gefällt, oder nach Camden Town und kann dort anonym bleiben. Ich kann im Zentrum herumlaufen und problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein. Wenn ich mit der U-Bahn ins Zentrum fahre – und das mache ich zu Stoßzeiten, wenn der Verkehr zu dicht ist – erkennen mich die Leute manchmal und begrüßen mich, aber nie so, dass ich mich unbehaglich dabei fühle. Ich bleibe unbehelligt und unterhalte mich mit Freunden.

Normalerweise wohnen die Fussballer eher in den Vororten, aber Sie wohnen direkt im Zentrum von London, am Ufer der Themse. Warum?
In den Vororten wohnen im Allgemeinen diejenigen, die Kinder haben. Dort geht es etwas ruhiger zu. Das sind unterschiedliche Abschnitte der Karriere. In diesen ersten Jahren möchte ich mein Umfeld gern kennenlernen. Schließlich bin ich noch jung. Ich laufe gern in der Stadt herum, gehe einen Kaffee trinken….solche Sachen eben.

Welche Orte mögen Sie besonders gern?
Das Phänomenale an London ist, dass es viele Städte innerhalb der Stadt gibt, mit einer ganz unterschiedlichen Atmosphäre. Ich mag den Stadtteil Chelsea, in Camden gibt es Gebiete, in denen man gut Klamotten kaufen kann, Notting Hill hat auch coole und außergewöhnliche Dinge zu bieten... London ist kosmopolitisch und anders als alles, was ich bisher gewohnt war.

Spielen Sie für Familienmitglieder und Freunde den Touristenführer?
In meinem ersten Jahr habe ich alle zu den typischen Orten begleitet, habe ihnen alles gezeigt. Jetzt drücke ich ihnen den Reiseführer in die Hand und lasse sie allein losziehen [lacht]! Ich versuche derweil, neue Orte zu entdecken: Ich höre sehr gern Live-Musik und spiele auch gern Tischtennis.

Würden Sie sich selbst als neugierigen Menschen bezeichnen?
Vielleicht als unternehmungslustig und etwas rastlos, weil ich die Stadt, die mich umgibt, kennenlernen möchte: Ich will wissen, wo ich lebe, wie die Stadt tickt, welche Gewohnheiten es dort gibt… Das liegt in der Familie. Meine Schwester ist auch ständig auf Reisen. Diese Neugier, unterschiedliche Lebensperspektiven kennenzulernen, hatten wir schon von klein auf. Ich habe mir meinen Rucksack geschnappt und mit Freunden die griechischen Inseln bereist, vor Kurzem war ich im Westen der USA...Ich wollte sehen, wie die Städte so sind.

Spielen Sie bei Chelsea, weil Sie gern in London leben wollten?
Ich habe mich entschieden, hierher zu kommen, weil ich bei einer erstklassigen Mannschaft wie Chelsea spielen wollte, die nach Titeln strebt. Aber es stimmt schon, dass die Aussicht, in dieser Stadt leben zu können, mir die Entscheidung erleichtert hat.

Können Sie sich vorstellen an einem Ort zu spielen, an dem Sie ihre Unternehmungslust abseits des Fussballfeldes nicht stillen können?
Ich weiß nicht. Wenn du dort wo du lebst glücklich bist, bist du mit deiner gesamten Umgebung zu frieden und kannst in Ruhe trainieren, Leistung bringen und gut spielen. Es ist wichtig, dass man in seiner Stadt die Möglichkeit hat, vom Fussball abzuschalten wie es einem gefällt. Vielleicht kann ich mir ja am Ende meiner Karriere einen Klub nur danach aussuchen, wo er sich befindet.

Vermissen Sie Spanien?
Manchmal vermisse ich mein Zuhause, meine Familie…die Lebensqualität in Valencia, wo der Strand nicht weit entfernt ist. Aber ich bin sehr zufrieden hier. Ich finde es toll, eine solche Erfahrung zu machen, in einem anderen Land zu leben, neue Dinge kennenzulernen. Das hat mir geholfen, mich zu entwickeln, das Leben aus anderen Perspektiven zu sehen, zu reifen.

Was ist die größte Lehre, die Sie aus den zwei Jahren in London ziehen konnten?Das man sich trauen sollte, solche Entscheidungen zu treffen. Für mich wäre es bequemer gewesen, in Spanien zu bleiben, aber ich brauchte irgendwie einen Ansporn, eine Veränderung. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, mutige Entscheidungen zu treffen. Wenn es dann gut für dich läuft, ist das eine große Bestätigung.

Hatten Sie Angst?
Ich hatte Respekt. Ich wusste nicht, ob mir die Anpassung an den englischen Fussball oder an die neue Umgebung gut gelingen würde, aber tief im Inneren habe ich darauf vertraut, dass schon alles gut gehen würde.

Sie sind sehr reif für Ihr Alter.Was haben Sie noch Kindliches an sich?
Ich glaube, man muss sich immer ein gewisses Maß der Unschuld und der Träume bewahren, die Kindern eigen sind. Es wäre schlecht, wenn ich diese Eigenschaften verlieren würde. Wir Fussballer tragen schon sehr früh eine hohe Verantwortung. Das führt dazu, dass wir schneller erwachsen werden, als unsere Altersgenossen. Aber es gibt Augenblicke, in denen man nicht so ernst sein und sich einfach mitreißen lassen sollte. Wie diese Leute, die ganz harmlos aussehen, aber ununterbrochen Späße machen…[lacht]. Meine Schwester ist hier in London, und wir flachsen viel herum. Wenn meine Freunde zu Besuch kommen, ist es genauso.

Wie schaffen Sie es, Ihr Universitätsstudium und Ihre Profikarriere unter einen Hut zu bringen?
Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Ich mag die Welt des Marketing, der Werbung und der neuen Technologien. Der Fussball und diese Dinge schließen sich gegenseitig nicht unbedingt aus. Seit ich in London bin, ist das Ganze etwas komplizierter geworden, aber ich bin immer noch für INEF [Anm. d. Red.: Wissenschaft der körperlichen Aktivität und des Sports] und Marketing eingeschrieben. Ich stehe mit meinem Tutor in Kontakt, auch wenn es zeitlich schwer ist, alles unter einen Hut zu bringen. Das Wichtigste in meinem Leben ist derzeit der Fussball, aber ich möchte meine Studien abschließen. Ohne Eile, aber auch ohne Pause.

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