Confed Cup 2013

Del Bosque: "Sind noch blutige Anfänger"

(FIFA.com)
Spain's coach Vicente del Bosque arrives at a press conference
© AFP

Vicente del Bosque strahlt Ruhe und Erfahrung aus - zwei Eigenschaften, mit denen man auch die spanische Auswahl beschreiben könnte, die er seit fünf Jahren trainiert. Innerhalb dieses Zeitraums ist er mit dem Team Welt- und Europameister geworden und hat sich vor allem für seine klar umrissene Spielphilosophie weltweit Anerkennung verschafft. Die Spanier sind im internationalen Fussball zu einem Musterbeispiel avanciert.

Kurz vor der Begegnung mit Gastgeber Brasilien im Finale des FIFA Konföderationen-Pokals 2013, das im legendären Maracanã-Stadion stattfindet, nahm sich der beste Trainer des Jahres 2012 Zeit für ein Exklusiv-Interview mit FIFA.com. Die Trophäe dieses Turniers ist im Übrigen die einzige, die den Spaniern noch fehlt.

Herr Del Bosque, wenn Sie an den Spielverlauf, nicht an das Ergebnis, denken, welche Schlüsse – positive und negative – ziehen Sie aus dem Halbfinale gegen Italien?Wir hatten sehr schwierige Situationen. Italien ist die Mannschaft, die uns die meisten Probleme bereitet hat. Aufgrund der Stärken der Italiener und des einen oder anderen Defekts unserer Mannschaft waren wir zu offen. Diesen Fehler hatten wir vorausgesehen, konnten ihn aber bis zur zweiten Halbzeit nicht abstellen. Außerdem haben wir in diesem Spiel nicht dominiert. Normalerweise haben wir 60 oder 70 Prozent Ballbesitz, dieses Mal war das Ganze ausgeglichener.

Wir waren überrascht, dass Sie die Liste der Elfmeterschützen nicht vorbereitet hatten…Das ist kein wichtiges Thema. Wir haben zahlreiche Spieler, die Elfmeter ausführen können, und die Reihenfolge war irrelevant. Das ist bei uns auch bei Elfmetern während der Spiele so. Wer sich von den drei oder vier Spielern, die als Schützen in Frage kommen, gerade am meisten zutraut, der soll es machen.

Sie haben auch etwas über die Teamarbeit mit Ihren Mitarbeitern gesagt. Wie funktioniert das bei Ihnen?Ein Trainer darf nicht die ganze Zeit in seiner eigenen Welt verharren und denken, er kann alles allein lösen. Auch abseits der Trainerbank nicht. Acht Augen sehen mehr als zwei, und meine Mitarbeiter geben mir immer einen besseren Einblick in die Dinge. Einer allein kann die Schwachpunkte der Mannschaft manchmal nicht erkennen.

In diesem Zusammenhang war die Einwechslung von Javi Martínez interessant, der auf der ungewohnten Position des Stürmers zum Einsatz kam. Ist das eine Variante, die Sie vorher schon ausprobiert haben, oder hatte das etwas mit dem Spielverlauf zu tun?Das war nicht vorgesehen, sondern eine Reaktion auf die Ereignisse auf dem Spielfeld. Das Spiel brauchte mehr Vitalität, Kraft und beharrlichen Einsatz in einem Bereich, in dem Xavi und Iniesta sich bereits mächtig ins Zeug gelegt hatten. Gleichzeitig brauchten wir aber auch jemanden, der sich von den Gegenspielern befreien konnte und kopfballstark war. Es waren mehrere Dinge erforderlich, und Javi Martínez konnte mit all diesen Eigenschaften aufwarten.

Haben Sie das Gefühl, dass Spanien immer härter auf die Probe gestellt wird?Auf uns lastet aufgrund unserer Erfolge ein hoher Druck. Vorher waren wir Aspiranten, jetzt sind wir Titelverteidiger, daher ist es normal, dass man uns besser kennt und dass wir den Gegner nicht mehr so überraschen können. Es ist nicht einfach, neue Wege zu finden, die anderen zu überraschen. Daher müssen wir alles sehr gut machen.

Eine der Stärken Ihres Teams ist nach wie vor die Abwehr, und das, obwohl sie ein neues Innenverteidiger-Duo integriert haben. Glauben Sie, dass die Defensive zu wenig Anerkennung findet?Wir stehen nicht in dem Ruf einer defensiv eingestellten Mannschaft, niemand könnte uns darauf reduzieren. Es ist ganz klar, dass es einen direkten Zusammenhang gibt. Die Zeit, die wir in Ballbesitz sind, hat Einfluss darauf, wer die Initiative ergreift. Dies ist keine Mannschaft, die viel nach hinten schaut, und das ist zum großen Teil das Verdienst von Busquets und Xavi, die für das nötige Gleichgewicht sorgen.

*Bevor wir auf den Finalgegner Brasilien zu sprechen kommen, würden wir gern wissen, wie das Finale als Ganzes auf Ihre Spieler wirkt: das Maracaná, der Gegner, die Bedeutung der Partie. Bringt sie das zum Träumen?  *Die Spieler sind noch jung und haben Träume und Wünsche. Es wäre sehr schlecht, wenn sie diese eines Tages nicht mehr hätten. Während viele von unerreichbaren Dingen träumen, haben diese Jungs sich schon viele Träume erfüllen können. Es ist schön zu wissen, dass diese Partie neue Träume in ihnen weckt. Ohne Emotionen kannst du nichts erreichen.

Was sagen Sie zur aktuellen brasilianischen Mannschaft?Das ist ein Gegner, der sich nicht leicht dominieren lässt. Die Flanken sind mit Spielern besetzt, die über eine gute Ballkontrolle verfügen und sich in gute Torschusspositionen bringen können. Der zentrale Kern bringt das Gleichgewicht in die Mannschaft – sowohl die Innenverteidiger als auch die zentralen Mittelfeldspieler. Das ist ein junges, komplettes und sehr spritziges Team. Wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht gleich zu Beginn überrollen.

Sind Sie überrascht, dass Luiz Felipe Scolari in gerade einmal sechs Monaten so viel geschafft hat?Scolari ist ein großer Kenner des brasilianischen Fussballs, und er versucht, ihm sein eigentliches Wesen zurückzugeben, allerdings verknüpft mit der Organisation einer europäischen Mannschaft. Sie haben keine Stars, aber sie haben Substanz, und er hat eine Mannschaft gebildet – im wahrsten Sinne des Wortes. Dies war ein großer Test für sie, und sie haben das Ziel erreicht und sind ins Finale eingezogen.

Gibt es im Finale einen Favoriten?Es ist eigentlich ganz offensichtlich, aber ich sage es noch einmal: In solchen Spielen zählt die Vergangenheit nicht. Sie sind die 'Väter' des Fussballs, und wir sind im Hinblick auf Titel noch blutige Anfänger, aber das Spiel fängt trotzdem beim Spielstand von 0:0 an.

Was würde der Titelgewinn für diese Generation spanischer Spieler bedeuten?Gegen Brasilien auf eigenem Platz zu gewinnen, das hätte schon wichtigen Symbolcharakter. Wir haben für das bisher Erreichte viel Anerkennung erfahren, aber Anerkennung erhält man nur, wenn man weiter gewinnt. Wir hoffen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

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