Falls Harrison Afful eines Tages seine fussballerischen Memoiren schreiben sollte, würde der 12. November 2011 dabei zweifellos einen ganz besonderen Platz einnehmen. Denn an diesem Tag feierte er mit seinem Klub Espérance Sportive de Tunis, dessen erster Erfolg auf der kontinentalen Bühne schon 17 Jahre zurücklag, den zweiten Titelgewinn in der CAF Champions League. Mit dem 0:0-Auswärtsremis im Final-Hinspiel gegen den marokkanischen Vertreter Wydad Casablanca hatte seine Mannschaft das Tor nach Japan bereits weit aufgestoßen, denn jetzt galt es "nur" noch, die zweite Finalpartie vor heimischem Publikum zu gewinnen.

In der 21. Spielminute des Rückspiels war es dann so weit. Nachdem das "Leichtgewicht" von Espérance Tunis über die rechte Seite in den gegnerischen Strafraum gestürmt war, schickte er den Torhüter der Marokkaner mit einer geschickten Täuschung in die falsche Ecke und jagte das Leder unhaltbar in die Maschen. Danach überschlugen sich für Afful die Ereignisse, schließlich hatte er seine Mannschaft damit zum kontinentalen Titel geschossen - eine Leistung, die umso beachtlicher ist, da sie von einem Verteidiger erbracht wurde, der sich ansonsten kaum als Torschütze hervortut.

FIFA.com unterhielt sich mit Afful, der fest entschlossen ist, auf seinen individuellen Erfolg aufzubauen und neue Höhen zu erklimmen. Der Ghanaer erinnert sich noch sehr gut an seine Aktion, so als wäre es erst gestern gewesen. Und er hat auch allen Grund dazu. Hunderte Mal hat er sich seitdem das Video mit seinem Treffer angesehen. "Ich kann nicht umhin, mir mein Tor immer und immer wieder auf meinem Computer anzuschauen", so Afful mit einem Lächeln auf den Lippen. "Auf diesen Bildern erkenne ich mich kaum wieder. Normalerweise bin ich ja kein Torjäger, sondern eher für die Torvorlagen zuständig."

Ein Spieler wie er, der sonst kaum im Rampenlicht steht, bekommt noch heute eine Gänsehaut, wenn er an den unbeschreiblichen Jubel denkt, den sein Treffer auslöste. "Ich kann mich einfach nicht daran satt sehen und hören, wie mich meine Mitspieler gefeiert haben und wie der tunesische Reporter vor Begeisterung gejubelt hat. Trotzdem hütet er sich davor, diese Euphorie automatisch auf die bevorstehende FIFA Klub-Weltmeisterschaft Japan 2011 zu übertragen. "Ich habe stets versucht, einen Schritt nach dem anderen zu tun und meinen Rhythmus einzuhalten. Daher werde ich auch weiterhin geduldig bleiben."

Gegenseitige Sympathie
Seine ersten Schritte machte Afful in der Fussball-Akademie, die Feyenoord Rotterdam in Ghana unterhält. Danach spielte er zwei Jahre auf Leihbasis für den ghanaischen Klub Asante Kotoko. Für den Verteidiger, der gerade einmal 58 Kilogramm auf die Waage bringt, war dies eine willkommene Gelegenheit, sich Spielpraxis und Wettkampfhärte anzueignen.

Anschließend beschloss Falfoul, wie er von den Espérance-Fans gerufen wird, beim tunesischen Traditionsklub eine neue Herausforderung zu wagen. Nachdem es zunächst nur schleppend voranging, änderte sich die Situation im Jahr 2010 nahezu schlagartig, als Trainer Nabil Maaloul die Mannschaft übernommen hatte. Denn zu ihm hatte Afful von Beginn an ein gutes Verhältnis, das wiederum auf gegenseitiger Sympathie beruht. "Er ist für uns alle wie ein Vater. Sein Wort hat bei uns Gewicht, und er selbst nimmt sich die Zeit, seine Mannschaftsaufstellungen zu erläutern und mit uns darüber zu sprechen. Er vernachlässigt niemanden und redet viel mit uns", versichert Afful.

Immerhin musste der tunesische Coach, der gegen bestimmte Gegner auf Verteidiger setzt, die rein defensive Aufgaben erfüllen, dem Ghanaer erklären und begründen, warum er noch immer keinen Stammplatz in seiner Mannschaft sicher hat. Der nur 1,68 Meter große Abwehrspieler nimmt daran keinen Anstoß. "Der Trainer hat seine eigenen taktischen Vorstellungen. Ich höre mir seine Argumente an und gebe mein Bestes, um seinen Erwartungen künftig besser gerecht zu werden."

Auch wenn diese Worte etwas gekünstelt klingen, so scheinen sie dennoch ehrlich gemeint zu sein, zumal sie aus dem Munde eines Spielers kommen, der sich seinen Trainern im Klub wie auch in der Nationalmannschaft lieber auf dem Platz beweist. So hatten seine Leistungen in der ghanaischen Liga im Jahr 2009 die Aufmerksamkeit des damaligen Nationaltrainers Claude Le Roy geweckt. Mit dem Ergebnis, dass Afful zu einem ersten Kurzeinsatz im Team der Black Stars kam. Im Kader für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ fand er indes keine Berücksichtigung, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als den WM-Auftritt seiner Landsleute vor dem Fernseher zu verfolgen.

Nichtsdestotrotz will der in Kumasi geborene Verteidiger alles daran setzen, die Farben seines Landes möglichst bald wieder im Nationaltrikot zu vertreten. Sein Treffer im Finale der CAF Champions League ist für Ghanas neuen Auswahlcoach Goran Stevanović sicher ein gutes Signal.

Geduld und kontinuierliche Arbeit
Der 25-Jährige wiederholt sich gern, wenn er sagt, dass er Geduld und kontinuierliche Arbeit für den besten Weg hält, um im Fussball weiter voranzukommen. "Ich bin ein ruhiger Typ, der immer versucht, sich auf das nächste Ziel zu konzentrieren und dabei Schritt für Schritt vorzugehen." Falls sich der frisch gebackene CAF Champions League-Sieger bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft in Bestform präsentiert, wird er sicher viele solcher Schritte machen können. Afful selbst glaubt fest daran.

"Unser Ziel besteht darin, in Japan mit guten Leistungen aufzuwarten. Auch wenn es schwer sein wird, angesichts unserer eigenen Qualitäten gibt es nichts, was schon von vorn herein unmöglich wäre", so der Abwehrspieler, der bereits 2010 im Finale um den kontinentalen Titel, in dem sein Team gegen TP Mazembe unterlag, für den einzigen Treffer der Tunesier gesorgt hatte. "Wir sind durchaus in der Lage, bei diesem Turnier weiterzukommen."

Dazu allerdings müssten sich Afful und seine Mannschaft erst einmal gegen den katarischen Klub Al Sadd durchsetzen, um sich dann im Halbfinale mit dem FC Barcelona messen zu können. Zweifelsohne eine Mammutaufgabe, der sich Afful jedoch mit seiner ebenso einfachen wie effektiven Art stellen will. Konkret heißt das für ihn, sich möglichst keinen Druck aufzuerlegen und sich auf das eigene Spiel zu konzentrieren - so wie er es auch schon im Finale der CAF Champions League getan hat.