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Vom Kampf gegen die Kriminalität zum Kampf gegen Fouls

Kylie Cockburn, police officer and referee.
  • Kylie Cockburn war Schiedsrichterin bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™
  • In ihrer Heimat Schottland arbeitet sie als Polizistin
  • Die 30-Jährige erklärt, wie gut sich ihr Beruf und ihr leidenschaftliches Hobby ergänzen

Wer möchte gern in die Rolle des Schiedsrichters schlüpfen?

Diese Frage wurde schon unzählige Male gestellt. Beobachter, Bewunderer und auch Kritiker geben gern zu, dass der Job als Schiedsrichter meist wenig beneidenswert und manchmal nahezu unmöglich ist.

Beschimpfungen dürfen sich alle Schiedsrichter ab der Amateurklasse aufwärts immer wieder anhören. Die Elite muss zudem mit den Argusaugen der Medien sowie mit stets voreingenommenen und unversöhnlichen Fans klarkommen. Eine dicke Haut ist eine absolute Grundvoraussetzung - und die Haut von Kylie Cockburn ist dicker als die meisten.

Die 30-Jährige, die mehrere Spiele bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™ leitete, ist samstags oft als Schiedsrichterin in der schottischen Liga im Einsatz. Den Rest der Woche allerdings arbeitet sie als Polizistin. Daher hat sie auf dem Feld auch keinerlei Probleme damit, Spielerinnen zu ermahnen und Trainerinnen zurechtzuweisen.

"Beschimpfungen? Wie Sie sich bestimmt vorstellen können, sind die bei der Arbeit viel schlimmer!", sagte sie gegenüber FIFA.com. "Was man als Schiedsrichterin zu hören bekommt, ist im Vergleich dazu gar nichts."

Kylie Cockburn, police officer and referee.

Der Job hat Cockburn gegen Bemerkungen abgehärtet, die andere aus der Bahn werfen würden. Und sie hat noch weitere wertvolle Fähigkeiten erworben, die ihr als Schiedsrichterin enorm zugute kommen.

"Bei der Polizei lernt man, wie man mit Menschen reden muss und auch, wie man die Situation beruhigen kann, wenn es mal hoch hergeht oder das Temperament mit jemandem durchgeht", erklärt sie. "In meinem Job habe ich tagein, tagaus mit Menschen zu tun, die Probleme haben. Das hilft schon sehr, wenn es dann auf dem Fussballplatz zu Reibereien kommt."

Allerdings war der Polizeiberuf nicht Cockburns erstes Ziel . Und auch die Arbeit als Schiedsrichterin stand nicht ganz oben auf der Liste. Als Teenager hatte sie den Traum, es als Spielerin zu einer FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ zu schaffen. Für dieses Ziel arbeitete sie mit großer Leidenschaft. Doch die gleichzeitige Arbeitsbelastung war sehr hoch und allmählich wurde ihr klar, dass ihr das letzte bisschen Talent fehlte und sie es nicht schaffen würde, für ihr Land zu spielen. Also suchte sie nach einem anderen Weg.

"Ich war 21, als ich als Schiedsrichterin anfing. Bis dahin hatte ich hier in Schottland in der First Division der Frauen gespielt. Aber bei der Polizei musste ich im Schichtdienst arbeiten und es wurde immer schwieriger, es überhaupt zu den Spielen und drei oder vier Trainingseinheiten in der Woche zu schaffen.

In der Altersklasse U-17 gehörte ich zum schottischen Elitekader. Doch danach habe ich aufgehört, weil ich zu diesem Zeitpunkt erkennen konnte, dass ich es nicht bis nach ganz oben schaffen würde.

Aber ich bin ein Mensch, der bei so etwas nicht aufgibt. Ich fragte mich also, wie ich es trotzdem an die Spitze schaffen würde. Dann entschied ich mich, es einmal als Schiedsrichterin zu versuchen. Und ich bin sehr froh über diesen Entschluss."

Bei ihrer Tätigkeit als Schiedsrichterin macht Cockburn immer wieder einzigartige Erfahrungen. Sie lief im größten Stadion des Landes aufs Spielfeld, sie leitete Länderspiel in Jordanien und Uruguay und überall in Europa. Doch der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere war die unerwartete Ernennung für die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™.

The match officials are seen in the tunnel at half time during the 2019 FIFA Women's World Cup France group F match between USA and Chile at Parc des Princes on June 16, 2019 in Paris, France.

"Frankreich war durchaus ein Ziel, aber der Anruf kam trotzdem überraschend, denn eigentlich bin ich noch relativ neu auf diesem Niveau dabei", so Cockburn, die unbezahlten Urlaub nahm, um beim Weltturnier dabei sein zu können.

"Ich wurde sogar bis in die K.o.-Runden eingesetzt und blieb bis zum Ende. Das war fantastisch. Ich hatte damit gerechnet, ein Spiel zu pfeifen und dann wieder abzureisen. Dass ich letztlich drei Partien geleitet habe und bei weiteren zweien als VSA eingesetzt war, ist viel mehr, als ich mir je erträumt hätte.

"Die Tätigkeit als Video-Schiedsrichterassistentin hat mir sehr großen Spaß gemacht. Man musste sich allerdings erst einmal daran gewöhnen. Doch bei einer Schulung in Katar hatte man uns sehr gut vorbereitet.

"Wir waren am Ende ziemlich zufrieden mit dem, was wir dort geleistet haben, auch wenn es naturgemäß auch immer wieder mal Kritik gab. Der Frauenfussball hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt und verbessert. Das gilt auch für Schiedsrichterinnen.

"Ich fand es toll, dass wir Schiedsrichterinnen abseits des Feldes sehr eng zusammen waren – fast wie eine Familie. Ich habe das schöne Gefühl, Freundinnen fürs Leben gefunden zu haben. Im November fahre ich nach Australien in den Urlaub. Sofort nachdem ich meine Flüge gebucht hatte, habe ich organisiert, mich mit den beiden australischen Schiedsrichterinnen zu treffen, die ebenfalls in Frankreich waren."

Diesen Urlaub in Down Under hat sich Cockburn mit ihrer Professionalität und ihrer Leidenschaft ganz sicher verdient. Nach ihrer Rückkehr will sich die resolute Schottin dann ganz auf ihre nächsten Ziele konzentrieren: Partien in der höchsten Spielklasse bei den Männern zu leiten – und natürlich bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2023™.

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