#WeLiveFootball

Müller und das besondere erste Tor

Matthias Müller (picture courtesy of Matthias Müller)
© Others
  • Matthias Müller leidet an einem Gendefekt, der seine Sehkraft auf 10 Prozent reduziert
  • Er spielt für den SC Aadorf und ist großer Fan des FC Liverpool
  • "Negative Erfahrungen? Glücklicherweise überhaupt nicht!"

Allein für Real Madrid erzielte Cristiano Ronaldo 450 Treffer, in der Champions League kommt er auf bisher117. Ob er sich an sein allererstes Tor als Profi erinnern kann? Vielleicht. Ob es den gleichen Stellenwert für ihn hat, wie das erste selbst erzielte Tor für Matthias Müller? Man weiß es nicht.

Müller leidet an einer Sehbehinderung, Achromatopsie genannt. Ein Gendefekt, durch den seine Sehkraft auf zehn Prozent reduziert und der eine totale Farbblindheit beinhaltet. Deshalb nicht Fussball zu spielen? Keine Alternative für den 25-Jährigen, der sich im Alter von zwölf Jahren dem SC Aadorf anschloss und bei den C-, B- und A-Junioren spielte, ehe er zu den Aktiven wechselte. Sein bisher schönstes Erlebnis auf dem Platz?

"Das ist sicherlich das erste Tor, oder die ersten beiden Tore, die ich als Aktiver erzielt habe", erzählt Müller im Gespräch mit FIFA.com. "Es hat wirklich lange gedauert, bis ich mich an das Tempo gewöhnt hatte und als ich dann wirklich das erste Tor geschossen habe, haben mir alle gratuliert. Auch die Zuschauer, mit denen man sonst nicht so viel Kontakt hat. Mir wurde noch eine Woche später gratuliert. Der ganze Verein hat sich dermaßen gefreut, dass ich das Tor endlich gemacht habe. Da ist mir bewusst geworden, wie sehr der Verein schätzt, dass ich den Sport ausübe."

Achromatopsie kurz erklärt

  • Sehr seltene, vererbte Erkrankung der Netzhaut
  • Betroffene Menschen sind vollkommen oder teilweise farbenblind
  • Verminderte Sehschärfe, sie beträgt nur etwa fünf bis 15 Prozent der normalen Sehschärfe
  • Hohe Blendungsempfindlichkeit - Im grellen Sonnenlicht kann die ohnehin schwache Sehkraft fast vollständig aufgehoben sein
  • Farben werden in vielen Graustufen von Schwarz bis Weiß wahrgenommen

Was für andere Fussballer selbstverständlich erscheint, stellt Müller vor große Herausforderungen. "Wenn ich selber spiele ist die Schnelligkeit natürlich ein Riesenproblem und wenn der Ball von oben kommt – sei es bei einem Abschlag oder einer Flanke von innen. Das ist extrem schwer für mich. Wenn ich in die Luft schauen muss, sehe ich den Ball erst spät und muss wirklich abwarten, bis er neben mir aufprallt. Ich habe es lieber, wenn ich tief angespielt werde“, erklärt der Maschinenbauingenieur, der auf und neben dem Platz eine rot-orange gefärbte Sonnenbrille trägt, um seine lichtempfindlichen Augen zu schützen.

"Am schlimmsten ist es, wenn der Himmel ganz hell ist und es richtig blendet – dann sehe ich um einiges weniger, als wenn es sich zum Beispiel um ein Nachtspiel mit Scheinwerfern handelt. Da darf ich dann einfach nicht in die Scheinwerfer schauen. Wenn der Himmel verdunkelt ist, funktioniert es ganz gut.“ Es ist auch nicht immer einfach für ihn seine Mitspieler oder Gegner anhand der Trikots zu unterscheiden, und so kommt es schon mal vor, dass er auf die Stulpen oder Hosen achten muss, um zu sehen, wer auf ihn zu gerannt kommt.

Es ist jedoch nicht nur das Spielen selbst, dass Müller vor Herausforderungen stellt. Ein Spiel im Stadion zu verfolgen ist ebenfalls nicht so einfach.

"Entfernung ist das größte Problem. Ich beobachte das Spiel dann immer mit einem Fernglas und dadurch sieht man natürlich immer nur einen kleinen Teil", erklärt der sympathische SCA-Spieler. "Wenn eine Mannschaft rot trägt und die andere weiß, dann kann ich das gut auseinanderhalten. Bei Liverpool weiß ich wer wo spielt, bei der Schweizer Nationalmannschaft ebenso. Da kann man ungefähr erahnen wer wer ist. Es hilft auch, dass sich selbst schon ein paar Jahre Fussball spiele. Ich kann dann erahnen, wo ungefähr die Flanke kommt."

Mit negativen Reaktionen auf dem Fussballplatz sieht sich Müller zum Glück nicht konfrontiert. In seinem Umfeld und im Verein kennt man ihn schon lange und weiß genau, was er hat. "Nach oder auch während eines Spiels werde ich manchmal gefragt, warum ich eine Sonnenbrille trage. Das gab es gerade vor ca. zwei Wochen, dass ich danach gefragt worden bin. Man erklärt es dann halt schnell."

So einfach ist das.

Teambild-2-Mannschaft- SC Aadorf

Empfohlene Artikel