Lydia Nsekera, Präsidentin des Fussballverbandes von Burundi, wurde am 21. Mai 2012 für ein Jahr in das FIFA-Exekutivkomitee gewählt, wobei die endgültige Bestätigung durch den FIFA-Kongress am 25. Mai noch aussteht. Das Datum ist historisch, schließlich wird die burundische Funktionärin als erste Frau Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees.

Das 45-jährige Energiebündel hat sämtliche Hürden genommen, um dieses prestigeträchtige Amt zu bekleiden, ist aber trotzdem mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben. Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com sprach sie über ihren Werdegang, erläuterte, wie sie ihre Aufgabe interpretiert, und sprach über ihre Liebe zum runden Leder.

Lydia Nsekera, welche Bedeutung hat dieser Platz im Exekutivkomitee für Sie?
Das ist für mich und den Verband, der mir seit 2004 das Vertrauen schenkt, enorm wichtig. Um ehrlich zu sein, habe ich damals nicht geglaubt, dass ich in der Lage wäre, einen Verband zu führen, da dies eine sehr schwierige Aufgabe ist. Wenn die Nationalmannschaft Spiele verliert, über Schiedsrichterleistungen diskutiert wird und auch noch so kleine Probleme auftreten, wird immer gleich auf den Verbandpräsidenten verwiesen. Es herrscht ein permanenter Druck. Hinzu kommt, dass man in Afrika die Frauen nicht unbedingt in der Führungsrolle sieht. Dies gilt erst recht für den Fussball. Es hat folglich lange Zeit gedauert, bis ich akzeptiert wurde. Ich musste einiges in Kauf nehmen. Einige würden sogar von Opfern sprechen! Umso mehr freue ich mich jetzt für mich, den Verband und die Frauen.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe?
Das FIFA-Exekutivkomitee ist ein bedeutendes Gremium des Weltfussballs. Ich werde mit den anderen Mitgliedern an den Sitzungen teilnehmen und mit ihnen zusammenarbeiten. Ich sehe mich als Mitglied einer Familie. Meiner Ansicht nach gehört der Fussball der ganzen Welt. Mir geht es vor allem darum, die Entwicklung des Fussballs im Allgemeinen voranzutreiben. Natürlich stehe ich auch stellvertretend für den Frauenfussball, und ich glaube, dass es wichtig ist, eine Frau in einem Führungsgremium zu haben. Vordergründig vertrete ich aber die große Fussballfamilie. Der Fussball ist eben ein globaler Sport.

Kommen wir auf Ihren Werdegang zu sprechen...
Mein Vater war in den 70er Jahren Vereinspräsident. Meine ganze Familie hatte sich dem Fussball verschrieben. Einige meiner Cousins waren aktive Fussballer. Außerdem hielt mein Vater die Mannschaftsbesprechungen gerne bei uns zu Hause ab. Ich hatte also keine Wahl (lacht)! Ich habe als junges Mädchen nicht Fussball gespielt, da das zur damaligen Zeit in Afrika für junge Frauen verpönt war. Ich habe allerdings die ersten Frauenmannschaften in Bujumbura gegründet. Als die FIFA begonnen hat, den Frauenfussball zu fördern, wurde ich angesprochen, da ich die Frau war, die man immer im Stadion sah. Ich bin einfach fussballbesessen. Ich habe seit jeher Weltmeisterschaften und sogar Europapokalbegegnungen verfolgt. Damals war man auf der Suche nach einer Frau, die den Frauenfussball neu ausrichten sollte. Ich war zunächst Vizepräsidentin der burundischen Frauenfussball-Kommission und habe als solche die nationale Meisterschaft der Frauen ins Leben gerufen. Ich habe zudem zahlreiche Vereine gegründet.

Und wie ist es dann weitergegangen?
2001 wurde ich Präsidentin der Wettbewerbs-Kommission. Da der Verband durch innere Unruhen geschwächt war, hat die FIFA darauf gedrängt, 2004 vorgezogene Wahlen abzuhalten. Ich war auf einer der Kandidatenlisten und wurde gefragt, ob ich nicht für das Amt des Präsidenten kandidieren wollte. Ich habe sie angesehen und mir gedacht: 'Die sind doch nicht ganz bei Trost. Eine Frau als Präsidentin des burundischen Fusballverbandes ist undenkbar!'

Glauben Sie, dass Ihre Wahl dazu beigetragen hat, dass sich die Sicht der Dinge geändert hat?
Sicherlich bin ich in der Hinsicht ein positives Beispiel. Mein Land hat einen grausamen ethnischen Krieg hinter sich. Während der Verhandlungen von Arusha, in deren Rahmen es zu einer Neuaufteilung der Machtverhältnisse kam, hieß es, dass in den Führungspositionen des Landes 30 Prozent Frauen sitzen sollten. Fast das ganze Jahr vor den Präsidentschaftswahlen 2005 wurde ich als positives Beispiel für eine Frau in einer Führungsposition angeführt. Es hieß, dass der Fussballverband zehn Jahre lang unter internen Querelen gelitten hatte und dass mit der Amtsübernahme einer Frau endlich Ruhe eingekehrt war. Ich habe den burundischen Frauen also schon etwas das Tor geöffnet.

Welche Ziele haben Sie sich als Mitglied des Exekutivkomitees gesetzt?
Seit dem ersten Tag meiner Wahl in den Verband habe ich mir gesagt: 'Gut, ich bin jetzt hier, kann aber nicht mit Sicherheit sagen, ob auch andere Frauen verantwortungsvolle Aufgaben im Fussball werden übernehmen können.' Ich habe zudem festgestellt, dass ich im Frauenfussball nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Verfügung gehabt hätte. Ich wurde gewählt, da man erkannt hatte, dass ich mich in der Wettbewerbs-Kommission um die Vereine im Allgemeinen gekümmert hatte. Ich habe immer versucht, die strikte Trennung zwischen Männern und Frauen zu vermeiden. Ich habe beispielsweise weibliche Schiedsrichter bei Spielen der Männer eingesetzt und jene Frauen, die im Verwaltungsbereich einen positiven Eindruck hinterlassen hatten, ermutigt, den nächsten Schritt zu machen. Es ist schön, Spielerinnen, Schiedsrichterinnen und Trainerinnen zu haben. Sobald es sich aber um Aufgaben mit Verantwortung handelt, wird es schon schwieriger. Ich habe den Frauen gesagt, dass sie über ihre Grenzen hinausgehen und erkennen müssten, dass sie dazu durchaus in der Lage sind.

Wie haben Sie das geschafft?
Auf der einen Seite müssen die Frauen verstehen, dass sie sich nicht auf das Spiel beschränken müssen, sondern auch Verantwortung übernehmen und in die Führungsriege aufsteigen können. Die Männer müssen das aber auch akzeptieren. Ich kann ihnen aber aus persönlicher Erfahrung sagen, dass das gar nicht mal so schwierig ist: Die Männer haben mich in einem Land, in dem die Frauen keine tragende Rolle spielen, schließlich in einer Führungsposition akzeptiert.

Was fasziniert Sie so an diesem Sport?
Der Fussball hat eine gewaltige sozio-kulturelle Funktion. Ich will Ihnen eine Anekdote erzählen: Ich habe Vereine in Vierteln gegründet, in denen hauptsächlich Teile der Hutu-Bevölkerung lebten. Ich bin zwar keine Tutsi, habe aber sozusagen die typischen Gesichtszüge. 2000 tobte der Bürgerkrieg. Ich habe nachmittags die Spiele in den Vierteln verfolgt, habe die Begegnungen freigegeben, saß auf der Tribüne, verfolgte die Spiele und hatte keinerlei Probleme. Während des Spiels gab es nämlich keine ethnischen Unterschiede. Ich gehörte zur Führungsriege des Fussballs, mehr auch nicht. Jeder andere hätte da womöglich mit einem mulmigen Gefühl gesessen. Ich aber nicht, da ich Teil der Fussballfamilie war. Und genau das macht die Kraft dieses Sports aus.