Als der norwegische Schiedsrichter Egil Nervik am 12. September 1990 im schwedischen Landskrona das EM-Qualifikationsspiel zwischen den Färöer-Inseln und Österreich abpfiff, trauten die färöischen Spieler ihren Augen nicht: "Føroyar 1 - Eysturiki 0" stand auf der Anzeigetafel des Idrottsparken-Stadions geschrieben. Dank eines Treffers von Holzhändler Torkil Nielsen und den Paraden des Mannes mit der weißen Pudelmütze, Jens Martin Knudsen, einem Gabelstaplerfahrer aus der Fischfabrik Runavik, hatten die Färinger die internationale Fussballbühne in ihrem ersten offiziellen Qualifikationsspiel mit einem Paukenschlag betreten, ein Fussballmärchen war geboren. In der färöischen Haupstadt Tórshavn, in der ein gutes Drittel der 48.000 Einwohner leben, wurde die Nacht zum Tage gemacht und die färöischen Spieler wie Volkshelden gefeiert, nachdem ein Stromausfall fast die TV-Übertragung der Partie verhindert hätte.

Óli Holm, Präsident des färöischen Fussballverbands, erinnert sich: "Wir mussten unsere Heimspiele ja damals noch im Ausland austragen, weil wir noch keine echten Rasenplätze hatten. Wir reisten also nicht mit allzu großem Mut nach Schweden. Wir wussten nur sehr wenig über den internationalen Fussball und befürchteten eine deftige Abfuhr. Aber wir wussten, dass unser Stolz gepaart mit starkem Willen und Disziplin unsere Spieler bis zum bitteren Ende kämpfen lassen würde." "Es ist eine rhetorische Frage, wo der Fussball auf den Färöer-Inseln heute wäre, wenn wir nicht gegen Österreich gewonnen hätten. Und auch, wenn wir nicht beschlossen hätten, uns der internationalen Fussballfamilie anzuschließen", ergänzt Holm gegenüber FIFA.com.

Die aus 18 Inseln bestehende, im Nordatlantik zwischen Island, Schottland und Norwegen gelegene und zu Dänemark gehörende Inselgruppe, auf der es doppelt so viele Schafe wie Einwohner gibt, wie schon ihr Name Fóroyar (Schafsinseln) andeutet, war erst am 2. Juli 1988 der FIFA und am 18. April 1990 der UEFA beigetreten. Bis zu ihrem Sieg gegen Österreich waren die Färöer-Inseln vor allem Wanderern ein Begriff, die sich immer wieder von der mystischen Magie der Küstendörfer und der mehr als 1000 Kilometer langen Küstenlinie anlocken ließen.

Erste Vereinsgründung 1892
 

Hollands Clarence Seedorf (rechts) im Zweikampf mit Torhüter Jens Martin Knudsen (links) von den Faroer Inseln am 1. Juni 2004 in Lausanne, während eines Freundschaftsspiels
(AFP)
MARTIN BUREAU
Dabei wurde der erste Verein auf den Färöer-Inseln, Tvøroyrar Bóltfelag TB, bereits 1892 gegründet. Es folgten 1904 die beiden Vereine KÍ Klaksvík und Rekordmeister HB Tórshavn, die heute zu den Topklubs des Archipels gehören und die einzigen beiden Teams sind, die immer in der ersten Liga gespielt haben. 1942 wurde eine nationale Meisterschaft eingeführt, Mitte der 50-er Jahre gab es erstmals Pokalwettbewerbe. Vor allem die Einführung von Kunstrasenplätzen in den 80-er Jahren - Naturrasen ist aufgrund der klimatischen Bedingungen nur schwierig zu unterhalten - trug einen großen Anteil daran, die Popularität des Fussballs hin zum heutigen Nationalsport zu steigern. Insgesamt spielen derzeit rund 5.000 Menschen auf den Färöer-Inseln Fussball, gemessen an der Gesamtbevölkerung ein gewaltiger Anteil von fast zehn Prozent.

Seit dem Sieg gegen Österreich haben es die Färöer-Inseln immer wieder geschafft, scheinbar übermächtige Gegner in Verlegenheit zu bringen. Ein 2:2 gegen Slowenien in der WM-Qualifikation 2000, ein 2:2 gegen Schottland (nach 2:0-Führung) in der EM-Qualifikation 2002 und zwei knappe Niederlagen gegen Vizeweltmeister Deutschland (1:2 und 0:2) in den Qualifikationsspielen für die EURO 2004 sind Beleg für die stetig wachsende Qualität des färöischen Fussballs.

Warum der Fussballzwerg immer wieder gegen starke Teams bestehen kann? "Das ist schwer zu erklären, aber es hat wohl mit unserem Stolz und unserer Mentalität zu tun. Als kleine Fussballnation müssen wir in jedem Spiel hundertprozentig mit Herz und Kopf bei der Sache sein", so Holm. Noch immer üben viele Spieler neben ihrer sportlichen Betätigung einen Beruf aus, da die Gehälter bei den zehn Vereinen der ersten färöischen Liga nicht sehr hoch sind. So war es denn in der Vergangenheit keine Seltenheit, dass Fischer, Schafzüchter und Eisverkäufer auf dem Platz standen. Doch durch die Teilnahme an internationalen Länderspielen und europäischen Wettbewerben ist vieles in Bewegung geraten. Einige Spieler sind inzwischen im Ausland beschäftigt, wie aktuell unter anderem Suni Olsen, der beim FC Zwolle spielt, oder Jon Roi Jacobsen, unter Vertrag bei Bröndby IF Kopenhagen.

Nachwuchsförderung genießt hohen Stellenwert
Um den Fussball auf den Färöer-Inseln weiterzuentwickeln, verfügen die meisten der 22 Vereine, die im 1979 gegründeten färöischen Fussballverband "Fóbóltssamband Føroya" (FSF) zusammengeschlossen sind, über eigene Programme zur Förderung des Jugendfussballs. Dabei kommen Trainer zum Einsatz, die vom Verband ausgebildet wurden. In sechs verschiedenen Altersgruppen werden über die Inseln verteilt Jugendfussballturniere durchgeführt, was den Stellenwert der Nachwuchsförderung untermauert. Für jugendliche Talente, deren Sichtung auf der überschaubaren Insel nicht allzu schwer fällt, ist der Verband derzeit im Begriff, ein spezielles Entwicklungsprogramm ins Leben rufen.

Auch der Frauenfussball soll auf den Färöer-Inseln in Zukunft einen neuen Schub erhalten. "In den frühen 80-er Jahren haben wir sehr ehrgeizig damit begonnen, 1995 auch mit unserer Frauennationalmannschaft im internationalen Fussball teilgenommen", so Holm. Hier gibt es Nachholbedarf, wie er einräumt: "Der Frauenfussball bei uns ist in einer Talsohle, aber hoffentlich nicht zu lange." Während auf nationalem Gebiet in allen Altersstufen Frauenfussball-Wettbewerbe stattfinden, nehmen die Färöer-Inseln nur mit der U-19-Auswahl regelmäßig am internationalen Geschehen teil. Doch auch die A-Nationalmannschaft soll nun wieder internationale Partien bestreiten, zunächst steht ein Freundschaftsspiel gegen Irland auf dem Programm.

Verbesserungen der Infrastruktur
Inzwischen stehen für internationale Spiele in Toftir und Tórshavn zwei Stadien mit Naturrasen zur Verfügung. Die meisten Fussballplätze der Insel gehören nicht den Vereinen selbst, sondern sind im Besitz der Dörfer und Städte, wie z. B. in Tórshavn, wo die beiden größten Vereine HB und B36 mit zwei kostenlos zur Verfügung gestellten Kunstrasenplätzen auskommen müssen, auf denen jeweils rund 30 verschiedene Teams ihr Training bestreiten, was die Trainingsplanung erschwert. Daneben stehen die Plätze der breiten Öffentlichkeit, und hier vor allem den Kindern zur Verfügung.

Derzeit ist der Bau einer Fussballhalle in Planung, die technischen Vorbereitungen hierfür sollen in nicht einmal zwei Monaten abgeschlossen sein. Dies wird es in Zukunft ermöglichen, auch im Winter Trainingseinheiten, Spiele sowie diverse Turniere durchzuführen. Holm freut sich über die Entwicklung, die der Fussball auf den Färöer-Inseln genommen hat: "Ich bin davon überzeugt, dass heute jeder auf den Färöer-Inseln glücklich und stolz ist, ein Teil der internationalen Fussballfamilie zu sein. Der 12. September 1990 war der Beginn eines Märchens, doch auch unser heutiger Fussball-Alltag ist ein faszinierender und erfreulicher Teil unseres täglichen Lebens."