Gemeinhin werden die Schlagzeilen der Transferperioden klar von den europäischen Top-Ligen bestimmt, doch der Winter 2015/16 stellte eine überraschende Ausnahme dar. Nicht Spanien, England oder Deutschland dominierten, sondern die chinesische Super League. Keine andere Liga investierte rund um den Jahreswechsel mehr Geld in neue Spieler wie Alex Teixeira (ca. 50 Mio.), Jackson Martínez (ca. 42 Mio) oder Ramires (28 Mio.).

Ein Zufall oder gar Eintagsfliege? Keineswegs! Der Fussball im Reich der Mitte ist auf dem Vormarsch und will über kurz oder lang konkurrenzfähig sein. Zum einen sollen große und berühmte Stars die Zuschauer in die Stadien bringen, zum anderen liegt der Fokus auf dem eigenen Nachwuchs. Entscheidender Punkt: Lediglich drei Ausländer dürfen im Profibereich gleichzeitig auf dem Platz stehen, nur vier dürfen registriert sein. Im Nachwuchsbereich sind keine Ausländer erlaubt.

Ein Beispiel ist dabei der zweimalige FIFA-Klub-WM-Teilnehmer Guangzhou Evergrande FC (2013, 2015), der vor einigen Jahren die größte Fussballakademie der Welt mit über 2.500 Schülern und 170 Trainern geschaffen und dem Deutschen Marco Pezzaiuoli die Leitung übertragen hat. Seit Juli 2014 ist der ehemalige Bundesliga- und Juniorennationaltrainer für die Geschicke von der U-9 bis hin zu den Profis zuständig.

"Es ist wie ein kleines Schloss, eine kleine eigene Stadt mit Schulen. Die Nachwuchsspieler verbringen dort die meiste Zeit. Am Wochenende geht es zu den Familien. Früher war es so, dass regelmäßiger Spielbetrieb, wie wir das kennen, fast nicht möglich war, weil das Land so groß ist. Jetzt werden kleine regionale Turniere veranstaltet mit mehr als doppelt so vielen Spielen. Wettkampfpraxis ist da A und O für die Spieler", beschreibt Pezzaiuoli im FIFA.com-Interview seine Arbeit auf dem mehr als 350.000 Quadratmeter großen Areal mit unter anderem 47 Fussballplätze in verschiedenen Größen. Auch mit Cheftrainer Luiz Felipe Scolari gebe es einen regen Austausch. Er wolle immer informiert sein: Trainerausbildung, Trainingsinhalte, Offensiv- und Defensiv-Schwerpunkte.

In dieser Woche gastiert das Team aus dem Süden des Landes erstmals beim Blue Stars/FIFA Youth Cup und will dort gut abschneiden. Es ist nach dem Beijing Guoan FC (erreichte 2009 Platz 8) erst das zweite chinesische Team, das am prestigeträchtigen Jugendturnier teilnimmt. "Wir wollen das Gelernte auch auf höherem Niveau anwenden können. Ich hoffe, dass wir ein Spiel gewinnen und die Menschen sehen, dass da eine chinesische Mannschaft ist, die Fussball spielen kann, die Freude und Begeisterung zeigt sowie technisch und taktisch einen guten und modernen Fussball zeigt. Es soll anerkannt werden, welch gute Arbeit wir hier in China leisten."

"Die jungen Spieler müssen lernen. Das geht nur mit Auslandsfahrten wie zum Youth Cup. Dort haben wir die Möglichkeit uns zu präsentieren. Wir sind seit einem Jahr sukzessive im Ausland gewesen und haben viel Lehrgeld kassiert, aber auch viele Erfahrungen gesammelt. Ich habe die Mannschaft auf dem letzten Tabellenplatz übernommen und nun sind wir mit den gleichen Spielern Meister. Da hat sich viel getan. Jede Auslandsreise hilft dem chinesischen Fussball."

Und die Hilfe ist noch nötig, denn laut Pezzaiuoli hat der chinesischen Fussball im Vergleich zu Europa rund 30 Jahre an Erfahrung aufzuholen. "Es fängt schon im Kindergarten an. Es fehlt an Koordination und Bewegungserfahrungen mit verschiedenen Bällen. Früher wurde in Kindergärten eher marschiert. Das ist eine andere Form von Bewegung. Es dauert, neue Strukturen reinzubekommen. Das kann man nicht erzwingen, sondern das ist ein Entwicklungsprozess. Es ist aber positiv, dass man die Politik im Rücken hat und der Präsident uns unterstützt. Was den Fussball angeht, wird viel investiert. In 30 Jahren gibt es sicherlich auch den ein oder anderen Top-Spieler in den Spitzenligen Europas. Das ist ein tolles Ziel. Darüber hinaus wollen wir regelmäßig an Weltmeisterschaften teilnehmen und den ein oder anderen Titel holen", so der 57-Jährige und warnt: "Nichtsdestotrotz muss China aber auch authentisch bleiben. Sie dürfen nicht alles übernehmen und den deutschen oder italienischen Spitzenfussball kopieren, sondern sie müssen ihre eigene Kultur beibehalten und punktuell andere Einflüsse mit reinnehmen."

"Eine FIFA Fussball-WM™ würde den "Fussball in China auf jeden Fall voranbringen. Die Stadien sind schon jetzt voll. Die Leute strömen in die Stadien und unterstützen die Nationalmannschaft und die Vereine. Der nächste Schritt wäre eine WM, um den Fussball noch populärer zu machen." Das Fernziel lautet also, das größte Einzelsporterereingis ins Reich der Mitte zu holen. Das Nahziel ist erst einmal die zweite Teilnahme am weltweiten Gipfeltreffen zu schaffen. Auf dem Weg nach Russland 2018 stehen die Drachen in der dritten Runde. Die Tendenz ist positiv und der Blick richtet sich nach oben. "Wir stehen am Anfang, aber die Perspektive ist großartig."