Juventus ist auch in diesem Jahr italienischer Meister geworden. Mit dem fünften Meistertitel in Folge egalisierte Juve den vereinseigenen Rekord aus den Jahren 1930 bis 1935. Aus Schweizer Sicht spielte Stephan Lichtsteiner eine solide Saison. Für den 32-jährigen Luzerner war es ebenfalls die fünfte Meisterschaft in Folge. Kein aktueller Schweizer Fussballer ist im Moment erfolgreicher.

2002 bestritt Lichtsteiner mit Grasshoppers den Blue Stars/FIFA Youth Cup. Im Interview erinnert sich der Schweizer Nationalspieler an seine Teilnahme, spricht über seine Karriere und erteilt Nachwuchsfussballern wertvolle Ratschläge. "Qualität und Nachhaltigkeit setzen sich über kurz oder lang immer durch", so Lichtsteiner.

Stephan Lichtsteiner, Hand aufs Herz, als Sie als kleiner Junge mit dem Fussballspielen begonnen haben, hätten Sie sich jemals erträumt, Captain der Schweizer Nationalmannschaft zu werden?
Unser aktueller Captain ist nach wie vor Gökhan Inler. Ich vertrete ihn lediglich als Captain, wenn er abwesend ist. Generell hat für mich das Captain-Amt nie eine Rolle in meinen Überlegungen gespielt. Ich habe schon immer den Anspruch an mich gehabt, durch Leistung, Leidenschaft, Ehrgeiz und Siegeswille respektive absolute Siegermentalität ein Leader und Reißer zu sein. Ich bin mir meiner Verantwortung stets bewusst. Das Captain-Armband brauche ich dazu nicht. Ich habe als kleiner Junge davon geträumt, in der Nationalmannschaft zu spielen und mit Stolz mein Land zu repräsentieren. Ich bin stolz, dieses Ziel erreicht zu haben und die Nationalfarben meines Landes tragen zu dürfen.

Jede Karriere beginnt mal auf kleinerem Niveau. Sie haben 2002 mit GC den Blue Stars/FIFA Youth Cup bestritten. Was für Erinnerungen haben Sie noch an das Turnier?
Das Turnier ist sehr gut organisiert und für junge Spieler eine super Erfahrung. Es macht viel Spaß, sich mit internationalen Toptalenten messen zu dürfen. Das gibt einem einen guten Anhaltspunkt wo man steht. Für die individuelle Weiterentwicklung sind solche Turniere sehr gut. Ansonsten ist meine Erinnerung an dieses Turnier nicht sehr gut, denn wir haben es irgendwo im Mittelfeld abgeschlossen und wenn ich antrete, dann will ich die Turniere immer gewinnen. Das ist uns bei diesem Turnier leider nicht geglückt.

Lazio, bei dem Sie später in der Serie A gespielt haben, war 2002 ebenfalls am Blue Stars/FIFA Youth Cup. Gab es nach dem Turnier bereits schon die ersten Kontakte?
Nein. Definitiv nicht. Ich empfehle jedem Spieler, sich einfach voll auf den Fussball zu konzentrieren und sich nicht zu viele Fragen in solche Hinsicht zu stellen. Jeden Tag Vollgas seiner Leidenschaft und seinen Zielen nachzugehen reicht vollkommen aus. Qualität und Nachhaltigkeit setzen sich über kurz oder lang immer durch.

Worauf wir hinaus wollen ist, dass viele bekannte Spieler, die heute in Italien, England oder Deutschland spielen, ebenfalls den Blue Stars/FIFA Youth Cup bestritten haben. Ricardo Rodriguez, Admir Mehmedi, Xherdan Shaqiri, Joao Moutinho, Kaká… illustre Namen, die sich damals schon in Szene setzen konnten. Weiß man das als Spieler, dass man an solchen Turnieren von den großen Clubs beobachtet wird?
Mir war es dazumal nicht wirklich bewusst und offen und ehrlich gesagt auch vollkommen egal. Ich spielte zu diesem Zeitpunkt beim besten Club der Schweiz mit dem besten Nachwuchskonzept und den besten Nachwuchstrainern. Ich wusste, dass der Grasshoppers Club genau der richtige Club für mich war. Deshalb bin ich ja auch vom FC Luzern nach Zürich gewechselt. Andere Clubs, Medienaufmerksamkeit, Geld, all das hat für mich und meine Familie gar keine Rolle gespielt. Für mich ging und geht es nach wie vor nur um den Fussball! Beginnen sich die Prioritäten zu verschieben und das "neben dem Platz" gewinnt an Wichtigkeit, ist das klar leistungsmindernd.

Wie verfolgt Stephan Lichtsteiner heute den Nachwuchs-Fussball?
Aktuell hauptsächlich über meinen aktuellen Club Juventus Turin, wo ich immer wieder die Nachwuchsspieler im Training sehe. Generell interessiert mich der Nachwuchsfussball. Ich finde es äußerst spannend, die Entwicklung dieser Jungs zu beobachten, fussball- wie persönlichkeitstechnisch. In diesem Alter passiert sehr viel. Ich gebe auch gerne meine Erfahrungen weiter.

Was für einen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach der Blue Stars/FIFA Youth Cup?
Wenn sich die Frage auf das Prestige des Turniers reduziert, dann ist es eine Frage, die ich so schwer beantworten kann und auch nicht beantworten will. In diesem Alter geht es noch viel mehr um den Fussball selbst als um das Prestige und das ist auch sehr gut so. Das muss unbedingt so beibehalten werden. Dieses Turnier ist eine super Erfahrung für jeden jungen Spieler, der daran teilnehmen darf. Das ist mit Abstand das Wichtigste. Deshalb hat es für einen jungen Spieler selbst einen hohen Stellenwert. Alles andere ist für mich irrelevant und ich hoffe, dass sich die Veranstalter dessen immer bewusst sind.

Was für einen Tipp kann der Captain der Schweizer Nationalmannschaft und ehemaliger Blue Stars/FIFA Youth Cup-Teilnehmer heute einem jungen Spieler geben, der seine Karriere lancieren will?
Ganz simpel: Sich voll und ganz auf den Fussball zu konzentrieren und sich jeden Tag weiterentwickeln zu wollen. Den Fussball zu leben, sich vollkommen diesem herrlichen Sport zu verschreiben, immer mit vollem Herz und vollem Einsatz dabei zu sein und niemals zu denken, dass man schon alles weiß und alles kann. Den Fussball als Fussball und nicht als "Karriere" oder als "Beruf" zu leben. Niemals aufzugeben und es niemals zu akzeptieren zu verlieren. Bodenständig zu bleiben und ein stabiles, gesundes familiäres Umfeld zu haben. Und trotz all dem Leistungsdruck nie den Spaß und die Lust an diesem super Sport zu verlieren.