
Einmal am Abgrund und wieder zurück - so lässt sich die jüngste Vergangenheit der bulgarischen Nationalmannschaft wohl am treffendsten beschreiben.
Die EM-Endrunde wurde zum zweiten Mal in Folge verpasst. Und in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste wurden die Löwen in den letzten Monaten mehr oder minder nach unten durchgereicht. Doch im Herbst 2012 hat sich das Blatt gewendet.
Musste man im April diesen Jahres mit Rang 96 die niedrigste Platzierung überhaupt hinnehmen, so sind die Bulgaren nur sechs Monate später der Oktober-Aufsteiger der aktuellen Rangliste. Sage und schreibe 34 Ränge nach oben auf Platz 55 ging es für den WM-Vierten von 1994.
Einige Achtungserfolge
Der Umbruch eines Teams, das mit Dimitar Berbatov seinen besten Stürmer verloren hat, trägt also erste Früchte. Vor allem die Neubesetzung mit Lyuboslav Penev auf der Trainerbank war ein cleverer Schachzug. Der ehemalige Star-Angreifer war im November 2011 angetreten, um die Bulgaren wieder an die europäische Spitze heranzuführen. Und das zweifelsohne unter erschwerten Bedingungen, denn es galt, neben den älteren und erfahrenen Akteuren auch junge, unverbrauchte Talente einzubauen und die Weichen für die Zukunft zu stellen.
Die Bilanz Penevs kann sich seit seinem Amtsantritt wahrlich sehen lassen: In sechs Spielen gab es drei Siege, zwei Unentschieden und nur eine Niederlage (0:2 gegen die Türkei). Besonders der 2:1-Erfolg im Freundschaftsspiel in Amsterdam gegen den amtierenden Vize-Weltmeister aus den Niederlanden ließ aufhorchen.
Dazu startete das Penev-Team mit vier Punkten aus zwei Spielen in der WM-Qualifikation durchaus glänzend und trotzte dabei dem frischgebackenen Vize-Europameister aus Italien vor heimischer Kulisse ein 2:2-Unentschieden ab. Der Traum von der ersten WM-Teilnahme seit 1998 hat dadurch neue Nahrung bekommen, denn obwohl Bulgarien ein Land mit großer WM-Tradition ist, war die Auswahl in jüngster Vergangenheit weit von den Erfolgen entfernt, die Mitte der 90er Jahre erreicht wurden.
Begrenzte Möglichkeiten
Rückblick: 1994 erreichte das Team um die bulgarischen Helden Hristo Stoichkov, Iordan Letchkov oder Krassimir Balakov bei der WM in den USA Rang vier - der absolute Höhepunkt in der Fussball-Geschichte des osteuropäischen Landes. Im Viertelfinale wurde dabei kein Geringerer als Titelverteidiger Deutschland aus dem Turnier geworfen. Auf deutscher Seite trug damals Lothar Matthäus die Kapitänsbinde, der 17 Jahre später für ein Jahr das Traineramt Bulgariens übernahm.
"1994 ist lange her. Diese Zeiten sind vorbei. Der Fussball hat nicht mehr den Stellenwert von damals, und die Stimmung im ganzen Land hat sich verändert. Die Menschen müssen kämpfen, um sich über Wasser halten zu können. Das Geld wird an anderen Stellen dringender benötigt. Darunter leidet natürlich auch der Fussball und somit die Konkurrenzfähigkeit auf internationaler Ebene", so Penevs Vorgänger im vergangenen Jahr im exklusiven FIFA.com-Gespräch.
Der deutsche Rekordnationalspieler (150 Einsätze) und Weltmeister-Kapitän von 1990 hatte in seiner einjährigen Amtszeit (September 2010 bis September 2011) in neun Länderspielen nur zwei Siege gefeiert und das Ticket zur UEFA EURO 2012 in Polen und der Ukraine verpasst.
"Die Möglichkeiten in Bulgarien sind begrenzt und nicht mit Deutschland vergleichbar. Das zieht sich von der Jugendarbeit bis in den Profibereich. Es gibt junge Spieler, die großes Talent mitbringen, aber wenn diese nicht von Beginn an gefördert werden, ist es schwierig, den internationalen Standard zu erreichen. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass diese Talente so schnell wie möglich ins Ausland wechseln und dort Erfahrungen sammeln. Ich bin davon überzeugt, dass alle Nationalspieler eine Verstärkung für deutsche Bundesligisten sein könnten", erklärte Matthäus.
Bis auf Stürmer Ilian Micanski vom Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern hat keiner seiner Ex-Spieler derzeit den Sprung nach Deutschland geschafft.
Schwere Aufgaben
Doch trotz alledem haben die Bulgaren mit Stürmer Ivelin Popov (Kuban Krasnodar), Mittelfeldspieler Ivan Ivanov (FK Partizan) oder Außenverteidiger Spas Delev (vereinslos) einige vielversprechende und hungrige Akteure in ihren Reihen.
Bereits in der kommenden Woche kann das Team beweisen, dass der Höhenflug keineswegs nur eine Eintagsfliege war, denn am dritten bzw. vierten Spieltag der WM-Qualifikation warten mit Dänemark und der Tschechischen Republik zwei harte Brocken auf die Löwen, die in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste weit vor ihnen platziert sind.
Sollten auch hier Punkte eingefahren werden, dann darf mehr denn je von der achten WM-Teilnahme geträumt werden.
















