In den vergangenen 15 Jahren waren politische und sportliche Veränderungen in Serbien Alltag. Da stand zunächst die Gründung der Bundesrepublik Jugoslawien am 28. April 1992. Deren Nationalmannschaft bestritt ihr erstes Länderspiel jedoch erst über zwei Jahre später, am 23. Dezember 1994 (0:2 gegen Brasilien in Porto Alegre). Die Bundesrepublik Jugoslawien konnte sich für den FIFA-Weltpokal France '98™ (dort erreichte man das Achtelfinale) sowie für die UEFA EURO 2000 (Vorstoß bis ins Viertelfinale) qualifizieren. Dann aber schuf das Bundesparlament eine neue Konföderation. 2003 war die Geburtsstunde des - wie man heute weiß, kurzlebigen - Staatenbundes aus Serbien und Montenegro, der fortan auch eine neue Nationalmannschaft aufs Feld schickte.
Das erste Länderspiel Serbien und Montenegros war ein 2:2 gegen Aserbaidschan am 12. Februar 2003 in Podgorica. Mit Beginn der Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ zeigte die junge Nation dann aber erst so richtig, was in ihr steckte. Man blieb in allen zehn Spielen ungeschlagen, holte sechs Siege und ließ dabei Größen wie Spanien und Belgien hinter sich. Nur ein Gegentor in der Qualifikation bedeutete zudem Rekord für alle 51 Nationalmannschaften Europas, und angesichts dieser Defensivstärke wurde der Mannschaft mit Blick auf die WM in Deutschland gemeinhin viel zugetraut.
Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Erst verloren die Mannen von Trainer Ilija Petkovic gegen die Niederlande mit nur einem Tor Unterschied, dann kamen sie im Spiel gegen Argentinien mit 0:6 so richtig unter die Räder, um schließlich auch noch das letzte Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste knapp zu verlieren. Heute ist bekannt, dass die WM-Vorbereitung der Mannschaft bereits vor dem Hintergrund sich abzeichnender erneuter politischer Umwälzungen stattfand und es bereits klar war, dass der erste gemeinsame Auftritt Serbiens und Montenegros bei einem WM-Turnier auch der letzte sein würde.
Denn am 21. Mai 2006 stimmten die Montenegriner für eine Auflösung der politischen Union mit Serbien. Zwei Wochen später war Montenegro ein eigenständiger Staat, was bedeutete, dass die Mannschaftskameraden der Gegenwart die Konkurrenten der Zukunft sein würden. So kam es, dass die Balkanvölker zum vierten Mal binnen weniger als zwei Jahrzehnten eine neue Nationalmannschaft bekamen.
Denkwürdiges Debüt
Fünf Wochen nach dem Finale der WM 2006 bestritt Serbien sein
erstes Länderspiel auswärts in der Tschechischen Republik und
gewann mit 3:1. Zwar war es eigentlich der Abschied des großen
Pavel Nedved aus der tschechischen Nationalmannschaft, aber Serbien
mit seinem neuen Namen, der neuen Fahne, den neuen Trikots und der
neuen Hymne stahl dem legendären Mittelfeldspieler fast die Show.
Trotz des Rückstands durch Jiri Stajner von Hannover 96 sorgten
Danko Lazovic, Marko Pantelic von Hertha BSC Berlin und Aleksandar
Trisovic mit ihren Toren am Ende noch für ein denkwürdiges Debüt
Serbiens.
Unter der Leitung des ehemaligen spanischen Nationaltrainers Javier Clemente legte Serbien einen glänzenden Start in die Qualifikation zur UEFA EURO 2008 aufs Parkett. Daheim gab es eine Serie von drei Siegen gegen Aserbaidschan, Belgien und Armenien, auswärts ein hart erkämpftes Unentschieden in Polen. Angesichts der bestechenden Form, in der sich die Mannschaft momentan befindet, darf der Rückschlag der 1:2-Niederlage gegen Kasachstan am 24. März durchaus als Überraschung gewertet werden. Doch es blieb bei diesem einen Ausrutscher. Das 1:1 im Heimspiel gegen Portugal und das 2:0 auswärts in Finnland hievten Serbien auf den geteilten zweiten Gruppenplatz. Zwar sind es auf Spitzenreiter Polen aktuell fünf Punkte Rückstand, aber Serbien hat zwei Spiele weniger ausgetragen.
Star der Mannschaft in ihren bisherigen neun Spielen als eigenständige Nation war Nikola Zigic, der in allen Begegnungen dabei war und dabei fünf Mal traf. Der 26-Jährige ist mit seinen 2,02 Metern neben Jan Koller Europas größter Fussball-Nationalspieler. 2006 wurde er zu Serbiens Fussballer des Jahres gekürzt, und auch 2007 zählt er zu den ganz heißen Anwärtern auf diese Auszeichnung.
Aber schon jetzt sitzt Zigic die junge Konkurrenz im Nacken. Bei der UEFA U-21-Europameisterschaft wurde Serbien unlängst Zweiter und stellte am Ende ganze vier Spieler für die "Elf des Turniers". Neben Torhüter Damir Kahriman waren dies die Abwehrspieler Aleksandar Kolarov und Branislav Ivanovic sowie Mittelfeldakteur Bosko Jankovic. Allen Jungstars wurde nach den Leistungen in den Niederlanden eine große Zukunft im Fussball vorhergesagt.
Doch ist es nicht nur dieses Quartett, das momentan aufhorchen lässt. Die ganze Mannschaft beeindruckt. Im August 2006 war Serbien die Nummer 33 der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste. Jetzt steht man auf Platz 22 und hat allein im Juni neun Ränge gut gemacht. Nur noch 15 Punkte sind es auf die ersten 20 des Weltfussballs, und nicht wenige glauben, dass Serbiens Aufstieg noch lange nicht beendet ist.
