In diesem Monat wurde in Schottland bereits Politgeschichte geschrieben. Bei den Regionalwahlen setzte sich zum ersten Mal die Nationalpartei durch, und man hat damit einen ersten Schritt in Richtung Abspaltung von England getan, mit dem seit über 300 Jahren eine Union besteht.

Aber nicht nur von den Wahlurnen gab es einen Meilenstein in der Geschichte zu vermelden. Im Mai konnte sich die von Alex McLeish betreute Nationalmannschaft außerdem auf den 14. Platz der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste vorschieben. Die schottische Auswahl rangiert damit zum ersten Mal in der Geschichte der Rangliste unter den ersten 15. Das ist bisher die Krönung eines bemerkenswerten Aufstiegs.

Die Schotten genießen es sicher, nun auf Mannschaften wie Schweden und Mexiko herabblicken zu können, insbesondere angesichts der Tatsache, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit noch zu weniger illustren Fussballnationen wie Guatemala und Burkina Faso aufschauen mussten. Das war während der Amtszeit von Berti Vogts als schottischer Nationaltrainer. Damals fiel das Team auf den 88. Platz in der Rangliste und erreichte damit ein historisches Tief, nachdem es in den zweieinhalb Jahren unter Vogts nur acht Siege, sieben Unentschieden und 17 Niederlagen gegeben hatte.

Angesichts einer so schlechten Form war an eine Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006 Deutschland™ gar nicht zu denken. Ganz anders das Bild in der laufenden Qualifikation zur UEFA EURO 2008: Hier halten sich die Schotten in ihrer äußerst schweren Gruppe hervorragend. Sie müssen es unter anderem mit Italien, Frankreich und der Ukraine aufnehmen und haben immer noch gute Chancen auf die Teilnahme am Turnier in Österreich und der Schweiz. Im Vorfeld hätte sicherlich kaum jemand erwartet, dass Schottland zu diesem Zeitpunkt punktgleich mit Frankreich und der Ukraine an der Spitze der Gruppe B rangieren würde. Zwar hat McLeishs Team bereits ein Spiel mehr als seine Rivalen ausgetragen, die noch anstehenden Partien lassen die Schotten jedoch darauf hoffen, dass sie ihre aktuelle Position untermauern können.

Boyd und Beattie rechtfertigen Vertrauen
Einige befürchteten einen Einbruch, nachdem Trainer Walter Smith, der die Mannschaft zum historischen Sieg gegen Frankreich geführt hatte, mitten in einer entscheidenden Phase des Qualifikationswettbewerbs zu den Glasgow Rangers zurückgekehrt war. Sein Nachfolger McLeish hat bisher jedoch alle beeindruckt.

Bei seiner Vorstellung als neuer Nationaltrainer betonte der Teilnehmer an drei FIFA Fussball-Weltmeisterschaften, dass er Kontinuität walten lassen und "[Smiths] gute Arbeit fortsetzen" wolle. Sein erster Kader war dann auch fast identisch mit dem seines Vorgängers. McLeish brachte jedoch auch den Wunsch zum Ausdruck, einen risikofreudigeren Angriffsfussball spielen zu lassen. Nach Ansicht vieler unterscheidet ihn das von seinem Vorgänger.

Schließlich kam Smiths Erfolg mit der schottischen Nationalelf aus der Abwehr heraus zustande. Er hatte eine solide fünfköpfige Verteidigung aufgebaut und den unermüdlichen Kenny Miller in der Regel als einzigen Stürmer eingesetzt. Gemeinhin erwartete man nun, dass McLeish am altbewährten System festhalten würde, aber dann zeigte sich gleich in der ersten Partie unter seiner Führung eine leichte Abkehr. Im Spiel gegen Georgien verwarf er die bevorzugte Formation seines Vorgängers und stellte Miller einen Sturmpartner zur Seite: Kris Boyd. Der Torjäger der Glasgow Rangers wird oftmals für seine mangelnde Leistung außerhalb des Strafraums kritisiert, seine beeindruckende Torausbeute (44 Treffer in 64 Partien für den Verein) bewog McLeish jedoch dazu, das Risiko einzugehen. Dass sich diese Risikobereitschaft ausgezahlt hat, ist inzwischen allseits bekannt.

Das erste Tor im gut gefüllten Hampden Park unterstrich Boyds ausgezeichneten Torriecher. Selbst als die Georgier die schottischen Fans zunächst mit dem Ausgleichstreffer schockten (Torschütze: Shota Arveladze), machte McLeish keinen Rückzieher, sondern ging noch ein weiteres kalkuliertes Risiko ein. Er ersetzte den sichtlich erschöpften Boyd durch Craig Beattie, seines Zeichens Stürmer bei Celtic Glasgow, der sich in der Zeit vor der Partie allerdings sehr formschwach präsentiert hatte. Dieser Einwechslung standen viele mit Skepsis gegenüber, als Beattie sich dann jedoch in der letzten Spielminute durchsetzte und mit einem Volleyschuss den Siegtreffer erzielte, hatte der Trainer erneut unter Beweis gestellt, dass er mit seiner Entscheidung richtig gelegen hatte.

"Ich habe erfahren, dass diese Mannschaft sehr lebendig ist und nicht aufgibt", so seine Reaktion nach der Partie. "Das war eines der schönsten Gefühle meines Lebens. Bei einem solchen Trainerwechsel macht man sich schon Sorgen, weil die Fans schließlich so eine großartige Beziehung zu Walter Smith hatten und viel von ihm gehalten haben. Aber es war einfach überwältigend, hier zum ersten Mal das Stadion zu betreten. Ich war wirklich begeistert vom Empfang der Fans, als wir aus dem Tunnel kamen."

Brown feiert seinen ersten Auftritt
Vier Tage später in Italien verließ McLeish sich wieder auf sein Glück beim Einsatz offensiver Spieler. Er sorgte für eine große Überraschung, als er den defensiven Mittelfeldspieler Christian Dailly durch das offensiv eingestellte Nachwuchstalent Scott Brown ersetzte. Der Mittelfeldspieler von Hibernian Edinburgh hatte bereits nach seiner Einwechslung gegen Georgien viel bewegt. Obwohl sein Einsatz gegen Italien angesichts seines Mangels an Erfahrung und seines unberechenbaren Temperaments zunächst durchaus umstritten war, lieferte er gegen Cannavaro, Gattuso, Pirlo und Co. eine hervorragende Leistung ab. Er spielte auf einer vorgeschobenen Position vor dem ebenfalls sehr überzeugenden Barry Ferguson.

Schottland hatte bei seiner 0:2-Niederlage gegen die Italiener nach zwei Toren von Luca Toni viel Pech. Spieler wie Brown und der junge Innenverteidiger Stephen McManus bestätigten jedenfalls ihre Ankunft auf der internationalen Bühne. So lautete McLeishs Kommentar nach der Partie dann auch: "Das einzig Falsche war das Ergebnis." Brown, der zu Schottlands Nachwuchsspieler des Jahres gewählt wurde, hat in der Folge einem Wechsel für 4,5 Millionen Pfund zum schottischen Meister Celtic zugestimmt, wo er an der Seite von McManus spielen wird. Da in Zukunft auch der bei Manchester United unter Vertrag stehende Darren Fletcher wieder zur Verfügung stehen wird, der gegen Georgien und Italien verletzungsbedingt pausieren musste, scheint es um die Chancen der Schotten immer besser bestellt zu sein.

Mit dem Freistoßspezialisten Charlie Adam von den Glasgow Rangers ist ebenfalls wieder zu rechnen, wenn Schottland nächste Woche zunächst ein Freundschaftsspiel in Österreich und am 6. Juni dann das EURO-Qualifikationsspiel gegen die Färöer-Inseln bestreitet. "Das Färöer-Spiel ist für uns so etwas wie ein Pokalfinale", meint der schottische Trainer. "Wenn wir durch Siege in den nächsten beiden Partien dran bleiben können (Färöer auswärts und Litauen zu Hause), wird die nächste Phase sehr interessant werden."

Wenn man McLeishs Risikobereitschaft bedenkt, dürfte Schottland in der zweiten Hälfte des Qualifikationswettbewerbs ein äußerst unberechenbarer Gegner werden.