Man sagt, jedes Bild erzähle eine Geschichte. Kein Bild könnte jedoch die erstaunliche Geschichte akkurat vermitteln, die hinter der südafrikanischen Gefängnisinsel Robben Island und der Makana FA steht. Tatsächlich lief die Geschichte Gefahr, nie erzählt zu werden, bis Professor Chuck Korr 1993 an der Western Cape University eine überraschende Entdeckung machte.
"Einer meiner Kollegen führte mich ins Archiv und zeigte mir eine Reihe von Pappkartons, insgesamt etwa 70 oder 75. Was ich in ihnen fand, waren Briefe von Gefangenen, die schrieben als wären sie Fussballfunktionäre, wie auch Spiel- und Schiedsrichterberichte. Beim Durchlesen wurde mir klar, dass diese Männer nicht nur zum Spaß Fussball spielten; sie hatten eine formelle Liga mit klaren Strukturen aufgebaut."
Nachdem die Makana FA die Behörden vier Jahre lang unermüdlich bedrängt hatte, fanden im Dezember 1969 ihre ersten Spiele statt, die sich streng an die FIFA-Statuten hielten. Zu ihrer Glanzzeit waltete die Organisation über neun Vereine, die Teams in drei verschiedenen Divisionen stellten. Tatsächlich spielte mehr als die Hälfte aller politischen Gefangenen auf der Insel Fussball, bis die Apartheid 1990 zu Fall gebracht wurde.
Einer von ihnen war Tony Suze. Er war wegen seiner aktiven Jugendmitgliedschaft im verbotenen Panafrikanischen Kongress zu 15 Jahren Haft auf Robben Island verurteilt worden und war am Ende der erfolgreichste Torschütze dieser Liga. "Der Fussball war für uns wie eine Befreiung", sagt er. "Wir befreiten uns von der Aufmerksamkeit der Wärter, wir befreiten uns aus ihrer Umklammerung und entflohen so der Realität des Gefängnisses. Der Fussball, und nicht die verrückte Realität des Knastlebens, die uns zermürben sollte, gestaltete unsere Realität."
Der Fussball bot weit mehr als nur eine Unterbrechung der zermürbenden Tagesroutine von neun Stunden harter Arbeit. Er gab den Männern Disziplin und Lebenssinn. Insassen, die vorher zu unterschiedlichen politischen Gruppen gehört hatten, wie etwa dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) und dem Panafrikanischen Kongress (PAC), vereinten sich, um den Fussballverband zu leiten. Die Spaltungen verschwanden, als Mitglieder gegnerischer Parteien zu Teamgefährten wurden.
Während sportliche Boykotte zur Isolierung Südafrikas beitrugen, wurde der Fussball auch ein politisches Werkzeug. "Die Regierung versuchte, Großbritannien und die Vereinigten Staaten davon zu überzeugen, dass sie eine freiheitsliebende, liberale Gesellschaft vertrat - 'Seht mal, wir lassen sogar Häftlinge Fussball spielen' ", fährt Knorr fort. Tatsächlich ist das einzige Foto, das es von der Liga gibt, ein unscharfes Schwarzweißbild, das zu Propagandazwecken missbraucht wurde.
Auch die Männer wussten das. "Mit dem Fussball haben wir das System manipuliert", sagt der heute 66-jährige Suze. "So lange es mit Fussball zu tun hatte, konnten wir den Behörden sagen, wie wir es haben wollten, warum wir es haben wollten, usw., und sie hörten uns an. Für uns war das schon ein Ausdruck von Freiheit."
Auch Nelson Mandela, der berühmteste Häftling auf Robben Island, war ein Fan der von der Makana FA organisierten Spiele. Als die Gefängnisverwaltung allerdings bemerkte, dass er die Spiele von seiner Zelle im Isolierungsblock aus beobachten konnte, ließ sie eine Mauer bauen, um ihm die Sicht zu versperren. "Jeden Samstag konnte er hören, wie wir Spaß hatten, doch er konnte nicht zusehen oder mitmachen", sagte Suza.
Viele der Männer, die an der Führung des Fussballs auf Robben Island beteiligt waren, wechselten nach dem Fall der Apartheid in die Politik, u.a. auch Steve Tshwete, der erste Sportminister des Landes, Mark Shinners, der die neue Verfassung mit erarbeitete, und auch Jacob Zuma und Tokyo Sexwale. Zuma ist nicht nur der gegenwärtige Präsident des ANC, sondern war auch maßgeblich daran beteiligt, die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ nach Südafrika zu holen, während Sexwale Mitglied des Organisationskomitees ist.
"Das ist kein Zufall", sagte Korr. "Zweifellos war der Fussball eine gute Vorbereitung darauf, die Kontrolle zu übernehmen. Alle beteiligten Häftlinge wussten, dass Südafrika eine freie, demokratische, multirassistische Gesellschaft werden würde, und sie brachten sich unentwegt die bürokratischen Fähigkeiten bei, die für die Bildung einer Regierung erforderlich sein würden."
Jetzt erzählt das Buch 'More than Just A Game', mit einem Vorwort von Joseph S. Blatter, die Geschichte der beteiligten Spieler. Von Korr zusammen mit Marvin Close geschrieben, wurde es am 12. Oktober herausgegeben und ist in allen guten Buchhandlungen wie auch im Internet erhältlich. Während der Vorbereitungen für die Auslosung der Qualifikationsgruppen in Durban feierte die verfilmte Version der Geschichte in Südafrika ihre Premiere, doch das Buch selbst ist eine konkrete Aufzeichnung des Fussballs auf der Insel.
"Bei dieser Geschichte geht es nicht nur um Fussball", erklärt Korr. "Es geht um Würde - und um Menschen, die den Fussball als eine Methode benutzten, ein Gefühl des Selbstwertes und ein Gefühl der Würde an einem Ort aufrecht zu halten, dessen Zweck es war, ihnen beides zu nehmen."
