Der brasilianische Schriftsteller José Lins do Rego hat einmal gesagt, dass man am Fussball nicht vorbeikommt, wenn man Brasilien kennen lernen möchte. Seit diese britische Ballsportart in dem Land mit der grüngelben Flagge angekommen ist, hat sich ihre Bedeutung entscheidend verändert. Anfänglich eher eine Elitesportart, wandelte sich der Fussball hier direkt zu einem Volkssport, der in den Straßen jeder brasilianischen Stadt praktiziert wurde. Jetzt haben die Kommunalregierung und die Landesregierung von São Paulo ein Fussballmuseum geschaffen, um dieser Sportart, die den Menschen so viel Freude bereitet, öffentlich Tribut zu zollen. Das Museum wurde am 29. September eröffnet und konnte dank privater Initiative und einer kulturellen Stiftung ins Leben gerufen werden.
Das Fussballmuseum befindet sich in einem Nebengebäude des Estádio Municipal Paulo Machado de Carvalho, auch Pacaembu genannt, einem der Postkartenmotive der Stadt. Es umfasst 17 Räume auf drei Stockwerken und nimmt eine Grundfläche von fast 7.000 m² ein.
Museumsbesucher tauchen in die brasilianische Geschichte des 20. Jahrhunderts ein und erfahren, welchen Beitrag der Fussball zur Kultur des Landes geleistet hat. Die Kuratoren der modernen Einrichtung, die über diverse Multimedia-Exponate verfügt, haben sich entschlossen, die Geschichte basierend auf drei Achsen zu erzählen: Gefühl, Geschichte und Unterhaltung.
Gefühl
Wer ist nicht begeistert, wenn sein Team das Spielfeld betritt? Wer erinnert sich nicht Jahre später noch an ein wichtiges Spiel mit glücklichem oder tragischem Ausgang für die Mannschaft seines Herzens? Man kann nicht über Fussball reden, ohne dabei einen ganzen Schwall Gefühle auszulösen.
Bereits im Eingangsbereich des Museums betritt der Besucher den "Strafraum", einen Ausstellungsraum mit Fotos von den unterschiedlichsten Andenken an Teams, die von fanatischen Anhängern im Laufe der Jahre zusammengetragen wurden. Die Palette reicht von Tassen über Wimpel, Aschenbecher, mit Vereinsfarben und Klubsymbolen ausstaffierten Puppen bis hin zu alten Zeitschriften.
Anschließend werden dem Besucher im Korridor "Fuß am Ball" Videos von Kindern gezeigt, die auf Sandwegen, in Häuserblöcken und auf improvisierten Bolzplätzen spielen. Am Ende des Flurs betritt man den Saal der "Barockengel", in dem 25 brasilianische Fussballstars in Originalgröße zu bewundern sind. Die Bilder der Stars wurden auf transparente Stoffe projiziert, die frei schwebend aufgehängt wurden. Zu bestaunen sind hier unter anderem Pelé, Nilton Santos, Garrincha, Didi, Romário, Ronaldo, Sócrates und Rivelino, die frei im Raum zu schweben scheinen.
Und das Tor? Das, worauf der Fussballfan am meisten hinfiebert, der entscheidende Augenblick des Spiels, hat im Museum einen eigenen Ausstellungsraum bekommen. Im "Torraum" berichten Persönlichkeiten über die Tore, die ihr Leben, die Geschichte des Landes und die des Fussballs geprägt haben. Auch die Fangemeinde hat im Fussballmuseum ihren Platz - im "Raum der Begeisterung". Dabei handelt es sich um einen abgedunkelten Raum, in den die Schwingungen, die Farbenpracht und Kreativität der Fankurven eindringen, ihre Hymnen, Rufe und Gesänge.
Geschichte
Nachdem wir zu Beginn unseres Besuches ganz in die Gefühlswelt des Fussballs eingetaucht sind, erhalten wir nun einen Einblick in die Geschichte dieser Sportart in Brasilien, in ihre Ursprünge und Entwicklung.
Im "Raum der Ursprünge" kann sich der Besucher anhand von 431 seltenen Fotografien und bisher unveröffentlichten Videos ein Bild von den Anfängen machen - von der Einführung des Fussballs in Brasilien durch Charles Miller am Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn der Professionalisierung der Vereine. Im "Raum der Weltmeisterschaften" finden sich "Fernsehbäume" auf denen anhand von Videos dargestellt wird, wie der Fussball die Entwicklung der Kultur und der Bräuche in der Gesellschaft begleitet hat. Hier kann man sich anschaulich über die Mode, die Musik, die Politik und den gesellschaftlichen Wandel in den einzelnen Epochen informieren. Die Geschichten werden im Abstand von vier Jahren erzählt, parallel zur Austragung der Weltmeisterschaften.
Wenn man durch den Korridor "Übergangsritus" zur FIFA WM 1950 geht, möchte auch der hartgesottenste Brasilien-Fan am liebsten laut "Nein!" schreien. In diesem dunklen Tunnel kann man die tragischen Ereignisse der 1:2-Niederlage gegen Uruguay im bis zum Bersten gefüllten Maracanã-Stadion noch einmal miterleben - eine Niederlage, die man in Brasilien nie vergessen wird.
Und dann gibt es im Bereich der Geschichte noch einen Raum, der ausschließlich Pelé und Garrincha gewidmet ist. In rund fünfminütigen Kurzfilmen kann der Besucher sich hier noch einmal von der absoluten Genialität der beiden Ex-Stars überzeugen.
Unterhaltung
Am Ende des Besuches betritt man den Unterhaltungsbereich, in dem das Spiel, der Spaß und die Rivalität zwischen den Fangemeinden beleuchtet werden. In diesem Bereich findet man den "Raum der Zahlen und Kuriositäten", den "Tanzsaal des Fussballs", und man kann im "Raum der körperliche Aktivität" sogar selbst aktiv werden. Hier kann man beispielsweise seine Schussstärke testen, Elfmeter simulieren und sich über die 128 Teams informieren, die bereits an der brasilianischen Meisterschaft teilgenommen haben. Im selben Raum wird auch ein 3-D-Film zum Verhalten des Körpers während eines Spiels gezeigt.
Der letzte Raum ist dem "Pacaembu" gewidmet, einer historischen Spielstätte und einem der ältesten Stadien des Landes.
Ein Museum für alle
Das Projekt des Fussballmuseums wurde mit 32,5 Millionen Real (etwa 12 Millionen Euro) veranschlagt. Bei den Bauarbeiten, die insgesamt 13 Monate dauerten, waren 680 Spezialisten beteiligt. Dabei wurde die ursprüngliche Struktur des Stadions erhalten, das in den 30er Jahren etwa zeitgleich mit dem Berliner Olympiastadion erbaut wurde.
Das Museum verfügt über 1.442 Fotos und sechs Stunden Videomaterial. Bei der Planung des Museums wurden auch Personen mit besonderen Anforderungen berücksichtigt. So gibt es Audioführungen, tastbare Beschilderungen, Geräuschsensoren, Reliefs, Farbkontraste und Legenden, um eine vollständige Integration zwischen Besuchern und Umgebung zu gewährleisten.
Das Museum ist täglich außer Montag bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt sechs Real für Vollzahler bzw. drei Real (halber Preis für Ermäßigungsberechtigte). Bei Gruppen und Schulklassen wird um vorherige Anmeldung gebeten.
