In einem Land wie Brasilien, das für seine fantasievollen Fussballer bekannt ist, ist es schon etwas Besonderes, wenn man als Spieler mit außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten gilt. Die Rede ist von Alexsandro de Souza, einem der selten gewordenen Spielmacher, die vor allem durch Intelligenz, den richtigen Spielrhythmus und eine makellose Technik und weniger durch physische Stärke überzeugen.
Alex, der bei den drei brasilianischen Vereinen Coritiba, Palmeiras und Cruzeiro Belo Horizonte einen unumstrittenen Heldenstatus genießt, startet bereits in seine fünfte Saison beim türkischen Spitzenklub Fenerbahçe Istanbul, bei dessen Fans er ebenfalls sehr hoch im Kurs steht. Der 31-jährige talentierte Mittelfeldspieler unterhielt sich in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com über seine Karriere bei den eben genannten Vereinen und in der brasilianischen Nationalmannschaft. Außerdem ging es um seine ganz spezielle und intelligente Herangehensweise beim "Lesen" des Spiels.
Alex, man sagt, Sie und der Argentinier Juan Román Riquelme seien zwei der letzten klassischen Spielmacher mit der Nummer zehn, die sämtliche Angriffsaktionen aus dem Mittelfeld lenken. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?
Sicherlich sind das Eigenschaften, die bei Spielern immer seltener zu finden sind, und ich weiß, dass mein Name und der von Riquelme in diesem Zusammenhang häufig genannt werden. Allerdings glaube ich, dass es auch noch andere Fussballer gibt, die in diese Kategorie gehören. Durch den Weg, den der moderne Fussball eingeschlagen hat, hat sich die Anzahl der Spieler verringert, die diese Funktion ausüben. Diese Eigenschaften nehmen daher nicht mehr ganz so viel Raum ein. Ich glaube aber dennoch, dass ein Spieler mit Qualität unabhängig vom Stil, der Taktik oder der Entwicklung des Fussballs Erfolg haben kann, wenn er es schafft, sich an die Gegebenheiten des modernen Fussballs anzupassen. Das gilt für mich genauso wie für Riquelme oder jeden anderen Spieler.
Kommen wir einmal auf den taktischen Aspekt zu sprechen. Welche Veränderungen im modernen Fussball haben dazu geführt, dass die Spezies des Spielmachers mit diesen Qualitäten fast vom Aussterben bedroht ist?
Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die physische Entwicklung, die engeren Räume... Noch vor kurzem gingen auch die Außenverteidiger mit nach vorn, selbst wenn eine Mannschaft mit Flügelstürmern spielte. Heute gibt es viele Mannschaften, bei denen die erste Viererkette rein defensive Aufgaben übernimmt. Damit hat auch die zweite Viererreihe eine ganz andere Funktion. Aber natürlich hängt das ganz stark davon ab, worauf der Trainer abzielt und wie er den Fussball sieht. Verändert hat sich einfach die Denkweise derjenigen, die das Sagen haben: der Trainer.
Offensichtlich interessieren Sie sich sehr für die taktischen Aspekte des Spiels, und zwar auch über Ihre Position auf dem Spielfeld hinaus. Spielen Sie mit dem Gedanken, eines Tages selbst das Traineramt zu übernehmen?
Bis jetzt habe ich noch nie darüber nachgedacht, Trainer zu werden. Wenn ich einmal aufhöre zu spielen, ist das vielleicht eine Option, aber das plane ich jetzt noch nicht. Dieses Thema hat mich immer sehr interessiert, weil ich immer ziemlich in Frage gestellt wurde: "... die Eigenschaften von Alex schaden der Mannschaft in dieser Hinsicht und nutzen ihr in anderer Hinsicht". Solche Dinge bekam ich häufig zu hören. Daher habe ich angefangen, den Fussball mehr als Gesamtbild zu betrachten. Ich habe über meine spezielle Position hinaus gedacht und überlegt, wie ich der Mannschaft am besten helfen kann. Ich habe einfach nach Antworten gesucht und wollte das Gesamtkonzept eines Fussballspiels verstehen.
Vanderlei Luxemburgo hat Sie als anspruchsvollen Spieler bezeichnet, der immer nach Informationen zur gesamten Mannschaft und zum Gegner fragt. Stimmt es, dass Sie mit ihm immer ein Gespräch unter vier Augen geführt haben, um mehr Einzelheiten zu erfahren als die, die der gesamten Mannschaft mitgeteilt wurden?
Ja, ich bin gerne gut informiert. Je mehr Informationen, desto besser. Ich weiß, dass der Trainer so viel wie möglich weitergibt, aber ich trage gern etwas Neues bei, das vielleicht zum Erfolg führen kann. Das Wichtigste ist, dass die Mannschaft davon profitieren kann. Natürlich können Einzelspieler mit ihrem Talent und ihrer Qualität innerhalb von einer Sekunde alles über den Haufen werfen, aber im Allgemeinen erleichtern Informationen über den Gegner das Spiel. Das steht außer Frage.
Sie haben mit zwei der wichtigsten brasilianischen Trainer der letzten Jahre gearbeitet: Luxemburgo und Luiz Felipe Scolari. Haben diese beiden Fussballlehrer ganz unterschiedliche Sichtweisen vom Fussball?
Ja, vollkommen unterschiedliche. Ich habe mit jedem von ihnen vier Jahre lang gearbeitet, und beide sind wirkliche Siegertypen. Ich identifiziere mich stärker mit der Herangehensweise von Luxemburgo. Ich glaube, Vanderlei sieht den Fussball eher so, wie wir ihn traditionell in Brasilien sehen. Scolaris Stil ist hingegen eher europäisch ausgerichtet.
2003 wurden Sie zu Brasiliens Spieler des Jahres gewählt. Damals spielten Sie für Cruzeiro Belo Horizonte und gewannen mit dem Klub drei Titel (die Meisterschaft des Bundesstaates Minas Gerais, den brasilianischen Pokal und die Brasileiro-Meisterschaft). Ein Jahr zuvor war die brasilianische Nationalmannschaft Weltmeister geworden, und Sie waren nicht dabei. War das eine Enttäuschung für Sie?
Jetzt bin ich nicht mehr enttäuscht darüber. Damals war ich natürlich sehr traurig. Ich war bei sämtlichen Qualifikationsspielen dabei gewesen und Scolari kannte mich sehr gut. Ich hatte lange Zeit unter ihm gespielt. Aber das ist alles Vergangenheit: Er hatte andere Optionen, hat die Entscheidung getroffen, die ihm richtig erschien, und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Ist die Seleção in Ihrer Karriere so etwas wie eine offene Rechnung?
Nein, überhaupt nicht. Ich fühle mich durchaus in der Lage, noch einmal für die Nationalmannschaft zu spielen. Sollte ich eines Tages darum gebeten werden, dann würde ich mit Freude zusagen. Allerdings gibt es bei der Zusammenstellung einer Mannschaft wie der brasilianischen unzählige Optionen. Manchmal fällt die Entscheidung für dich aus und manchmal eben nicht. Das muss man akzeptieren, weil diese Entscheidungen unweigerlich sehr gute Spieler betreffen. Ich sehe das nicht als eine offene Rechnung an: Das Thema "Nationalmannschaft" ist für mich abgeschlossen.
Was die Popularität angeht, lässt sich das sicher nicht bestreiten. In den großen Ligen Europas wird einem natürlich viel mehr Aufmerksamkeit zuteil als in der Türkei. Das ist nicht vergleichbar. Ich spiele immer noch auf demselben Niveau wie 2003 bei Cruzeiro, aber nur wenige Leute wissen das. Was die Nationalmannschaft betrifft, weiß ich nicht, ob das wirklich viel geändert hätte. Schließlich habe ich lange auf hohem Niveau bei Cruzeiro gespielt und trotzdem hatte ich nur wenige Möglichkeiten. [Carlos Alberto] Parreira hatte andere Optionen.
Sie stammen aus einem sehr fussballbegeisterten Land. Aber die Riesenbegeisterung der türkischen Fans dürfte Sie dennoch überrascht haben, oder?
Ja, sehr. Meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Die Menschen in Brasilien lieben den Fussball, aber die Türken stellen ihn über alles andere. Die Begeisterung ist viel größer als in Brasilien und in jedem anderen Land, in dem ich gespielt habe. Die Fussballleidenschaft der Türken ist einfach unbeschreiblich: Man muss schon Türke sein, um das zu verstehen.
Die meisten Menschen kommen nur über die europäischen Turniere mit dem türkischen Fussball in Kontakt. Wie bewerten Sie das technische Niveau der Liga im Vergleich mit der brasilianischen?
Es ist ganz unterschiedlich. Insbesondere deshalb, weil es im brasilianischen Fussball vor allem auf die Technik und Qualität der einzelnen Spieler ankommt. Das Spiel hier ist viel härter: Hier ist ein hohes Anpassungsvermögen gefragt. Die brasilianische Liga ist sicher plastischer und schöner anzuschauen, aber meiner Meinung nach fordert einem die türkische Liga viel mehr ab.
Was haben Sie in den letzten vier Spielzeiten gelernt?
Die Liga ist sehr gut organisiert und funktioniert gut, aber man muss berücksichtigen, wie der Fussball hier gesehen wird. Wenn man das Ganze mit den Augen eines Brasilianers betrachtet, erscheint einem das Niveau vielleicht nicht besonders hoch. Andererseits würde ein Türke wahrscheinlich dasselbe denken, wenn er sich eine Partie der Brasileiro-Meisterschaft ansehen würde. Er würde einige Dinge vermutlich nicht für gut befinden. In den vier Spielzeiten, die ich hier verbracht habe, habe ich Folgendes gelernt: Wir haben in Brasilien ein ganz anderes Bild vom Fussball als die europäischen Länder.
Letzte Frage: Wollen Sie Ihre Karriere noch immer in Coritiba beenden?
Alles hängt davon ab, wie sich die Lage darstellt, wenn mein Vertrag ausläuft. Erst dann werde ich darüber nachdenken, wie und wann ich nach Brasilien zurückkehre. Aber auf jeden Fall habe ich ein Karriereende in Coritiba noch immer im Hinterkopf.
