In seiner 20-jährigen Karriere als Verteidiger hat der Argentinier Roberto Néstor Sensini eine Vielzahl wichtiger Partien bestritten. Kein Wunder, denn im Trikot der Albiceleste war er bei drei WM-Endrunden und einem Olympischen Fussballturnier dabei. Auf Vereinsebene wurde er Meister mit dem Verein, aus dessen Nachwuchs er hervorgegangen ist: Newell's Old Boys aus Rosario.
Anschließend wechselte er in den anspruchsvollen italienischen Fussball. Dort blieb er 16 Jahre lang, holte zwei Mal mit Parma den UEFA-Pokal und den italienischen Pokal, wurde ein Mal mit Lazio Rom Meister, bevor er im Alter von 40 Jahren seine Stiefel bei Udinese Calcio an den Nagel hängte.
Heute, zwei Jahre nach seinem Rücktritt und einem kurzen Intermezzo als Trainer von Udinese, ist Sensini für das Team von Estudiantes de La Plata verantwortlich. Nach neun Monaten in diesem Amt nahm sich Sensini die Zeit, mit FIFA.com über die Gegenwart sowie seine WM-Erfahrungen zu sprechen und die argentinische Nationalelf zu analysieren.
Herr Sensini, haben Sie sich bereits daran gewöhnt, mit dem Druck eines technischen Direktors in Argentinien zurechtzukommen, wo dieses Geschäft sehr schnelllebig ist?
Ich bin dabei, mich daran zu gewöhnen. Das vergangene halbe Jahr lief recht gut, wir wurden Dritter, und das ist schon mal ein guter Start. Das Geschäft ist aber nicht nur in Argentinien sehr schnelllebig. Man könnte meinen, dass in England eine andere Kultur herrscht, aber der ehemalige Trainer von Chelsea, Avram Grant, hat in der Liga bis zuletzt um die Meisterschaft gespielt, ist in der Champions League erst im Finale unterlegen und musste dann gehen. In Italien wurde Inter Meister und Roberto Mancini musste ebenfalls seinen Hut nehmen. Natürlich will man auch hier gewinnen und in kürzester Zeit Erfolg haben, und das alles macht es natürlich kompliziert. Dennoch glaube ich, dass der argentinische Trainer, ebenso wie auch der Spieler, sehr anpassungsfähig ist.
Was ist der größte Unterschied zwischen Ihrer Fussballerkarriere und der Zeit als Trainer?
Wenn jetzt ein Spiel abgepfiffen wird, denkt man schon an den nächsten Gegner, sieht sich die Spieler an, überlegt, wer zum Einsatz kommen könnte. Man muss die Gruppe klug steuern, Lösungen finden. Als Spieler denkt man mehr an sich selbst.
Marcelo Bielsa, Carlos Bilardo, Daniel Passarella: sie haben unter einigen der bedeutendsten Trainer Ihres Landes trainiert. Wer hat Sie am stärksten beeinflusst?
Das ist schwer zu sagen, denn man hat von allen etwas gelernt. Aber vielleicht haben mich Bielsa und Bilardo am stärksten geprägt. Carlos hat mir beispielsweise beigebracht, auf allen Positionen in der Abwehr zu spielen. Das war besonders in Italien sehr nützlich. Anschließend liegt es an einem selber, wie man das an eine Gruppe von Spielern weitergibt. Das ist eigentlich das Schwierigste. Ich schätze aber alle meine Trainer, auch die weniger bekannten.
Lassen Sie uns einmal die Gegenwart verlassen und von der Vergangenheit sprechen und die drei Weltmeisterschaften, bei denen Sie zum Einsatz kamen, Revue passieren.
Gerne!
Welche Erinnerungen haben Sie an Italien 1990?
Wir gingen mit großen Problemen in dieses Turnier. Diego Maradona war verletzt und musste mit einem lädierten Knöchel spielen, und auch Jorge Burruchaga war angeschlagen. Wir haben es einer geschlossenen Mannschaftsleistung zu verdanken, dass wir das Finale erreichten. Sicherlich spielten wir nicht so wie das Argentinien von 1986 und auch nicht so schön wie das Team von 1994, dennoch haben wir auf dem Weg ins Endspiel Brasilien und auch Gastgeber Italien ausgeschaltet. Anschließend gegen Deutschland durch einen Elfmeter sechs Minuten vor dem Ende zu verlieren, war dann schon sehr schmerzhaft.
Wird Sie dieser Elfmeter, der gegen Sie wegen eines Fouls an Rudi Völler gepfiffen wurde, Ihr Leben lang verfolgen?
Nein, das war eine Zeit lang so, aber darüber bin ich jetzt hinweg. Ich bestehe nach wie vor darauf, dass es kein Strafstoß war. Der damalige Schiedsrichter Edgardo Codesal Mendez beharrt zwar auf dem Gegenteil, aber am Ende ist es zwecklos, darüber zu diskutieren. Irgendwann einmal wollte man uns zusammen vor ein Radiomikrofon holen, aber das hat ja keinen Sinn. Jeder hat da seine Meinung. Man sollte das nicht so hoch hängen und zur Tagesordnung übergehen.
In den Vereinigten Staaten 1994 spielte Argentinien bis zur Sperre von Maradona sehr schönen Fussball. Warum hat die Mannschaft diesen Verlust nicht verschmerzen können?
Als Diego nicht mehr dabei war, hatten wir das Gefühl, dass jemand bei uns den Schalter umgelegt hatte. Es war nämlich nicht nur wichtig, was er mit dem Ball am Fuß machte, sondern auch, was er beim Gegner auslöste. Ohne Diego spielte der Gegner anders als wenn Diego bei uns auf dem Platz stand. Mit ihm wuchsen alle Mitspieler über sich hinaus, ohne ihn wirkten wir wie gebremst. Gegen Rumänien haben wir dann in einer Partie, die viele für die beste des ganzen Turniers halten, zu viele Tore aufgrund individueller Fehler kassiert.
Wie war es in Frankreich 1998?
Nun, wir sind wieder in einem tollen Fussballspiel unterlagen. Die Niederländer haben uns mit einem Spielzug kurz vor Ende überrascht. Hätten wir gelassener gespielt, wäre mehr für uns drin gewesen.
Vielleicht können Ihnen Ihre 16 Jahre Erfahrung in Italien bei der Beantwortung der folgenden Frage helfen: Warum haben die Italiener 2006 den WM-Titel geholt, und nicht Argentinien?
Mal sehen ... [denkt nach]. Wir, die Argentinier, denken einfach zu oft, dass wir die Besten sind. Das müssen wir dann aber auch unter Beweis stellen. In Italien dagegen zweifelt man immer ein wenig an den eigenen Stärken. Und dann holen sie den WM-Titel, wenn es am schwierigsten scheint. Sie hatten schlecht begonnen, waren schon drauf und dran, in der Gruppenphase auszuscheiden, aber dann haben sie gezeigt, dass man - auch ohne den besten Fussball der Welt zu spielen - so ein Turnier gewinnen kann.
Wie sehen Sie die argentinische Nationalmannschaft auf dem Weg nach Südafrika 2010?
Der Stamm der Mannschaft sind diejenigen, die in Peking die Goldmedaille geholt haben, und die Spieler, die gegen Belarus zum Einsatz kamen. Und auch wenn wir uns natürlich qualifizieren und unter die besten Vier kommen müssen, sollte man Schritt für Schritt vorgehen. Es kann auch andere geben, die auf unserem Niveau spielen oder sogar noch besser sind.
Wäre Messi der Spieler, der die Richtung vorgeben könnte, so wie Maradona 1986?
Wir können nicht wollen, dass Messi ein neuer Maradona wird, denn einen Diego wird es nur einmal geben. Auch wenn er sich langsam diesem Niveau nähert, glaube ich nicht, dass er es erreichen wird. Er sollte auch nicht diesem Druck ausgesetzt werden, das wäre kontraproduktiv. Es gab einige Spieler, die in Peking auch sehr stark waren, wie zum Beispiel Riquelme, Mascherano, Gago, Agüero, dieser Bursche Di María... Gute Spieler gibt es genügend, wir müssen nur mit Bedacht vorgehen.
Würden Sie gerne einmal die argentinische Nationalmannschaft trainieren?
Nun... [lacht]. Wenn man Spieler ist, möchte man sich erst einmal im Verein durchsetzen, egal, ob dieser groß oder klein ist. Das spielt keine Rolle. Dann will man sich weiterentwickeln. Es reicht nicht mehr aus, gut zu arbeiten, man möchte bei einem größeren Verein spielen und Meister werden. Dann genügt das auch nicht mehr und man will in die Nationalmannschaft. Dann nach Europa wechseln. Im Trainerberuf ist es sehr ähnlich. Wir haben alle unsere Ziele.
Eine letzte Frage: Wovon träumt der Trainer Sensini?
Mich immer weiter zu entwickeln. Man kann die Dinge gut oder schlecht machen, aber am Ende möchte ich meine eigene Persönlichkeit entwickeln und auch als solche anerkannt werden.


