Mit Kamerun hat Patrick Mboma das Olympische Fussballturnier 2000 in Sydney gewonnen. Im selben Jahr wurde er zu Afrikas Fussballer des Jahres gewählt. Wer also könnte das am 7. August in Peking startende Turnier besser beurteilen als der heutige Spielerberater?

Mindestens ebenso ungeduldig erwartet der ehemalige Nationalspieler der Unzähmbaren Löwen allerdings auch die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™, die erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden wird. Bei FIFA.com erinnert sich der Mann, der beim CAF Afrikanischen Nationen-Pokal einst elf Tore schoss, an seine aktive Zeit.

Patrick, die Olympischen Spiele sind nicht mehr fern. Wo ordnen Sie persönlich dieses Turnier unter den diversen Vereinswettbewerben, der FIFA Weltmeisterschaft und den verschiedenen Kontinental-Meisterschaften ein?
Für einen Fussballer gibt es keine Konkurrenz zur Weltmeisterschaft. Sie ist und bleibt die Nummer eins. Da muss man sich nichts vormachen, die Olympischen Spiele würden auch ohne die U-23-Regel nie den Status einer WM erreichen. Man darf auch nicht vergessen, dass es bei unserem Sieg damals einige Rücktritte gab. Und für die europäischen und südamerikanischen Mannschaften sind die Spiele, auch wenn sie nur alle vier Jahre stattfinden, ein Problem für alle Akteure über 23. Das sieht man auch dieses Jahr wieder.

Macht das den Gewinn der Goldmedaille mit einer afrikanischen Mannschaft noch außergewöhnlicher?
Ja, ganz klar. Ich persönlich wollte immer für die Auswahl Kameruns spielen, aber in meinen kühnsten Träumen hätte ich dabei allenfalls an den Afrikanischen Nationen-Pokal gedacht, und an nichts anderes. Selbst im Februar 2000 war ich mit den Gedanken noch nicht in Sydney und bei dieser immens großen Ehre. Wir haben damals die erste Olympische Medaille für unser Land geholt, und die war auch noch aus Gold. Auf dem Siegertreppchen habe ich die Hymne mitgejohlt und der Stolz war noch größer als bei meinem ersten Sieg beim Afrikanischen Nationen-Pokal zu Beginn der Saison. Aber ich würde meine beiden Afrika-Meisterschaften trotzdem nicht gegen die Olympische Goldmedaille eintauschen. Um nichts in der Welt.

Wie war es denn, mit einer Goldmedaille um den Hals nach Hause zu kommen?
Nicht so triumphal wie bei den Afrika-Meisterschaften 2000 und 2002. Es war nicht klar gewesen, wann wir ankommen würden, und schon vier Tage nach dem Endspiel war ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich angesetzt. Aber als wir dann einige Monate später doch noch ausgezeichnet und beglückwünscht wurden, war das schon grandios.

Die nächste FIFA Weltmeisterschaft findet in Afrika statt. Das ist historisch für den Kontinent. Bedauern Sie es, nicht dabei zu sein?
Und wie. Wenn erstmal alles so weit fertig ist, bin ich überzeugt davon, dass den Leuten auch bewusst werden wird, die WM ist da, auf dem Kontinent. Es hat große Symbolkraft, so eine WM bei sich oder beim Nachbarn direkt mitzuerleben.

Reden wir ein wenig über das Niveau des afrikanischen Fussballs. Wie würden Sie es zum heutigen Zeitpunkt beurteilen?
Das wichtigste Barometer ist nach wie vor, wie hoch einzelne Spieler in Europa gehandelt werden. 2000 hat meine Wahl zu Afrikas Fussballer des Jahres bei weitem nicht das Echo gehabt wie heute. Inzwischen ist es undenkbar, dass ein Spieler, der Fussballer des Jahres seines Kontinents wird, nicht auch um den Goldenen Ball mitmischt. Er muss immer mindestens unter den ersten Zehn sein. Ich hatte 2000 hingegen nicht einmal einen Punkt. Früher hat man sich gefreut, wenn mal ein Afrikaner unter den Gewinnern des Europapokals war, heute ist es nichts Besonderes mehr, wenn sie die Champions League gewinnen.

In den Nationalmannschaften sind Fortschritte allerdings nicht so deutlich erkennbar. Wann sehen wir einen Weltmeister aus Afrika?
Ich spreche da gern von einem Generationen-Phänomen. 1998 wurde Nigeria entsprechend hoch gehandelt, 2002 waren wir es und 2006 die Elfenbeinküste. In Afrika selbst aber gibt Ägypten den Ton an. Trotzdem zählt Ägypten ja nicht zu den fünf oder sechs besten Mannschaften der Welt. Dauerhaft hat sich von den afrikanischen Ländern noch keines abgesetzt. Es reicht eben nicht, Stars zu haben wie Eto'o, Essien oder Drogba. Man braucht eine ganze Elf. Aber mit besserer Organisation geht es auch wieder voran. Wir müssen Konstanz reinbringen, sonst wird es schwer, sich bietende Chancen auch zu nutzen. Die WM 2002 kam für uns zu früh, und ich befürchte fast, die WM 2010 könnte für die Elfenbeinküste zu spät kommen. Aber wenn man dann wieder sieht, dass Griechenland 2004 Europameister geworden ist, sagte ich mir, dass ein Sieg einer afrikanischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft auch keinem Wunder gleichkäme.

Wenn sich heute den Einfluss afrikanischer Spieler auf den europäischen Fussball ansehen, denken Sie dann manchmal, Ihre Auszeichnungen im Jahr 2000 sind zu früh gekommen?
Als Kind habe ich Abedi Pelé im Fernsehen gesehen und mir gesagt, wenn ich eines Tages ein Achtel so gut sein würde wie er, wäre ich zufrieden! Am Tag nach dem Gewinn der Goldmedaille habe ich so natürlich nicht mehr gedacht, also bedauere ich auch nichts. Wenn ich was bedauere, dann, dass das ganze fünf Jahre zu früh passiert ist, sonst hätte ich entschieden mehr Geld verdienen können (lacht). Ich hätte dann viel mehr Möglichkeiten gehabt, bei einem europäischen Spitzenklub unterzukommen, auch wenn ich damals ein Angebot von Inter Mailand hatte. Große Auswirkungen auf meine Karriere hatten die Titel aber nicht, das stimmt. Wer heute Afrikas Fussballer des Jahres wird, ist ein Weltstar.

Stichwort Karriere: Sie sind erst spät in Fahrt gekommen. Wie beurteilen Sie selbst den Verlauf mit einigem Abstand?
Ich habe mit 19 Jahren im Stade de l'Est gespielt, und bei meinem ersten Spiel in der D3 gegen Paris Saint-Germain habe ich gedacht: "Wenigstens das kann ich meinen Kindern erzählen." Heute sehe ich Fotos von mir im Internet. Daran hätte ich damals nicht zu denken gewagt. Als ich das erste Mal so richtig von mir reden gemacht habe, war ich 26. Man könnte also auch sagen, ich war alles andere als ein Jungstar wie Messi oder Agüero. Aber ich würde die Zeit nicht zurückdrehen wollen. Als Lens 1996 Schindluder mit mir getrieben hat, hat mich das menschlich in zwei und als Spieler in vier Teile zerrissen. Ich habe lange gebraucht, um mich wieder zu fangen. Zudem gab es damals nicht das Scouting-System heutiger Tage. Heute würde ich nicht mehr so einfach durchs Sieb fallen.

Worin besteht der Unterschied zwischen jenen, die sich einen Namen machen, und jenen, die vielleicht genauso gut sind, aber in der anonymen Masse stecken bleiben?
Das ist alles eine Sache des Erfolgs: Fällst du zur richtigen Zeit jemand Fachkundigem ins Auge, hast du das Glück, ein wichtiges Tor zu machen, setzt der Trainer Vertrauen in Dich. Ohne diese Dinge wären Ribéry und Savidan heute vielleicht auch keine Nationalspieler. Es hängt von Kleinigkeiten ab. Viel hat mit Talent und Arbeit zu tun, aber man braucht auch das Glück im richtigen Moment. Man muss immer bei der Sache sein, denn man weiß nie, wann man gerade beobachtet wird. Es kann ganz schnell gehen, und dann wird man plötzlich ganz hoch gehandelt. Zu meiner Zeit gab es noch nicht so viele Turniere für Jugendmannschaften und heute interessieren sich die Vereine schon für Spieler ab 13. Ich behaupte mal, dass ich zwischen zehn und 15 reifer gewesen bin als andere und sich die Dinge anders entwickelt hätten, wenn ich diese Reife auch später noch gehabt hätte.

Ihr Glück im Verein haben Sie erst in Japan gefunden? Warum gerade Japan, auch wenn es die richtige Wahl war?
Japan war für mich das richtige Sprungbrett, nachdem mich Paris Saint-Germain zwei Mal in Folge ausgeliehen hatte. In Paris hat mich mit 25 noch so behandelt, als sei ich ein gerade erst der Nachwuchsabteilung entsprungen. Die Entscheidung für Japan war eine gewagte, aber strategische Entscheidung. Mein Stammplatz in der Nationalmannschaft war dadurch nicht in Gefahr. Für mich war das eine Reise ins Unbekannte, aber das Beispiel von Léonardo, den ich nach seiner Rückkehr zu Paris Saint-Germain kennen gelernt habe, hat mir Mut gemacht. Ich bin das Wagnis daher eingegangen. Ein Jahr später hatte ich 25 Tore in 28 Spielen geschossen, Paris Saint-Germain hatte zwischenzeitlich versucht, mich zurück zu kaufen und sechs Monate darauf war ich wieder in Europa.

Dazu muss man wissen, dass Sie in Japan auch ein legendäres Tor gemacht haben, das um die Welt ging. Das hilft...
Das war eines dieser Dinger, die man im Training probiert, sich im Spiel aber nie trauen würde. Ich habe einfach instinktiv draufgehalten und schon bei der Ballberührung gewusst, dass ich ihn optimal getroffen hatte. Danach fühlt man sich 60 Sekunden wie auf dem Gipfel der Welt, weil man gerade Vollkommenheit erreicht hat. Aber zehn Sekunden darauf sagt man sich auch, was für ein Glück man gehabt hat (lacht).

Es verwundert, dass sie nie dauerhaft in der Premier League gespielt haben. War das eine bewusste Entscheidung Ihrerseits?
Nein, sondern ein Fehler. Zu meiner Zeit in Japan hat mir jeder gesagt, dass ich von meiner Spielweise her gut in die Premier League passen würde. Aber ich habe von Italien oder Spanien geträumt. Für mich und zu meiner Zeit war die italienische Liga die beste der Welt. In der Premier League hatten zudem noch nicht so viele afrikanische Spieler Fuss gefasst wie heute. Rückblickend würde ich meine vier Jahre in Italien jederzeit gegen zwei in England tauschen.

Welche Augenblicke treiben Ihnen rückblickend heute Schauer über den Rücken?
Der französische Pokal und der Ligapokal mit Paris sind tolle Erinnerungen. Gleiches gilt für den Ligapokal mit Metz. Aber das alles lässt sich nicht vergleichen mit einem Sieg in der Nationalmannschaft. Das ganze Land steht anschließend eine Woche lang still, alle vergessen Ihre Probleme und 15 Millionen Menschen freuen sich gemeinsam, über ethnische und politische Grenzen hinweg.

Welche Spieler, mit denen Sie zusammen gespielt haben, haben Sie am meisten geprägt?
George Weah, Dominique Bijotat wegen seiner professionellen Einstellung und Gianluigi Buffon.