Am 12. Juli 1998 gewann die französische Nationalmannschaft ihren ersten und bislang einzigen Titel bei einem FIFA Weltpokal™-Turnier. Auf diesen ersten Weltmeistertitel, passenderweise errungen im eigenen Land, hatte ein ganzes fussballbegeistertes Volk praktisch seit der ersten WM 1930 gewartet. Danach spielten sich in ganz Frankreich Freudenszenen ab.
Über eine Million Anhänger verstopften die Champs-Elysées und jubelten zu den Klängen von "I will survive", der inoffiziellen Tricolore-Hymne. Manch einer rief auch beinahe fassungslos "Wir sind Weltmeister! Wir sind Weltmeister!". Wieder andere stimmten ein "Merci Mémé" oder das inzwischen legendäre "Et un, et deux, et trois - zéro" an, mit dem während der Spiele die französischen Tore bejubelt worden waren. Wie groß der Jubel war, lässt sich auch daran erkennen, dass die ihr Staatsoberhaupt in der Regel sehr verehrenden Franzosen einen ihrer Weltmeister gleich zum wichtigsten Mann im Land machen wollten und forderten: "Thuram président!".
Was aber ist auf den Tag genau zehn Jahre danach von jenen vier Wochen im Sommer 1998 geblieben? Vor allem wohl Erinnerungen, angefangen beim ersten Tor von Christophe Dugarry bis zur von Didier Deschamps in die Höhe gereckten Trophäe und den anschließenden ersten Rücktritten von Spielern dieser außergewöhnlichen Generation. Anlässlich einer Jubiläumsgala mit einem Spiel der alten Helden gegen eine internationale Auswahl jedenfalls hatte so gut wie jeder eine Anekdote oder zwei zu erzählen.
Angeführt vom damaligen Trainer Aimé Jacquet präsentierte Frankreich 19 seiner 22 Weltmeister von damals. Mit Sabri Lamouchi war zudem einer der "Ausgemusterten" von Clairefontaine ebenso mit dabei wie die drei Ex-Internationalen Olivier Dacourt, Ludovic Giuly und Marc Keller. Einzig Emmanuel Petit, Schütze des dritten Tores gegen Brasilien und des 1000. Treffers der Bleus, Patrick Vieira und Thierry Henry hatten dem Ruf nicht folgen können. Dem Ex-Weltmeister gegenüber stand eine Mannschaft, die von zwei alten Bekannten des französischen Fussballs betreut wurde: Arsène Wenger und Hristo Stoichkov hatten 24 Spieler im Aufgebot, von denen zehn 1998 in Frankreich gespielt hatten.
Bevor die Bleus von damals allerdings ins Stade de France einliefen, gehörte die Aufmerksamkeit zunächst einmal einer ganz anderen Generation von Fussballern, und deren Spiel im Vorprogramm war auch aller Ehren wert. Die Rede ist von der "Génération 84", der Mannschaft des Europameisters, der Zinédine Zidane, Thierry Henry, David Trézéguet und Co. in jungen Jahren einst bewundert zugesehen hatten. Und die Herren um Michel Hidalgo und Henri Michel zeigten denn auch, dass sie durchaus noch was drauf haben: Torhüter Albert Rust, Kapitän an Stelle von Manuel Amoros, hat nichts von seinen Reflexen eingebüßt und ein Didier Six kann auch mit 53 Jahren noch jedem Gegner Knoten in die Beine spielen.
Der Gegner, das war in diesem Fall der Club des Internationaux de Football (CIF) mit seinen "Trainern" Daniel Rodrighiero und Luc Sonor. Im Sturm wirbelten dort Philippe Vercruysse und der für seine Fallrückzieher berühmte Amara Simba wie in alten Zeiten. Zwar gab es zu Spielbeginn noch ein paar Ungenauigkeiten, aber bei der geballten Erfahrung von insgesamt 455 Länderspielen auf dem Platz zeigten die Akteure, was man mit Routine nicht so alles kompensieren kann. Am Ende trennten sich die beiden Mannschaften schiedlich-friedlich mit einem 2:2-Unentschieden.
Aimé Jacquet schwenkt die Trophäe
30 Minuten nach dem Anstoß ging erstmals zaghaft "La Ola" durch die 80.000 Zuschauer im Stadion. Doch wenn auch der erste Versuch noch eher verhalten ausfiel - bei den nachfolgenden vier Wellen hielt es buchstäblich niemanden mehr auf seinen Sitzen. Damit war das Motto des Abends vorgegeben: Stimmung gut, Spektakel pur. Kurz darauf kehrt Ruhe ein ins Stade de France, unterbrochen nur von einem kurzen Aufschrei: Denn da schwebt sie ein, die Trophäe, die von der Weltmeisterschaft, wie ein Geschenk des Himmels, und Aimé Jacquet darf sie noch einmal vor den bis auf den letzten Platz besetzten Zuschauerrängen schwenken. Das Spiel rückt näher, die Gesichter leuchten, die Menge skandiert schon "Zizou, Zizou", und die Kollegen Youri Djorkaeff und Fabien Barthez sind offensichtlich bester Laune. Dann endlich geht es los.
Zidane legt gleich mit ein paar technischen Kabinettstückchen los, die erste gute Gelegenheit aber hat Francesco Zola. Der Italiener vernascht Altmeister Marcel Desailly und fackelt nicht lange, aber sein Schuss ist eine leichte Beute für Barthez (8.). Schon nach einer Viertelstunde ist Schluss für den eben erst aus der Nationalmannschaft zurückgetretenen Thuram. Es kommt Candela, für Thuram gibt es stehende Ovationen. Das Spiel macht jedoch weiterhin die Weltauswahl. Erst tankt sich Butragueno durch vier französische Abwehrspieler durch (19.), dann zwingt erneut Zola Barthez mit einem Linksschuss zu einer Glanzparade (23.). Frankreich kommt irgendwie nicht in Tritt. Bestes Beispiel ist Karembeu, dem auch vermeintlich leichte Ballannahmen und Pässe in dieser Phase misslingen. Das erste Gegentor ist die logische Folge. Nach einer Kombination mit Zola schickt Butragueno Karpin über rechts. Der Russe legt sofort zurück auf den Spanier, der danach auch mit 44 Jahren keine Schwierigkeiten hat, den Ball über die Linie zu drücken (25.).
Es dauert bis zur 30. Minute, ehe die Franzosen erstmals gefährlich werden. Zidane bedient Dugarry, aber dessen Schuss geht zur Ecke. Aber wer mal zusammen bei Girondins gespielt hat, der verliert nichts von der einstigen Verschworenheit. Die anschließende Ecke in der 32. Minute nämlich verwandelt Blanc um ein Haar per Kopf zum überraschenden Ausgleich. Die Schlussphase der ersten Hälfte hat es dann in sich, denn Frankreich belagert das gegnerische Tor regelrecht, ohne allerdings zu zwingenden Chancen zu kommen. Kurz vor der Pause indes schickt der an allen gefährlichen Aktionen beteiligte Karpin Boban in den freien Raum, und dessen Schuss rasiert den linken Pfosten des von Lama gehüteten Tores (44.). Mitten hinein in das Durcheinander schießt dann Leboeuf erstmals aus dem Spiel heraus auf das Tor (45.). An Willen mangelt es den Franzosen offensichtlich nicht, wohl aber an der letzten Entschlossenheit, Zuberbühler mal so richtig zu fordern.
Zizou wie in alten Zeiten
Ganz anders das Bild dann in der zweiten Hälfte. Frankreich greift an, die Gäste verteidigen. Nacheinander vergeben Boghossian nach Ecke von Leboeuf (47.), Deschamps freistehend aus vier Metern (48.) und Dugarry nach Hereingabe von Zidane (49.). Danach jedoch die Schrecksekunde für Frankreich: Lama muss gegen Leonardo (55.) all sein Können aufbieten, um das 0:2 zu verhindern.
Nach einer Stunde dann kommt Trezeguet für Djorkaeff. Die Zuschauer skandieren seinen Namen, haben ihn ganz offensichtlich nicht vergessen. Der Turiner spielt die Partie zu Ende und ist, wie er nach dem Spiel sagt, einfach nur "stolz, dabei gewesen zu sein." Am Ende werden die Gastgeber übrigens doch für ihre Bemühungen belohnt. Von der rechten Seite schickt Giuly Pires in der Mitte steil und der sucht und findet seien Chef Zidane, der den Ball wie in den guten alten Zeiten direkt nimmt und den Ausgleich besorgt (66.). Wer aber geglaubt hatte, die internationale Auswahl würde nun aufstecken, sah sich getäuscht. Nur wenige Minuten nach seiner Einwechslung stiehlt sich Pauleta auf rechts davon, rückt in die Mitte und nimmt eine Hereingabe von Davor Suker gar meisterlich volley. Der Ball wird immer länger und senkt sich schließlich in den Winkel des inzwischen von Charbonnier gehüteten Tores (70.).
Drei verrückte Minuten
Danach legen beide Mannschaften alle taktischen Fesseln ab. Frankreich drückt auf den Ausgleich, die Weltauswahl will ihren Vorsprung verteidigen. Die 80.000 im Stade de France erleben drei verrückte Minuten. Erst spielt Giuly einen Doppelpass mit Trezeguet und besorgt den erneuten Ausgleich (89.), dann vernascht Suker die französische Hintermannschaft praktisch im Alleingang und spitzelt den Ball zur abermaligen Führung über die Linie (90.). Danach glaubt die Weltauswahl das Spiel wohl schon gewonnen, aber sie hat die Rechnung ohne den Kampfgeist eines Diomède gemacht. Denn der schüttelt erst zwei Gegenspieler ab und hat dann auch noch die Kraft und die Präzision, um von seiner rechten Seite aus einen Schuss genau in den Winkel des gegnerischen Tors zu jagen.
Nach dem Schlusspfiff sagte ein erleichterter Emile Henri: "Solch ein Fest hat der französische Fussball gebraucht. Auf dem Platz hat uns Frédérc Thiriez (der Präsident der Profifussball-Liga) gesagt, dass er schon lange nicht mehr so viel Freude gesehen hat." Hüben wie drüben drei Tore und eine letzte Ehrenrunde für Frankreichs Helden von '98 - auch zehn Jahre danach war der Zauber noch zu spüren.
