Wenn Katja Löffler davon spricht, wie wichtig es auf dem Feld sei, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, dann meint sie damit weder sportlichen Druck, noch taktisches Geplänkel. Wesentlich sind für die defensive Mittelfeldakteurin Geräusche und Intuition. Denn Katja kam auf die Welt, ohne sehen zu können.
Die Leidenschaft am Fussball kann ihr aber dennoch niemand nehmen. Im Gegenteil: Katja Löffler spielt um die deutsche Meisterschaft. Die 30-Jährige hat im Dress des FC St. Pauli soeben den ersten Spieltag der in Deutschland neu gegründeten Blindenfussball-Bundesliga absolviert. "Wir sprechen von blinder Leidenschaft", verriet sie am Rande des Trainings in einer kleinen Hamburger Turnhalle im Gespräch mit FIFA.com.
Der letzte Sonntag im März ging in die Geschichte des deutschen Behindertensports ein. Die acht Teams des neu gegründeten Oberhauses trafen zeitgleich in Stuttgart und Berlin gegeneinander an. Hasan Altoubas schoss Dortmund mit vier Treffern nicht nur zu zwei Siegen, sondern ließ sein Ensemble auch zum ersten Tabellenführer avancieren. Doch es waren wahrlich nicht nur die nackten Ergebnisse, die an diesem Nachmittag zählten.
"Ein wichtiger Teil eines Ganzen"
Vielmehr stand diese ganz bestimmte, besondere und geteilte
Freude aller Mannschaften von Titelfavorit Stuttgart über
Rhein-Ruhr, Marburg, Mainz, Berlin-Würzburg und Chemnitz bis hin zu
St. Pauli und dem Dortmunder Überraschungsspitzenreiter im
Blickpunkt. "Man spürt, dass man nicht nur ein
Hilfsbedürftiger ist, sondern plötzlich ein wichtiger Teil eines
Ganzen. Man wird gebraucht, sonst funktioniert das Team
nicht", beschreibt Katja.
Es mag ebenso futuristisch wie faszinierend wirken, wenn die jeweils vier Feldspieler über 25-minütige Halbzeiten hinweg auf einer 40 x 20 Meter großen Spielfläche mit schützenden Kopfmanschetten und Augenbinden, die weniger starke Seheingeschränkte nicht bevorteilen sollen, einem runden Leder hinterher jagen, in dem sich Schellen befinden. Ein paar Blicke auf den Spielablauf in der Blindenfussball-Bundesliga genügen jedoch, um zu verstehen, dass ohne Team-Arbeit hier gar nichts geht.
Um sich gegenseitig vor Verletzungen zu schützen, rufen sich selbst Gegenspieler vor Zweikämpfen stets das aus dem Spanischen kommende Signalwort "Voy!" zu. Ansonsten werden die Kommandos nur von den Torhütern, die als einzige Spieler sehen können, sowie von den hinter dem Tor und an der Mittelline postierten Guides gegeben.
"Ich versuche, nur auf das Rascheln der Schellen und auf
die Rufe zu hören. Wir ergänzen uns gegenseitig. Und dann ist da ja
noch die Bande, die den Schall zurückwirft", gibt Katja, die
gemeinsam mit ihrem ebenfalls im Team spielenden Ehemann Michael
das Team von St. Pauli ins Leben gerufen hat, einen Einblick in
ihre Welt auf dem Spielfeld. "
Uwe Seeler brachte Stein ins Rollen
Ermöglicht wurde das Setzen dieses Meilensteins durch eine
Kooperation der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen
Fussball-Bundes (DFB), des Deutschen Behindertensportverbandes
(DBS) und des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes
(DBSV). Ein ganz Großer des Weltfussballs hat die Schirmherrschaft
dieses ebenso bemerkenswerten wie ehrgeizigen Projekts übernommen:
Deutschlands Ehrenspielführer Uwe Seeler, der zugleich
Kuratoriumsmitglied der Sepp-Herberger-Stiftung ist und während der
FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ eigentlich sogar
den Stein für die Blindenfussball-Bundesliga erst ins Rollen
brachte.
"Uwe Seeler hatte das Thema Blindenfussball bei der WM 2006 in Berlin kennengelernt und uns davon erzählt. Dann war eigentlich sehr schnell klar, dass wir uns hier engagieren werden", so Manuel Neukirchner, Geschäftsführer der Sepp-Herberger-Stiftung, im Exklusiv-Interview mit FIFA.com.
Zum Ziel hat sich die Stiftung gesetzt, die integrative Kraft
des Fussballs für die Gesellschaft zu nutzen. Und genau diese
Mission wird in der Arbeit für den Blindenfussball perfekt
umgesetzt. Neukirchner sagt: "
Neben den sozialen Aspekten marschiert man gerade durch die Einführung der Liga jedoch auch mit Riesenschritten in den Topleistungsbereich. Schließlich gilt es, sportliche Ziele mit Nachdruck zu verfolgen und zu erreichen. In 21 Ländern wird bereits Blindenfussball gespielt, und Neukirchner sagt: "Es gehört zu unseren Ambitionen, diese faszinierende Facette auch in Deutschland als eine der weltweit erfolgreichsten und prestigeträchtigsten Fussballnationen zu etablieren."
Paralympics als Ziel
Der Weg dorthin ist ein langer, doch kaum jemand hat einen
Zweifel, dass mit der Gründung der deutschen
Blindenfussball-Bundesliga der wohl entscheidende Schritt bereits
vollbracht wurde. Neukirchner schwärmt: "Wenn ich sehe, dass
bei einem Länderspiel zwischen Spanien und Frankreich 3.000
Zuschauer dabei waren, dann würden wir so etwas natürlich auch
gerne erreichen."
Durch die regelmäßigen gegenseitigen Bundesliga-Vergleiche in der Leistungsspitze wird vor allem das bereits existierende deutsche Nationalteam profitieren. In der letzten Europa-Qualifikation für die Paralympics hat man noch als Gruppenletzter abgeschlossen, doch bei den nächsten Spielen, so Neukirchner, "will man dann schon auch gerne dabei sein".
Für das Ehepaar Löffler vom Team St. Pauli wäre das gar nicht schlecht. "Mein Mann und ich, wir liefern uns im Training immer die härtesten Zweikämpfe. Manchmal ist zu Hause dann auch Zoff angesagt", erzählt Katja. Da ihr Ehepartner Michael in der deutschen Nationalmannschaft spielt, könnte dieses Streitpotential im Falle einer Teilnahme an den übernächsten Paralympics zumindest für ein paar Wochen umgangen werden...
