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Der Brasilianer Luiz Felipe Scolari gilt als einer der besten Fussballtrainer der Gegenwart. Mit dem FIFA Magazine sprach er über seine Leidenschaft für den Fussball, die Zukunft, sich selbst und seine Ziele mit dem Nationalteam Portugals.

Es gibt Leute, die finden, Nationaltrainer sei der beste Beruf der Welt. Stimmen Sie dem zu?
Natürlich ist Nationaltrainer ein guter Beruf, das will ich nicht abstreiten, aber man muss auch die große Verantwortung sehen, die mit dem Job verbunden ist. In gewissen Situationen hat man sogar mehr Verantwortung als ein Staats- oder Ministerpräsident.

Warum?
Weil die ganze Welt über Fussball spricht und etwas davon versteht. Über Politik, Gesundheit oder Wirtschaft spricht man viel weniger. Klar hat man als Nationaltrainer einen guten Job, doch den muss man sich mit vielen guten Ergebnissen hart erkämpfen. Deshalb noch einmal: Es ist schön, als Nationaltrainer zu arbeiten, aber man darf nicht meinen, es sei leicht.

Aber besser, als als Vereinstrainer zu arbeiten. Weniger Rummel, weniger Stress...
Könnte man meinen, ist aber falsch. Du stehst nicht täglich auf dem Platz, hast aber sonst viel um die Ohren und kaum Freizeit. Du musst Spieler beobachten, jeden einzelnen als Individuum und im Kollektiv. Dann kommt da auch noch die Psychologie ins Spiel - kurzum: Es gibt unzählige Einzelheiten, die du nicht vernachlässigen darfst. Du musst immer aufmerksam sein.

Was braucht man, um ein guter Nationaltrainer zu sein?
Inbesondere viel Wissen über den Fussball, aber auch ein gutes Umfeld, Image und viel Erfahrung, um Vertrauen zu gewinnen - nicht nur bei den Spielern, sondern auch im ganzen Land. Und schließlich die Leidenschaft für das, was Du tust.

Was sollte für einen Nationaltrainer an erster Stelle stehen, die Taktik oder die Motivation der Spieler?
Als Erstes sollte ein Trainer die Spieler auswählen, die zu seiner Spielphilosophie passen. Natürlich muss er sich danach mit der Motivation und der Psychologie der Spieler befassen. Es ist mit am schwierigsten, einen Spieler so gut zu kennen, dass man optimal auf ihn eingehen kann.

Man merkt, dass die Psychologie für Sie von fundamentaler Bedeutung ist.
Absolut! Gleichwohl sei daran erinnert, dass es viel leichter ist, mit guten als mit schlechten Spielern zu arbeiten. Auf der mentalen Ebene lässt sich viel entspannter arbeiten als auf der sportlichen. Wenn man einem Spieler das Schießen oder das Stellungsspiel beibringen muss, verliert man unendlich viel Zeit. Dagegen lässt sich ein Spieler bereits mit ein paar wenigen Worten von etwas überzeugen. Das Schlimmste ist, wenn man es mit einem schlechten Spieler zu tun hat, der glaubt, er sei so gut wie die anderen.

2002 wurden Sie mit Brasilien Weltmeister. 2004 schrammten Sie mit Portugal vor heimischem Publikum in Lissabon knapp am Europameistertitel vorbei. Wie erlebten Sie diese beiden gegensätzlichen Erfahrungen?
Nach dem grenzenlosen Jubel folgte zwei Jahre später die große Traurigkeit. Aber inmitten dieser Tristesse habe ich gemerkt, dass das für Portugal ein erster wichtiger Schritt war auf dem Weg zu einer wettbewerbsfähigeren Nationalmannschaft, die weitere Endspiele erreichen kann. Das Gefühl, verloren zu haben, wog natürlich schwer, aber ich habe auch gespürt, dass wir sehr gute Arbeit geleistet hatten. Ich war mir sicher, dass dieses Finale kein Einzelfall bleiben würde. Tatsächlich haben wir gleich danach eine gute Weltmeisterschaft gespielt. Wir haben uns für die EURO 2008 qualifiziert, bei der wir weit kommen wollen. Portugal hat heute mehr Selbstvertrauen denn je zuvor.

Ein Mentalitätswandel?
Eindeutig. Und genau den haben wir auch angestrebt. Die portugiesische Nationalmannschaft ist heute mental gefestigt. Die Qualifikation für die EURO 2008 war schwierig. Es gab einige heikle Momente, und dennoch haben wir unser Ziel erreicht. Noch vor einigen Jahren wären wir gescheitert. Der zweite Platz bei der EURO 2004 hat Wirkung gezeigt.

Wie weit kann Portugal bei der EURO 2008 kommen?
Ich glaube, dass wir das Finale erreichen können, auch wenn wir dazu schwere Gegner schlagen müssen, sowohl in den Gruppenspielen als auch im Viertel- und Halbfinale. Viele reden nur vom Endspiel. Tatsache ist aber, dass nicht nur wir, sondern alle Teams dorthin wollen.

Wäre ein Spitzenplatz Portugals bei der EURO ein gutes Vorzeichen für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™?
Ganz sicher, vor allem wenn man bedenkt, dass die Phase zwischen zwei großen Turnieren unglaublich heikel ist. Gerade in dieser Zeit ist der Nationaltrainer gefordert: Er darf keine Angst haben, die Mannschaft zu verändern oder zu erneuern. Zwar geht bei jedem Wechsel Erfahrung verloren, dafür gewinnt man neues Talent für die Zukunft.

Fast unbemerkt haben Sie die Erneuerung in der portugiesischen Nationalmannschaft vollzogen.
Und sie ist noch nicht abgeschlossen. Ich kann Ihnen garantieren, dass wir bei der EURO 2008 mit der einen oder anderen Überraschung aufwarten werden, wobei Portugal trotzdem weiterhin zu den fünf besten Nationalmannschaften der Welt zählen wird. Von der Mannschaft von 2002 werden vermutlich nur noch drei oder vier Spieler dabei sein. Schon in Brasilien wurde ich kritisiert, weil ich einige junge Spieler in die Nationalmannschaft berufen hatte: Gilberto Silva, Kleberson, Kaká und andere. Alles Spieler, die noch an keiner WM teilgenommen hatten. Sogar Präsident Ricardo Teixeira machte mich darauf aufmerksam. Sicher: Erfahrung ist wichtig. Frankreich ist mit sehr erfahrenen Spielern Weltmeister geworden. Das Beste ist aber immer eine Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern. Genau diesen Mix strebe ich an. Bislang ist meine Strategie aufgegangen, doch man kann auch Schiffbruch erleiden.

Liegt der Unterschied zwischen Brasilien und Portugal nur in der Quantität oder auch in der Qualität?
Nur in der Quantität. In Sachen technischer Qualität hat Portugal exzellente Werte und spielt ähnlich wie die Brasilianer, das heißt mit vielen Ballkontakten, viel Qualitätsarbeit, viel Bewegung. Wie Brasilien setzt auch Portugal nicht hauptsächlich auf Kraft und physische Stärke, wie das bei vielen europäischen Mannschaften der Fall ist. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Brasilien 200 Millionen Einwohner hat und Portugal nur 10 Millionen. Das wirkt sich natürlich auf das Spielerangebot aus.

Neben Qualität und Quantität muss Brasilien aber noch ein anderes Geheimnis haben?
Wissen Sie, was das Geheimnis ist? In Brasilien macht ein Ball 200 Kinder glücklich. Mit einem Ball kann man bereits loslegen. Das hat den Fussball so populär gemacht. Andere Sportarten haben es in Brasilien dagegen schwer, weil sie ziemlich teuer sind. Weitere Erfolgsgeheimnisse sind der viele Platz und natürlich das schöne Wetter in Brasilien. In der Summe ergibt das eine völlig auf den Fussball gerichtete Kultur. Jeder Brasilianer hat von Geburt an Fussball im Blut. Das ist vielleicht der größte Unterschied zu Europa.

Die Konkurrenz in Brasilien ist so groß, dass brasilianische Spieler zunehmend auch für andere Nationalmannschaften antreten. Ist das ein Problem?
Dieser Praxis sollte meiner Meinung nach weltweit ein Riegel vorgeschoben werden. FIFA-Präsident Joseph S. Blatter spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Wenn es nach mir ginge, müsste man auch die nationalen Meisterschaften in eine entsprechende Regelung einbeziehen. So sollten pro Verein nur noch vier oder fünf Ausländer zugelassen sein.

Wie stehen Sie zum Einsatz neuer Technologien im Fussball? Wie weit sollte man gehen?
Nur so weit, als sie den Menschen nicht beeinflussen. Zu einer Technologie, die den menschlichen Finger steuert, sage ich nein danke, zumal Manipulation damit Tür und Tor geöffnet würde. Aber ein "Chip" im Ball oder alles, was der Mensch nicht beeinflussen kann und was der Transparenz im Fussball dient, gerne.

Wo hat sich der Fussball mehr entwickelt? Im physischen oder im technischen Bereich?
Ganz klar im physischen Bereich. Heute kann jede physisch starke Mannschaft ein technisch überlegenes Team vor Probleme stellen. Der Trainingsaufbau ist heute bei allen Mannschaften sehr ähnlich. Bei der körperlichen Verfassung sind die Unterschiede am geringsten. Dies zwingt die technisch stärkeren Mannschaften dazu, schneller zu denken und zu handeln, und das ist gar nicht so einfach. Daher gibt es im Weltfussball immer häufiger Überraschungen. Für gute Mannschaften wird es immer schwieriger, sich für große Turniere zu qualifizieren.

Sie sprachen vorhin von Kaká. Als Sie ihn für die WM 2002 aufboten, rechneten Sie damit, dass er schon bald der beste Spieler der Welt würde?
Bei 18- oder 19-jährigen Spielern kann man noch nicht sagen, ob es einer an die Spitze schafft, denn dazu müssen mehrere Faktoren stimmen. Kakás enormes Potenzial war aber bereits damals offensichtlich.

Cristiano Ronaldo hat zwar das Rennen um den Titel des FIFA Weltfussballers 2007 gegen Kaká verloren, spielt dafür bei Manchester United stärker denn je. Ein Cristiano Ronaldo in dieser Form ist für Sie bestimmt wertvoll.
Ohne Frage. Wie bei Manchester United ist er auch in der Nationalmannschaft ein absoluter Leistungsträger. Cristiano ist das Beispiel für einen "Jungen", der schnell gereift ist, als Spieler wie als Führungsperson. Ich bin mir absolut sicher, dass Cristiano in den nächsten drei, vier, fünf Jahren zu den Besten der Welt und als Kapitän auf lange Sicht zu den Aushängeschildern der portugiesischen Nationalmannschaft gehören wird.

Die WM in Südafrika steht fast vor der Tür...
Ein großes Ereignis von einer immensen Bedeutung für Afrika, einen Kontinent, der diesen Schub für die Entwicklung seines Fussballs braucht. Talente sind reichlich vorhanden, doch für den ultimativen Durchbruch fehlen ihnen die nötigen strukturellen Voraussetzungen und ein starkes Nervenkostüm.

Auch Brasilien bereitet sich schon darauf vor, 2014 die Welt des Fussballs zu empfangen. Eine andere Situation als in Afrika, aber...
... genauso wichtig, vor allem für die Entwicklung des Landes. Das Land freut sich auf die Verantwortung, und ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Organisation unter brasilianischer Leitung ein Erfolg sein wird. Für die Infrastruktur im ganzen Land ist diese Veranstaltung enorm wichtig. Zudem war es an der Zeit, dass der fünffache Weltmeister wieder eine Weltmeisterschaft zugesprochen erhielt.

Wie ist Luiz Felipe Scolari fernab des Rasens?
Völlig ruhig und friedfertig. Ich verbringe die meiste Zeit zu Hause, mit der Familie. Ein ruhiges Leben, ohne spezielle Höhepunkte.

Wer Sie gegen Ivica Dragutinovic gesehen hat [Anm.d.Red.: Scolari ging während eines EM-Qualifikationsspiels auf den Serben los], würde das nicht sagen!
Das war kein ruhmreiches Kapitel, aber auf meine Spieler lasse ich nichts kommen.

Angeblich soll Sie Ihre Frau Olga zur Vernunft gebracht haben, als sie Ihnen die Bilder zeigte?
Stimmt... Mein Verhalten hat ihr gar nicht gefallen. Aber der Schutz meiner Spieler ist tatsächlich eines der wenigen Dinge, bei denen ich die Contenance verliere.

Luiz Felipe Scolari

Geboren am: 9. November 1948 in Passo Fundo (Brasilien)

Nationalität: Brasilianer/Italiener

Karriere als Trainer: 1982: CS Alagonao (Bra). 1982/1983: EC Juventude (Brasilien). 1983: Gremio Esportivo (Brasilien). 1984/1985: Al-Shabab (Saudiarabien). 1986: Gremio Esportivo (Brasilien). 1987: Gremio Porto Alegre (Brasilien). 1988: Goiás (Brasilien). 1988-1990: Al Qadisiya (Kuwait). 1990: Nationalmannschaft Kuwaits. 1991: Criciúma Esporte Clube (Brasilien). 1991: Al-Ahli Jeddah (Saudiarabien). 1992: Al Qadisiya (Kuwait). 1993-1996: Gremio Porto Alegre (Brasilien). 1997: Jubilo Iwata (Japan). 1997-2000: Palmeiras (Brasilien). 2000/2001: Cruzeiro (Brasilien). 2001/2002: Nationalmannschaft Brasiliens. Seit 2003: Nationalmannschaft Portugals.

Erfolge als Trainer: brasilianischer Meister (1996), brasilianischer Pokalsieger (1991, 1994, 1998), Gewinn der Copa Libertadores (1995, 1999), Gewinn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ (2002), Zweiter bei der EURO 2004.

Stand: 31. Januar 2008