In der neuen Ausgabe des FIFA Magazine können Sie neben zahlreichen anderen Höhepunkten auch ein Interview mit Luiz Felipe Scolari lesen. FIFA.com bietet Ihnen von nun an jeden Monat die Möglichkeit, eines der exklusiven Gespräche des jeweils aktuellen FIFA Magazine zu lesen. Zögern Sie nicht, sondern abonnieren Sie das Heft hier auf FIFA.com, um es Monat für Monat nach Hause geliefert zu bekommen.
Der Brasilianer Luiz Felipe Scolari gilt als einer der besten Fussballtrainer der Gegenwart. Mit dem FIFA Magazine sprach er über seine Leidenschaft für den Fussball, die Zukunft, sich selbst und seine Ziele mit dem Nationalteam Portugals.
Es gibt Leute, die finden, Nationaltrainer sei der beste
Beruf der Welt. Stimmen Sie dem zu?
Natürlich ist Nationaltrainer ein guter Beruf, das
will ich nicht abstreiten, aber man muss auch die große
Verantwortung sehen, die mit dem Job verbunden ist. In gewissen
Situationen hat man sogar mehr Verantwortung als ein Staats- oder
Ministerpräsident.
Warum?
Weil die ganze Welt über Fussball spricht und etwas
davon versteht. Über Politik, Gesundheit oder Wirtschaft spricht
man viel weniger. Klar hat man als Nationaltrainer einen guten Job,
doch den muss man sich mit vielen guten Ergebnissen hart erkämpfen.
Deshalb noch einmal: Es ist schön, als Nationaltrainer zu arbeiten,
aber man darf nicht meinen, es sei leicht.
Aber besser, als als Vereinstrainer zu arbeiten. Weniger
Rummel, weniger Stress...
Könnte man meinen, ist aber falsch. Du stehst nicht
täglich auf dem Platz, hast aber sonst viel um die Ohren und kaum
Freizeit. Du musst Spieler beobachten, jeden einzelnen als
Individuum und im Kollektiv. Dann kommt da auch noch die
Psychologie ins Spiel - kurzum: Es gibt unzählige Einzelheiten, die
du nicht vernachlässigen darfst. Du musst immer aufmerksam
sein.
Was braucht man, um ein guter Nationaltrainer zu
sein?
Inbesondere viel Wissen über den Fussball, aber auch ein
gutes Umfeld, Image und viel Erfahrung, um Vertrauen zu gewinnen -
nicht nur bei den Spielern, sondern auch im ganzen Land. Und
schließlich die Leidenschaft für das, was Du tust.
Was sollte für einen Nationaltrainer an erster Stelle
stehen, die Taktik oder die Motivation der Spieler?
Als Erstes sollte ein Trainer die Spieler
auswählen, die zu seiner Spielphilosophie passen. Natürlich muss er
sich danach mit der Motivation und der Psychologie der Spieler
befassen. Es ist mit am schwierigsten, einen Spieler so gut zu
kennen, dass man optimal auf ihn eingehen kann.
Man merkt, dass die Psychologie für Sie von fundamentaler
Bedeutung ist.
Absolut! Gleichwohl sei daran erinnert, dass es
viel leichter ist, mit guten als mit schlechten Spielern zu
arbeiten. Auf der mentalen Ebene lässt sich viel entspannter
arbeiten als auf der sportlichen. Wenn man einem Spieler das
Schießen oder das Stellungsspiel beibringen muss, verliert man
unendlich viel Zeit. Dagegen lässt sich ein Spieler bereits mit ein
paar wenigen Worten von etwas überzeugen. Das Schlimmste ist, wenn
man es mit einem schlechten Spieler zu tun hat, der glaubt, er sei
so gut wie die anderen.
2002 wurden Sie mit Brasilien Weltmeister. 2004 schrammten
Sie mit Portugal vor heimischem Publikum in Lissabon knapp am
Europameistertitel vorbei. Wie erlebten Sie diese beiden
gegensätzlichen Erfahrungen?
Nach dem grenzenlosen Jubel folgte zwei Jahre
später die große Traurigkeit. Aber inmitten dieser Tristesse habe
ich gemerkt, dass das für Portugal ein erster wichtiger Schritt war
auf dem Weg zu einer wettbewerbsfähigeren Nationalmannschaft, die
weitere Endspiele erreichen kann. Das Gefühl, verloren zu haben,
wog natürlich schwer, aber ich habe auch gespürt, dass wir sehr
gute Arbeit geleistet hatten. Ich war mir sicher, dass dieses
Finale kein Einzelfall bleiben würde. Tatsächlich haben wir gleich
danach eine gute Weltmeisterschaft gespielt. Wir haben uns für die
EURO 2008 qualifiziert, bei der wir weit kommen wollen. Portugal
hat heute mehr Selbstvertrauen denn je zuvor.
Ein Mentalitätswandel?
Eindeutig. Und genau den haben wir auch angestrebt.
Die portugiesische Nationalmannschaft ist heute mental gefestigt.
Die Qualifikation für die EURO 2008 war schwierig. Es gab einige
heikle Momente, und dennoch haben wir unser Ziel erreicht. Noch vor
einigen Jahren wären wir gescheitert. Der zweite Platz bei der EURO
2004 hat Wirkung gezeigt.
Wie weit kann Portugal bei der EURO 2008 kommen?
Ich glaube, dass wir das Finale erreichen können,
auch wenn wir dazu schwere Gegner schlagen müssen, sowohl in den
Gruppenspielen als auch im Viertel- und Halbfinale. Viele reden nur
vom Endspiel. Tatsache ist aber, dass nicht nur wir, sondern alle
Teams dorthin wollen.
Wäre ein Spitzenplatz Portugals bei der EURO ein gutes
Vorzeichen für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™?
Ganz sicher, vor allem wenn man bedenkt, dass die
Phase zwischen zwei großen Turnieren unglaublich heikel ist. Gerade
in dieser Zeit ist der Nationaltrainer gefordert: Er darf keine
Angst haben, die Mannschaft zu verändern oder zu erneuern. Zwar
geht bei jedem Wechsel Erfahrung verloren, dafür gewinnt man neues
Talent für die Zukunft.
Fast unbemerkt haben Sie die Erneuerung in der
portugiesischen Nationalmannschaft vollzogen.
Und sie ist noch nicht abgeschlossen. Ich kann
Ihnen garantieren, dass wir bei der EURO 2008 mit der einen oder
anderen Überraschung aufwarten werden, wobei Portugal trotzdem
weiterhin zu den fünf besten Nationalmannschaften der Welt zählen
wird. Von der Mannschaft von 2002 werden vermutlich nur noch drei
oder vier Spieler dabei sein. Schon in Brasilien wurde ich
kritisiert, weil ich einige junge Spieler in die Nationalmannschaft
berufen hatte: Gilberto Silva, Kleberson, Kaká und andere. Alles
Spieler, die noch an keiner WM teilgenommen hatten. Sogar Präsident
Ricardo Teixeira machte mich darauf aufmerksam. Sicher: Erfahrung
ist wichtig. Frankreich ist mit sehr erfahrenen Spielern
Weltmeister geworden. Das Beste ist aber immer eine Mischung aus
erfahrenen und jungen Spielern. Genau diesen Mix strebe ich an.
Bislang ist meine Strategie aufgegangen, doch man kann auch
Schiffbruch erleiden.
Liegt der Unterschied zwischen Brasilien und Portugal nur
in der Quantität oder auch in der Qualität?
Nur in der Quantität. In Sachen technischer
Qualität hat Portugal exzellente Werte und spielt ähnlich wie die
Brasilianer, das heißt mit vielen Ballkontakten, viel
Qualitätsarbeit, viel Bewegung. Wie Brasilien setzt auch Portugal
nicht hauptsächlich auf Kraft und physische Stärke, wie das bei
vielen europäischen Mannschaften der Fall ist. Der einzige
Unterschied besteht darin, dass Brasilien 200 Millionen Einwohner
hat und Portugal nur 10 Millionen. Das wirkt sich natürlich auf das
Spielerangebot aus.
Neben Qualität und Quantität muss Brasilien aber noch ein
anderes Geheimnis haben?
Wissen Sie, was das Geheimnis ist? In Brasilien
macht ein Ball 200 Kinder glücklich. Mit einem Ball kann man
bereits loslegen. Das hat den Fussball so populär gemacht. Andere
Sportarten haben es in Brasilien dagegen schwer, weil sie ziemlich
teuer sind. Weitere Erfolgsgeheimnisse sind der viele Platz und
natürlich das schöne Wetter in Brasilien. In der Summe ergibt das
eine völlig auf den Fussball gerichtete Kultur. Jeder Brasilianer
hat von Geburt an Fussball im Blut. Das ist vielleicht der größte
Unterschied zu Europa.
Die Konkurrenz in Brasilien ist so groß, dass
brasilianische Spieler zunehmend auch für andere
Nationalmannschaften antreten. Ist das ein Problem?
Dieser Praxis sollte meiner Meinung nach weltweit
ein Riegel vorgeschoben werden. FIFA-Präsident Joseph S. Blatter
spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Wenn es nach mir
ginge, müsste man auch die nationalen Meisterschaften in eine
entsprechende Regelung einbeziehen. So sollten pro Verein nur noch
vier oder fünf Ausländer zugelassen sein.
Wie stehen Sie zum Einsatz neuer Technologien im Fussball?
Wie weit sollte man gehen?
Nur so weit, als sie den Menschen nicht
beeinflussen. Zu einer Technologie, die den menschlichen Finger
steuert, sage ich nein danke, zumal Manipulation damit Tür und Tor
geöffnet würde. Aber ein "Chip" im Ball oder alles, was
der Mensch nicht beeinflussen kann und was der Transparenz im
Fussball dient, gerne.
Wo hat sich der Fussball mehr entwickelt? Im physischen
oder im technischen Bereich?
Ganz klar im physischen Bereich. Heute kann jede
physisch starke Mannschaft ein technisch überlegenes Team vor
Probleme stellen. Der Trainingsaufbau ist heute bei allen
Mannschaften sehr ähnlich. Bei der körperlichen Verfassung sind die
Unterschiede am geringsten. Dies zwingt die technisch stärkeren
Mannschaften dazu, schneller zu denken und zu handeln, und das ist
gar nicht so einfach. Daher gibt es im Weltfussball immer häufiger
Überraschungen. Für gute Mannschaften wird es immer schwieriger,
sich für große Turniere zu qualifizieren.
Sie sprachen vorhin von Kaká. Als Sie ihn für die WM 2002
aufboten, rechneten Sie damit, dass er schon bald der beste Spieler
der Welt würde?
Bei 18- oder 19-jährigen Spielern kann man noch
nicht sagen, ob es einer an die Spitze schafft, denn dazu müssen
mehrere Faktoren stimmen. Kakás enormes Potenzial war aber bereits
damals offensichtlich.
Cristiano Ronaldo hat zwar das Rennen um den Titel des FIFA
Weltfussballers 2007 gegen Kaká verloren, spielt dafür bei
Manchester United stärker denn je. Ein Cristiano Ronaldo in dieser
Form ist für Sie bestimmt wertvoll.
Ohne Frage. Wie bei Manchester United ist er auch
in der Nationalmannschaft ein absoluter Leistungsträger. Cristiano
ist das Beispiel für einen "Jungen", der schnell gereift
ist, als Spieler wie als Führungsperson. Ich bin mir absolut
sicher, dass Cristiano in den nächsten drei, vier, fünf Jahren zu
den Besten der Welt und als Kapitän auf lange Sicht zu den
Aushängeschildern der portugiesischen Nationalmannschaft gehören
wird.
Die WM in Südafrika steht fast vor der Tür...
Ein großes Ereignis von einer immensen Bedeutung
für Afrika, einen Kontinent, der diesen Schub für die Entwicklung
seines Fussballs braucht. Talente sind reichlich vorhanden, doch
für den ultimativen Durchbruch fehlen ihnen die nötigen
strukturellen Voraussetzungen und ein starkes Nervenkostüm.
Auch Brasilien bereitet sich schon darauf vor, 2014 die
Welt des Fussballs zu empfangen. Eine andere Situation als in
Afrika, aber...
... genauso wichtig, vor allem für die Entwicklung
des Landes. Das Land freut sich auf die Verantwortung, und ich habe
nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Organisation unter
brasilianischer Leitung ein Erfolg sein wird. Für die Infrastruktur
im ganzen Land ist diese Veranstaltung enorm wichtig. Zudem war es
an der Zeit, dass der fünffache Weltmeister wieder eine
Weltmeisterschaft zugesprochen erhielt.
Wie ist Luiz Felipe Scolari fernab des Rasens?
Völlig ruhig und friedfertig. Ich verbringe die
meiste Zeit zu Hause, mit der Familie. Ein ruhiges Leben, ohne
spezielle Höhepunkte.
Wer Sie gegen Ivica Dragutinovic gesehen hat [Anm.d.Red.:
Scolari ging während eines EM-Qualifikationsspiels auf den Serben
los], würde das nicht sagen!
Das war kein ruhmreiches Kapitel, aber auf meine
Spieler lasse ich nichts kommen.
Angeblich soll Sie Ihre Frau Olga zur Vernunft gebracht
haben, als sie Ihnen die Bilder zeigte?
Stimmt... Mein Verhalten hat ihr gar nicht
gefallen. Aber der Schutz meiner Spieler ist tatsächlich eines der
wenigen Dinge, bei denen ich die Contenance verliere.
Luiz Felipe Scolari
Geboren am: 9. November 1948 in Passo Fundo (Brasilien)
Nationalität: Brasilianer/Italiener
Karriere als Trainer: 1982: CS Alagonao (Bra). 1982/1983: EC Juventude (Brasilien). 1983: Gremio Esportivo (Brasilien). 1984/1985: Al-Shabab (Saudiarabien). 1986: Gremio Esportivo (Brasilien). 1987: Gremio Porto Alegre (Brasilien). 1988: Goiás (Brasilien). 1988-1990: Al Qadisiya (Kuwait). 1990: Nationalmannschaft Kuwaits. 1991: Criciúma Esporte Clube (Brasilien). 1991: Al-Ahli Jeddah (Saudiarabien). 1992: Al Qadisiya (Kuwait). 1993-1996: Gremio Porto Alegre (Brasilien). 1997: Jubilo Iwata (Japan). 1997-2000: Palmeiras (Brasilien). 2000/2001: Cruzeiro (Brasilien). 2001/2002: Nationalmannschaft Brasiliens. Seit 2003: Nationalmannschaft Portugals.
Erfolge als Trainer: brasilianischer Meister (1996), brasilianischer Pokalsieger (1991, 1994, 1998), Gewinn der Copa Libertadores (1995, 1999), Gewinn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ (2002), Zweiter bei der EURO 2004.
Stand: 31. Januar 2008
