Weltweit herrscht Einigkeit darüber, dass es sich beim Fussball nicht um eine exakte Wissenschaft handelt und daher die Voraussage von konkreten Ergebnissen nicht möglich ist. Generell gilt indes als erwiesen, dass in der Regel die bessere Mannschaft am Ende auch gewinnt... Allerdings haben sich inzwischen einige Mannschaften geradezu darauf spezialisiert, diese Regel auf den Kopf zu stellen. Ob nun ein gewisser Aberglaube, ein böser Fluch oder nur eine mentale Blockade dahinter steckt, bleibt offen. Tatsache aber ist, dass es im Fussball immer wieder Mannschaften gibt, die sich gegen bestimmte Rivalen äußerst schwer tun und diese über längere Zeit einfach nicht bezwingen können. FIFA.com widmet sich heute jenen "Unbezwingbaren", die für ganz bestimmte Rivalen regelmäßig zum Albtraum werden.
Der klassische Angstgegner zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass er einem bestimmten Gegner in aller Regel große Probleme bereitet, und zwar unabhängig vom jeweiligen Tabellenplatz, der Zusammensetzung oder der aktuellen Form beider Mannschaften. Eine solche Erfahrung blieb selbst dem fünffachen Weltmeister Brasilien in seiner traditionsreichen Fussballgeschichte nicht erspart. Das erste Team, das die Auriverdes schier zum Verzweifeln brachte, war Uruguay. Nachdem die Urus bereits die allererste Begegnung zwischen beiden Nationalmannschaften im Jahr 1916 für sich entschieden hatten, behielten sie über 30 Jahre lang gegen Brasilien stets die Oberhand. Den höchsten Sieg über die Seleção landete Uruguay im Jahr 1920. Damals kamen die Brasilianer glatt mit 0:6 unter die Räder. Zum absoluten Super-Gau kam es dann beim FIFA-Weltpokal™ 1950 im legendären Maracaná-Stadion von Rio de Janeiro, als Uruguay dem gastgebenden Team vor 200.000 Zuschauern den Jules-Rimet-Pokal, die damalige WM-Trophäe, vor der Nase wegschnappte. Der Überlieferung nach verwandelte jene Schmach seinerzeit ganz Brasilien in ein Tränenmeer.
Und auch in jüngster Zeit bestätigten die Uruguayer ihren Status als Angstgegner des inzwischen fünffachen Weltmeisters. Zwischen 1999 und 2007 gelangen den brasilianischen Ballkünstlern lediglich zwei Siege, die zudem denkbar knapp ausfielen: im Halbfinale der Copa América 2007, wo sich Uruguay erst im Elfmeterschießen beugen musste, und ein paar Monate später im WM-Qualifikationsspiel für Südafrika 2010, das die Brasilianer mit 2:1 gewannen. Außerdem gab es noch einen Sieg Uruguays im Elfmeterschießen, im Halbfinale der Copa América 2004. Doch wie das Leben mitunter so spielt, kann einem gerade endlich besiegten Fluch schon bald der nächste folgen.
Brasiliens"blaues"Schreckgespenst
Im Fall der Brasilianer wurde der böse Fluch, der
lange Zeit auf den Duellen mit Uruguay lastete, durch einen neuen
und nicht weniger ärgerlichen Bann in Gestalt der französischen
Nationalmannschaft abgelöst. Seit ihrer 2:5-Niederlage beim
FIFA-Weltpokal™ 1958 in Schweden setzten sich die
Bleus bei allen internationalen Turnieren gegen die
Südamerikaner durch. Den Höhepunkt dieser Erfolgsserie bildete
natürlich der grandiose 3:0-Sieg im Finale der FIFA WM 1998 in
Frankreich, die als Sternstunde in die Geschichte des französischen
Fussballs einging. Von der intensiv geführten Auseinandersetzung im
Viertelfinale des WM-Turniers in Mexiko 1986, das vor allem von der
Klasse eines Michel Platini lebte, über das Olympische
Fussballturnier Los Angeles 1984 und das Halbfinale beim FIFA
Konföderationen-Pokal 2001, bis hin zum überragenden Auftritt von
Zinédine Zidane im Viertelfinale in Deutschland 2006, in all diesen
Partien gelang Brasilien gegen Frankreich kein einziger Sieg.
Auch wenn die Franzosen damit ihr ideales "Opfer" gefunden hatten, so sahen sie sich andererseits selbst von einem ähnlichen Fluch verfolgt. Die Rede ist von der deutschen Nationalmannschaft, an der die Bleus sowohl 1982 als auch 1986 im WM-Halbfinale scheiterten. In diesem Fall wurden die Franzosen plötzlich und unfreiwillig zum Opfer. Denn fortan war es die DFB-Elf, die sich für Frankreich als schier unüberwindbares Hindernis erwies.
Das sah übrigens auch Gary Lineker so. Unmittelbar nach einer Niederlage der englischen Nationalmannschaft gegen Deutschland (das damals auch als "Schreckgespenst" der Engländer galt), äußerte sich die Stürmerlegende wie folgt: "22 Jungs liefern sich 90 Minuten lang einen erbitterten Kampf um den Ball - und am Ende gewinnen immer die Deutschen!" Dagegen war es den Italienern stets ein Vergnügen, diese These jedes Mal, wenn sie bei einem WM-Turnier auf Deutschland trafen, zu widerlegen. In vier direkten Aufeinandertreffen mit der DFB-Elf sicherte sich die Squadra Azzurra ein Remis und drei Siege. Der vorerst letzte war der Erfolg im Halbfinale von Deutschland 2006, als man das deutsche Nationalteam bei "ihrer" Weltmeisterschaft bezwang.
Griechenland und das portugiesische
"Maracaná-Syndrom"
Noch schlimmer erwischte es die Portugiesen, die
bereits zahlreiche Angstgegner auf der Liste haben. Im Halbfinale
der Europameisterschaft 1984 waren es die Franzosen, die der
Seleção den Weg ins Endspiel verbauten. Gleiches
wiederholte sich bei der EURO 2000. Bei der WM 2006 in Deutschland
hatten sich Luis Figo und Co. fest vorgenommen, diesen Bann endlich
zu brechen. Doch ein von Zidane verwandelter Elfmeter machte ihnen
einen Strich durch die Rechnung. Gegen Italien sieht die Bilanz der
Portugiesen noch schlechter aus. Der letzte Sieg Portugals über die
Azzurri liegt schon sehr lange zurück, er datiert vom 22.
Dezember 1976. Seither blieb Italien in zehn von elf Partien
erfolgreich und ließ lediglich ein Unentschieden zu!
Das, was für die Brasilianer das "Maracaná-Syndrom" bedeutet, welches einst durch Uruguay ausgelöst wurde, ist für die Portugiesen heute die griechische Nationalmannschaft. Im Finale der im eigenen Land ausgetragenen EURO 2004 unterlag Portugal zur allgemeinen Überraschung dem pragmatisch und schnörkellos aufspielenden Team von Trainer Otto Rehhagel. Doch kam dieser Sieg wirklich so überraschend? Wenige Monate zuvor hatten die Portugiesen ein Freundschaftsspiel gegen Griechenland bestritten und erst durch einen in letzter Minute verwandelten Elfmeter ein Remis (1:1) erzwungen. Und auch im Eröffnungsspiel der Euro 2004 hatten die Griechen gegen Portugal mit 2:1 die Oberhand behalten. Schon damals war von einem "Überraschungssieg der Griechen" die Rede. Ihren vorerst letzten Versuch, sich von dem Fluch der Unbesiegbarkeit des amtierenden Europameisters zu befreien, unternahmen die Portugiesen im März dieses Jahres, als man sich in einem Freundschaftsspiel gegenüberstand. Wie es ausging? Griechenland gewann die Partie dank eines Doppelpacks von Georgios Karagounis, der ausgerechnet bei Benfica Lissabon unter Vertrag steht, mit 2:1!
Opfer und Angstgegner zugleich
Vielleicht können sich die Portugiesen damit trösten, dass
auch sie eine Art Sündenbock gefunden haben. Gemeint sind die
Engländer, denen die beiden Elfmeterschießen im Viertelfinale der
UEFA EURO 2004 und bei der FIFA WM Deutschland 2006 sicher für
immer im Gedächtnis bleiben werden. Beide endeten mit dem gleichen
Ergebnis: Ricardo erwies sich als Held zwischen den Pfosten und
sicherte so den Portugiesen den Einzug in die nächste Runde. Die
dänische Nationalmannschaft wiederum rennt bis heute einem Sieg in
einem internationalen Turnier gegen Spanien hinterher. Ob beim
Olympischen Fussballturnier 1920, beim FIFA-Weltpokal 1986 oder bei
der UEFA EURO 1988, die
Furia Roja ging gegen die Nordeuropäer stets als Sieger
vom Platz!
In Afrika ist mittlerweile Ägypten zum Angstgegner für die Elfenbeinküste geworden. Von den zehn direkten Begegnungen im Rahmen des Afrikanischen Nationen-Pokals konnten die Westafrikaner bislang nur eine einzige (1990) gewinnen. Die restlichen neun Partien entschieden alle die Ägypter zu ihren Gunsten, so auch das Finale des Afrikanischen Nationen-Pokals 2006 und das Halbfinale von Ghana 2008, wo die Elfenbeinküste jeweils zum engsten Favoritenkreis zählte.
Wie wir sehen, ist das Ganze eine Art Teufelskreis! Egal ob eine Mannschaft aus purem Zufall, aufgrund mentaler Vorteile oder aber wegen der besseren Spielanlage gewinnt, fast jedes Team hatte es schon mit Gegnern zu tun, die ihm besonders gut liegen und solchen, die ihm stets Probleme bereiten. Mannschaften, in deren Geschichte es noch keine Angstgegner gab, sind eher die Ausnahme. Zur Beruhigung der "ewigen Opfer" in einem Sport, der keine Logik kennt, sei jedoch abschließend an eine alte Binsenweisheit erinnert, die besagt, dass "je länger eine Serie andauert, um so rascher auch ihr Ende naht."
