Ob ein spektakulärer Seitfallzieher, atemberaubende Dribblings, ein perfektes Tackling oder auch eine Glanzparade des Torhüters, die ein bereits sicher geglaubtes Tor verhindert, all das sind Aktionen, die die Massen in den Fussballstadien immer wieder von den Sitzen reißen. Darüber hinaus spielen sich auf dem Spielfeld mitunter auch andere, jedoch nicht weniger spektakuläre Szenen ab, für die es seitens der Akteure weder einer herausragenden Balltechnik noch eines besonderen Talentes bedarf. Die Rede ist von sportlichen Gesten, die sich zwar nicht auf der Anzeigetafel widerspiegeln und auch keinen Titel einbringen, wohl aber die Geschichte des Fussballs nachhaltig prägen und sich tief in das Gedächtnis seiner Anhänger eingraben. FIFA.com präsentiert Ihnen eine kleine Auswahl der schönsten Fairplay-Gesten im Fussball, die diesen Sport zu Recht zur Nummer eins unter den Sportarten gemacht haben.
Weil der moderne Fussball von England aus seinen Siegeszug um die Welt antrat und auch der Begriff "Fairplay" erstmals auf der Insel Verwendung fand, beginnt dort auch unsere Zeitreise in Sachen sportliche Fairness. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts gelangte der walisische Stürmer John Charles im englischen Leeds zu großer Berühmtheit, weil er für Leeds United zunächst in der zweiten Liga (1953-1954), später dann in Englands höchster Spielklasse (1956-1957) mit 42 bzw. 38 Treffern die Torschützenkrone geholt hatte. Nach seinem Wechsel zu Juventus Turin erwarb er sich neben seinen überragenden Qualitäten als Torjäger zusätzlich noch den Ruf als echter Gentleman des Sports.
Am 13. Oktober 1957 spielte Charles sein erstes Stadtderby gegen AC Turin, wie der FC Turin damals hieß. Bei einem Zweikampf prallte er mit einem gegnerischen Verteidiger zusammen, der daraufhin zu Boden ging. Charles befand sich in einer aussichtsreichen Schussposition. Als er sich gerade anschickte, den Torhüter in die falsche Ecke zu schicken, sah er seinen Zweikampfgegner immer noch auf dem Rasen liegen. Daraufhin spielte er den Ball absichtlich ins Aus. "Ich hätte nur noch den Torwart überwinden müssen, doch das schien mir nicht gerecht", so John Charles, der im Jahr 2004 verstarb, später in seinen Erinnerungen. "Also habe ich den Ball rausgeschlagen, damit mein Gegner behandelt werden konnte." Eine Reaktion, die ihm, man höre und staune, eine ewig währende Popularität bei den Fans beider Turiner Klubs bescheren sollte. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Juventus die Partie dank eines Treffers von John Charles mit 1:0 gewann!
Di Canio und Fowler nehmen sich ein Beispiel
Nachdem also ein berühmter Fussballer von der Insel einst
in Italien den Anfang gemacht hatte, war es ein paar Jahrzehnte
später ein Italiener, der mit einer ähnlichen Geste im englischen
Fussball für Schlagzeilen sorgte. Während einer Partie im Dezember
2000 gegen den FC Everton sah sich Paolo Di Canio, Angreifer in
Diensten von West Ham United, nach einer Hereingabe allein und
unbedrängt dem leeren Kasten des Gegners gegenüber. Anstatt das
Leder einfach ins Tor zu befördern und damit den Siegtreffer für
seine Mannschaft zu erzielen - zu diesem Zeitpunkt stand es 1:1 -,
nahm Di Canio den Ball mit den Händen auf. Was war geschehen?
Evertons Keeper hatte sich bei der vorangegangen Angriffsaktion
eine schwere Verletzung zugezogen, die Di Canio nicht für sich
ausnutzen wollte. Im Jahr 2001 wurde der frühere Kapitän von Lazio
Rom, der in seiner weiteren Karriere häufig durch negative
Verhaltensweisen auffiel, in Würdigung seiner vorbildlichen Geste
im Goodison-Park von Liverpool mit dem Fairplay-Preis der FIFA
ausgezeichnet.
Überhaupt scheint Liverpool ein besonders geeigneter Schauplatz für faires sportliches Verhalten zu sein. Denn dort hatte sich eine Symbolfigur der Reds bereits im Jahr 1997 als äußerst fairer Sportsmann erwiesen. In einem Spitzenspiel gegen den FC Arsenal im heimischen Highbury-Stadion bekam Robbie Fowler von Schiedsrichter Ashby einen Elfmeter zugesprochen, da er von Torhüter David Seaman regelwidrig zu Fall gebracht worden sei. Zur allgemeinen Überraschung, die selbst seine Mitspieler erfasste, bat der Angreifer des Gastgeberteams den Unparteiischen, seine Entscheidung zurückzunehmen, da er gar nicht gefoult worden sei. Vergeblich, denn der Referee ließ sich nicht umstimmen.
Daraufhin trat Fowler zum Strafstoß an und schoss nur halbherzig aufs Tor, so dass sein Schuss vom Torhüter der Gunners ohne größere Mühe pariert werden konnte. Ob damit die Geschichte ihren glücklichen Ausgang gefunden hatte? Nicht unbedingt... Der Abpraller landete vor den Füßen des Iren Jason McAteer, der sofort abzog und sicher verwandelte. Am Ende dieser Partie behielt der FC Liverpool mit 2:1 die Oberhand. Dennoch ist auch diese sportliche Geste von Fowler in die Geschichte des Fairplay eingegangen.
Vielleicht diente der englische Nationalspieler auch für einen weiteren Torjäger als Beispiel. Deutschlands Nationalstürmer Miroslav Klose könnte seinem Titel als besten Torschützen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006 ™ gut und gerne einen Ehrentitel für sportliches Verhalten hinzufügen. Im Mai 2005, als er noch bei Werder Bremen spielte, erhielt Klose im Punktspiel gegen Arminia Bielefeld ebenfalls einen Elfmeter zugesprochen. Im Gegensatz zu Fowler gelang es dem Torjäger vom Dienst der DFB-Elf jedoch, den Schiedsrichter zu überzeugen, dass er nicht gefoult worden war und es folglich auch keinen Strafstoß geben müsse.
Everton-Hymne an der Anfield Road
Manchmal haben die Gesten der sportlichen Fairness ihren
Ursprung leider auch in tragischen Ereignissen. In England war dies
im vergangenen Jahr gleich zwei Mal der Fall. Zunächst war erneut
Liverpool der Ort des Geschehens. Vor dem UEFA Champions
League-Spiel gegen den FC Toulouse am 28. August 2007 ertönte die
Vereinshymne des FC Everton - also ausgerechnet die Hymne des
ewigen Rivalen - in Anfield, dem Heimstadion der
Reds. Sie wurde zum Gedenken an Rhys Jones gespielt, einem
erst elfjährigem Fan des FC Everton, der auf dem Heimweg vom
Training erschossen worden war.
Am gleichen Tag wurde Englands Fussball von einer weiteren Tragödie überschattet. Während einer Partie im Rahmen des Carling-Cups zwischen Nottingham Forest und Leicester City erlitt Leicesters Verteidiger Clive Clarke zur Halbzeitpause einen Herzanfall. Gastgeber Nottingham lag zu diesem Zeitpunkt mit 1:0 in Führung. Dennoch entschieden beide Teams, das Spiel abzubrechen und es einen Monat später nachzuholen. Das Nachholspiel begann indes mit einer Überraschung: Nachdem der Schiedsrichter die Partie angepfiffen hatte, ließ die Mannschaft von Leicester City den Torhüter von Nottingham Forest, Paul Smith, frei gewähren, so dass dieser den Ball über das gesamte Spielfeld hinweg am Fuß führen und schließlich sein Team mit 1:0 in Führung schießen konnte. "Wir waren der Auffassung, dass wir das einfach tun mussten", lautete die Erklärung von Nottingham-Coach Gary Megson. "Das erste Spiel war unter dramatischen Umständen beendet worden. Gleichwohl schreibt das Regelwerk vor, dass im Wiederholungsfall von vorn zu beginnen ist, also bei einem Spielstand von 0:0." Am Ende wurde diese faire Geste dank eines 3:2-Sieges von Leicester City auch belohnt.
Bei Benfica Lissabon brach der ungarische Angreifer Miklos Fehér im Januar 2004 mitten im Spiel zusammen und verstarb noch auf dem Spielfeld an den Folgen eines akuten Herzanfalls. Um ihn in Ehren in Erinnerung zu behalten, beschloss die Vereinsführung, seine Rückennummer 29 künftig nicht mehr zu vergeben. Im November 2006 indes sollte eben diese Zahl im Estadio de la Luz nochmals eine viel beachtete Rolle spielen. Während einer Partie der UEFA Champions League zwischen dem portugiesischen Rekordmeister und Celtic Glasgow, das mehr als zwei Jahre nach dem tragischen Tod des Ungarn stattfand, entrollten die mitgereisten schottischen Fans ein Spruchband mit der Rückennummer 29 und der Aufschrift in portugiesischer Sprache: Fehér, nunca caminharas sozinho ( You'll never walk alone). Die ob dieser Geste sichtlich berührten Benfica-Spieler waren überwältigt, so auch Portugals Nationalspieler Nuno Gomes, der es wie folgt kommentierte: "Es war ein unvergesslicher Augenblick und eine wunderbare Geste, ein echter Meilenstein im Fairplay."
Wie gesagt, all diese schönen und noblen Gesten der sportlichen Fairness bescheren weder einen Punktgewinn noch einen Titel oder eine Trophäe. Dennoch gebührt ihnen allen ein ganz besonderer Platz in der Fussballgeschichte.
