In den 90er Jahren gab es in den USA mal einen gewissen Tony Meola. Der war nur allzu bekannt für seine volle Haarpracht, die sich in Fussballerkreisen großer Beliebtheit erfreute. Aber Meolas Geschichte wäre nicht vollständig, erwähnte man nicht auch, dass er als Torhüter reihenweise Stürmer frustriert und seinen Kasten sauber gehalten hat. Und damit ist er gewissermaßen der Begründer einer hervorragenden Torhütertradition in den USA, die aktuell fortgesetzt wird von Tim Howard (Everton), Brad Friedel (Blackburn), Kasey Keller (Fulham) und Marcus Hahnemann (Reading).

Während es U.S.-amerikanische Feldspieler bei europäischen Topklubs nach wie vor schwer haben, sich zu etablieren, stehen die Keeper hoch im Kurs. Vor allem im Mutterland des Fussballs, das an einem chronischen Mangel an guten Torhütern leidet, sind Schlussmänner aus den USA sehr gefragt - und das beileibe nicht nur, weil Sprachschwierigkeiten bei diesen sicher nicht zu befürchten sind. Gleich alle drei aktuellen U.S.-Nationaltorhüter verdienen auf der Insel ihr Geld.

Brad Friedel von den Blackburn Rovers hat dafür eine denkbar einfache Erklärung, wenn er sagt: "In den drei beliebtesten Sportarten der USA - Baseball, American Football und Basketball - muss man die Hände einsetzen. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt ins Fussballtor."

Hinein ja, hinaus nur selten. So brachte es Friedel bis 2005 allein auf 82 Länderspiele für die USA. 2002 stand er im Achtelfinale des FIFA-Weltpokals Korea/Japan™, und sein ehemaliger Trainer Bruce Arena pflichtet ihm bei: "Hier in den USA wollen die Kids am liebsten Torhüter werden. Das ist eine wichtige Position, mit der sie sich identifizieren können."

Arena ist - wen wundert's - übrigens selbst ehemaliger Torhüter und hat es sogar auf ein Länderspiel gebracht. Warum die Fussball-Diaspora USA ausgerechnet so viele gute Torhüter hervorbringt, mag niemals abschließend geklärt werden. Dass sie es tut, steht außer Frage, und aktuell sind Torhüter "Made in USA" gefragt wie nie zuvor. FIFA.com portraitiert die U.S.-Amerikaner zwischen den Pfosten.

Der ewige Keller
Wer über Torhüter aus den USA redet, der kommt an Kasey Keller nicht vorbei. Die Karriere des inzwischen 37-Jährigen umfasst 17 Jahre, über 100 Länderspiele und acht Vereine in vier Ländern und auf zwei Kontinenten.

Nach seinem Abstecher nach Deutschland ist Keller mittlerweile wieder zurück auf der Insel und verstärkt die "U.S.-Kolonie" am Craven Cottage. Neben ihm spielen nämlich auch Clint Dempsey, Brian McBride und Carlos Bocanegra bei Fulham. Keller ist die Nummer eins in der Nationalmannschaft, und wenn es nach ihm geht, wird das auch noch lange so bleiben.

"Mit der Zeit gewinnt man an Erfahrung", hatte er gegenüber FIFA.com schon während der Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ gesagt. "Nach 500 Spielen zwischen den Pfosten macht man nicht mehr die gleichen Fehler wie früher. Ich bin vielleicht nicht mehr der Schnellste, aber ich treffe die besseren Entscheidungen."

Keller hat in der Tat einen langen Weg hinter sich, seit er 1989 bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft in Saudiarabien den Silbernen Ball als zweitbester Spieler des Turniers bekommen hat. Die vielleicht größte Auszeichnung war das viel zitierte Kompliment, das ihm der legendäre brasilianische Torjäger Romario gemacht hat.

Als die Seleção den USA 1989 in der Rose Bowl sensationell mit 0:1 unterlag, hatte der kleine Stürmer dafür eine ganz einfache Erklärung: "Das war schlicht die beste Torhüterleistung, die ich je gesehen habe!"

Der geschmeidige Howard
Designierter Nachfolger von Keller in der Nationalmannschaft ist Tim Howard von Everton. Denn Keller reift zwar wie ein guter Wein, aber Howard ist mit seinen 28 Jahren fast ein Jahrzehnt jünger als sein Konkurrent, und Erfahrung konnte er ebenfalls schon reichlich sammeln. Immerhin war Howard einst Stammkraft bei Manchester United, ehe er sich verärgert zu Everton transferieren ließ.

Was Stellungsspiel und Abgeklärtheit angeht, kann Howard zwar nach wie vor von Keller lernen, hat dafür möglicherweise aber Vorteile in Sachen Athletik und Geschmeidigkeit. Vor allem aber bringt der Mann, der früher bei den New York/New Jersey MetroStars (heute Red Bull New York) ein unbeachtetes Schattendasein fristete, die typische Unerschrockenheit des Herausforderers mit und kann dank der großen Spannweite seiner Arme und der enormen Sprungkraft auch die so genannten "Unhaltbaren" parieren, als sei es ein Kinderspiel.

"Auf einem Weg, der ihn zu großen Dingen führt", jedenfalls sieht ihn Manchester Uniteds Torwarttrainer Tony Coton. "Er könnte bald Weltklasse sein."

Der Dritte im Bunde
In der Hackordnung der englischen Premier League etwas weiter unten steht Marcus Hahnemann. Dass Reading sein Image als graue Maus abstreifen, vergangene Spielzeit in die Premier League aufsteigen und den Klassenerhalt souverän bewerkstelligen konnte, hat der Klub nicht zuletzt seinem unerschrockenen Schlussmann zu verdanken.

Der Mann mit dem deutschen Pass, der ganz in der Nähe der Hühnerfarm der Familie Keller im Nordwesten der USA geboren wurde, auf der sein Konkurrent Kasey aufgewachsen ist, hat seine ganz eigene Theorie dazu, warum die USA so viele gute Torhüter hervorbringen.

"In den USA werden viele verschiedene Sportarten wie Baseball, Football und Basketball gespielt, in denen es auf eine gute Hand-Augen-Koordination ankommt", sagt der erklärte Liebhaber von Motorrädern und Heavy Metal. "Außerdem wollen in den Staaten viele Kinder freiwillig ins Tor, während hier in England meist nur der zwischen die Pfosten muss, der als Feldspieler zu schlecht ist."

Alles in allem sind in vier der 20 Vereine der Premier League U.S.-Amerikaner die Nummer eins. Der Trend zum Schlussmann "Made in America" ist ungebrochen - und so wird Talenten wie Chris Seitz und Brad Guzan durchaus ebenfalls der baldige Sprung nach Europa zugetraut.