Die Bewohner der kleinen Karibikinsel Montserrat werden das Jahr 1995 wohl niemals vergessen. Am 18. Juli brach der Vulkan Soufrière Hills aus. Durch den Ausbruch wurde die Hauptstadt Plymouth zerstört und zwei Drittel der Einwohner mussten die Insel verlassen.
Zwar spuckt der Vulkan noch immer Lava, doch da die Menge abgenommen hat, stellt sich auf der Insel inzwischen wieder so etwas wie Normalität ein. Mit dem Mute der Verzweiflung entschieden sich die Insulaner, der Katastrophe entgegenzutreten und ihr gewohntes Leben wieder aufzunehmen. Dabei spielte der Fussball eine fundamentale Rolle.
Auf den wenigen Plätzen, die es in dem kleinen Land gibt, rollte der Ball wieder. Nach und nach nahm auch die Nationalmannschaft den Spielbetrieb wieder auf. Zu einem absoluten Höhepunkt kam es am 30. Juni 2002, dem Tag des Finales des FIFA Weltpokals Korea/Japan 2002 ™. Damals trat die Elf aus der Karibik gegen das asiatische Land Bhutan an und trug damit zum ersten Mal eine Partie gegen eine nicht-karibische Mannschaft aus.
Das Resultat wurde den couragierten Inselbewohnern nicht wirklich gerecht. Sie mussten sich mit 0:4 geschlagen geben. Allerdings war angesichts der vorangegangenen Ereignisse schon die Tatsache, dass überhaupt gespielt werden konnte, ein Triumph, der auf eine bessere Zukunft hoffen ließ.
Die magischen Kräfte von Pelé und Maradona
"Mach dir keine Sorgen, der Krieg wird
unterbrochen", so die Worte, die der legendäre Pelé von seinem
Agenten zu hören bekam, als er mit seinem brasilianischen Verein FC
Santos zu einem Freundschaftsspiel nach Nigeria reisen sollte.
Damals befand sich das afrikanische Land in einem bewaffneten
Konflikt mit Biafra, und der Brasilianer traute seinen Ohren
nicht.
Aber die Partie wurde tatsächlich ausgetragen, und 48 Stunden lang schwiegen die Waffen. Der Star erinnert sich in seiner Autobiografie daran zurück. "Es hieß, man habe nur wegen uns einen vorübergehenden Waffenstillstand vereinbart. Meine Mannschaftskameraden erinnern sich daran, dass in den Straßen weiße Fahnen wehten. Außerdem gab es Schilder, auf denen geschrieben stand, dass nur Frieden herrschte, damit man Pelé spielen sehen konnte."
Kurioserweise machte Diego Maradona eine ähnliche Erfahrung in Afrika. 1981 reiste der damals bei Boca Juniors unter Vertrag stehende Spieler mit seiner Mannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Abidjan (Elfenbeinküste), und es kam zu wirklich bewegenden Szenen. Nach seiner Ankunft fielen ihm Tausende von Menschen um den Hals und skandierten seinen Namen "Die-go, Die-go!" Der Argentinier erkannte später, dass dieses Erlebnis in seiner ganzen Karriere einmalig bleiben sollte.
Die Elfenbeinküste ist auch ein weiteres Musterbeispiel dafür, dass der Fussball dazu beitragen kann, ein Volk zu einen. 2002 brach in dem afrikanischen Land ein Konflikt zwischen den im Süden lebenden Christen und den im Norden lebenden Moslems aus. Der Konflikt zog sich über vier Jahre hin und brachte Leid über Millionen von Menschen.
Dann qualifizierte sich die Nationalelf der Elfenbeinküste zum ersten Mal in der Geschichte für eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft. Und die Spieler schrieben sich auch gleich den Frieden im Lande auf die Fahnen. "Einhellig und gemeinsam begraben wir den Krieg", lautete das gemeinsame Motto aller Spieler der Elfenbeinküste für dieses Turnier.
Der 3:2-Erfolg der Mannschaft gegen Serbien löste im ganzen Land Begeisterungsstürme aus und war der Beweis dafür, dass der Traum Wirklichkeit werden konnte. 2007 wurde der Krieg mit der Vereinbarung von Ouagadougou dann endlich beendet, und nach und nach stellen sich in dem Land wieder friedliche Verhältnisse ein. Dazu hat der Fussball einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet.
Europa und die Botschaft des runden Leders
Die ersten Erinnerungen an den Fussball als stille
Oase in unruhigen Zeiten gehen auf den ersten Weltkrieg zurück. Am
Heiligabend vergaßen englische und deutsche Soldaten für einige
Stunden die schreckliche Realität der Schützengräben und trafen
sich im sogenannten Niemandsland zu einem Fussballspiel.
In Deutschland gibt es allerdings noch ein viel eingängigeres Beispiel für die Bedeutung des Fussballs in schweren Zeiten. 1954 war das Land noch immer traumatisiert von den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs. Die Bundesrepublik Deutschland war ein arg gebeuteltes Land, dass in der neuen Weltordnung erst noch einen Platz finden musste.
Und dann kamen die Helden von Bern: Völlig unerwartet holte die deutsche Nationalmannschaft mit Bundestrainer Sepp Herberger 1954 in der Schweiz den Jules-Rimet-Pokal. Deutsche Soziologen bezeichneten die damaligen Ereignisse als fundamental für die Identitätsfindung der jungen Republik, die sich im Fussball wie im Leben zu einem geborenen Sieger entwickelte.
Dasselbe kann man für Frankreich sagen, dessen Weltmeistertitel 1998 sinnbildlich für ein multikulturelles Land stand, in dem der große Erfolg der Nationalelf von allen Hand in Hand gefeiert wurde. Schließlich ist die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft ein Ereignis, bei dem die unterschiedlichen Länder zusammenkommen, um ihre Konflikte hinter sich zu lassen und beim Spiel gemeinsam Spaß zu haben - eine Veranstaltung, die ihresgleichen sucht.