Bagdad, 29. Juli 2007... So beginnen in der Regel die Meldungen über den Krieg, der Irak im Laufe der letzten vier Jahren erschüttert hat. In der Nachricht dieses Tages ging es jedoch keinesfalls um Trauer oder Verzweiflung. Ganz im Gegenteil: An diesem Tag gingen die Menschen der irakischen Stadt zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf die Straße, um ihre Freude zum Ausdruck zu bringen.
Ein Tor hatte ausgereicht, um die Wunden zu heilen und wieder von einem Land zu träumen, in dem die Menschen in Eintracht und Harmonie leben. Der Held des Tages war Younis Mahmoud, Mannschaftskapitän der Iraker, dessen Tor seinem Team den Titel im Asien-Pokal einbrachte und für etwas vollkommen Unerwartetes sorgte: Schiiten, Sunniten und Kurden legten sich die irakische Flagge um die Schultern und ließen den Jubelschrei hören, der so lange in ihrer Brust eingesperrt war.
Mittelfeldspieler Haizam Kazem fasste die Freudengefühle der Menschen treffend zusammen: "Das muss der Grundstein für den Willen bei den Führenden dieser Welt sein, den Frieden im Irak wieder herzustellen. Mit unserem Sieg senden wir eine Botschaft der Einheit und Einigkeit an die Welt. Ich weiß nicht einmal, wer in unserer Mannschaft Schiit, Sunnit oder Kurde ist. Wir wissen nur, dass wir alle Iraker sind und bleiben."
Ein Ball vereint die Welt
Am 19. September 1985 wurde Mexiko vom verheerendsten
Erdbeben in der Geschichte des Landes erschüttert. Tausende von
Menschen kamen ums Leben, und die Schäden in den wichtigsten
Städten Zentralmexikos waren unvorstellbar. Herzzerreißende Bilder
einer ungeheuren Verwüstung und Trostlosigkeit gingen um die
Welt.
Nur ein Jahr später organisierte Mexiko eine der denkwürdigsten FIFA Fussball-Weltmeisterschaften der Geschichte. Einen Monat lang streifte man Trauer und Elend ab, und die Welt fand in Mexiko die perfekte Kulisse für einen glänzend aufgelegten Diego Armando Maradona, den großen Michel Platini und den genialen Karl-Heinz Rummenigge. Das Motto dieser WM lautete: "El mundo unido por un balón" (Ein Ball vereint die Welt). Es hätte nicht treffender sein können.
Das war nicht das einzige Mal, dass man in Lateinamerika eine Tragödie dank eines Balles und elf Spielern vergessen konnte. Die paraguayische Nationalelf bereitete sich auf das Olympische Fussballturnier 2004 in Athen vor. Einige Tage vor der Abreise in die griechische Hauptstadt kam es zur Tragödie. Ein Brand in einem großen Einkaufszentrum der paraguayischen Hauptstadt Asunción hatte die schreckliche Bilanz von 420 Todesopfern zur Folge.
Entschlossen, ihre Landsleute aufzuheitern und ihnen Grund zur Freude zu geben, lieferten die Paraguayer die beste Leistung aller Zeiten ab. Sie sicherten sich zum ersten Mal in der Geschichte des Landes die Silbermedaille. Am Ende des Turniers brachte Trainer Carlos Jara Saguier seine Gefühle zum Ausdruck: "Das ist ein kleiner Lichtblick. Wir sind sehr traurig über das Geschehene und wissen, dass es nicht ungeschehen gemacht werden kann. Wenn wir durch unseren Erfolg helfen können, dann macht uns das glücklich. Wir haben immer an die Opfer gedacht."
Zwei Völker, eine Leidenschaft
In Südamerika sind die besten Beispiele Brasilien und
Argentinien. Es wäre sicher nicht übertrieben zu sagen, dass viele
der großen Glücksmomente in der Geschichte beider Länder dem
Fussball zu verdanken waren. Zwei Völker, die trotz
wirtschaftlicher, politischer und sozialer Krisen in der schönsten
Sportart der Welt ein einigendes Element gefunden haben.
Da gibt es sicher kaum jemanden, der die Bedeutung des Fussballs für die Brasilianer besser erklären könnte als Romario, das große Idol der Auriverde. Im Zusammenhang mit dem WM-Sieg 1994 in den USA, der den Brasilianern nach dem tragischen Tod von Ayrton Senna im Mai desselben Jahres die dringend benötigte Aufmunterung verschaffte, sagte er: "Ich hatte das angenehme Gefühl, einen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass meine leidgeprüften Landsleute wenigstens ein paar Tage lang glücklich sein konnten. Die Menschen in Brasilien nehmen den Fussball sehr ernst. Als wir nach Hause zurückkehrten, sahen wir in den Gesichtern eine Freude, die bei unserer Abreise noch nicht da gewesen war. Auf den Straßen Brasiliens wimmelte es nur so von begeisterten Menschen. Dieser Sieg war wie ein Festmahl für ein ausgehungertes Volk. Daran werde ich mich mein ganzes Leben lang erinnern."
Auch im August 2004 waren die Brasilianer mit Hilfe zur Stelle, als Ronaldinho, Ronaldo und Co. den Weg nach Haiti auf sich nahmen, um dort beim "Spiel für den Frieden" gegen die dortige Nationalmannschaft aufzulaufen. Im Stadion in Port au Prince jubelten die begeisterten Fans bei jedem Ballkunststück der Brasilianer, als ob es ein Geschenk des Himmels sei (Klicken Sie auf den Link hier rechts, um sich das Video dieses denkwürdigen Tages anzuschauen).
In Argentinien ist die Fussballleidenschaft nicht geringer. Wer daran zweifelt, braucht sich nur die Worte von Juan Sebastián Verón ins Gedächtnis zu rufen, nachdem seine Mannschaft beim FIFA Weltpokal Korea/Japan 2002™ bereits nach der ersten Runde ausgeschieden war. Das geschah gerade einmal sechs Monate nach dem Ausbruch der schlimmsten Wirtschafts- und Gesellschaftskrise in der Landesgeschichte: "Wir hatten uns vorgenommen, diese WM unseren Landsleuten zu schenken, denen es in Argentinien im Augenblick so schlecht geht. Wir haben es nicht geschafft, und das tut uns leid. Das ist eine Wunde, die niemals heilen wird, und das, obwohl wir uns unserer Verantwortung durchaus bewusst waren. Es tut noch mehr weh, weil uns spielerisch niemand überlegen war."
