Als knallharter Manndecker, der ihm den Spitznamen Terrier einbrachte, gewann er mit der Bundesrepublik Deutschland 1974 vor heimischer Kulisse die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™. 22 Jahre später gelang es ihm, sein Heimatland als Bundestrainer zum Europameisterschaftstitel in England zu führen, um dann erst in Kuwait und später auch in Schottland als Nationalcoach zu fungieren. Ohne Zweifel ist Berti Vogts ein Mann, der über eine Menge Erfahrung im Weltfussball verfügt.
Seit fünf Monaten zeichnet der 60-Jährige nun an der Seitenlinie der nigerianischen Nationalmannschaft verantwortlich. Ein Job, den er bei seinem Amtsantritt am 1. März als "große Herausforderung" bezeichnet hatte. Vogts hat es sich zum erklärten Ziel gemacht, sein aktuell auf Platz 25 der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste rangierendes Team zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ zu führen.
Sollte dies erreicht sein, glaubt der Deutsche, bei der ersten auf afrikanischem Boden zu veranstaltenden WM einige Überraschungen zu erleben. Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com erklärt Vogts, dass er dabei Nigeria nicht ausschließt, stellt aber auch klar, dass es bis dahin noch ein steiniger Weg ist.
Berti Vogts, erreichen wir Sie noch in Kanada, wo bis vor
kurzem Nigeria an der FIFA U-20-Weltmeisterschaft Kanada 2007
teilnahm?
Nein, ich war leider gar nicht dort. Ich hatte mir
schon einen Flug gebucht, um beim Halbfinale sowie bei den
Finalspielen dabei zu sein, aber da hatte mir Chile mit dem
4:0-Sieg nach Verlängerung gegen unsere nigerianischen Talente am
Ende einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Schade, es
war ein ganz bitteres Aus für uns, denn die Jungs haben sich als
tolle Einzelspieler, aber auch als großartige Mannschaft
präsentiert. Ein riesengroßes Kompliment von meiner Seite aus.
Sie haben das Turnier dennoch verfolgt. Wie war denn Ihr
Gesamteindruck?
Ich war überwältigt. Die FIFA U-20-Weltmeisterschaft war eine
mehr als gelungene Veranstaltung. Vor allem habe ich mich über die
Begeisterung der Nordamerikaner für den Fussball gefreut. Ich
glaube, wenn man es schafft, in Kanada und in den USA unseren Sport
noch mehr der Allgemeinbevölkerung näher zu bringen, dann wird der
Fussball auch dort bald unglaublich populär sein. Das Turnier war
ein Riesenschritt dahin, denn es hat eine beeindruckende Euphorie
entfacht, auf die man weiter aufbauen kann.
Seit fünf Monaten arbeiten Sie nun als Nationalcoach
Nigerias. Sie hatten diese Aufgabe ursprünglich als große
Herausforderung beschrieben. Hat sich diese Einschätzung
bewahrheitet?
Ja, das kann man so sagen. Es ist weiterhin eine
große Herausforderung, aber es macht vor allem sehr viel Spaß, mit
diesen zahlreichen jungen und äußerst talentierten Spielern zu
arbeiten und sie weiterzubringen. Sie können mir glauben, ich finde
es einfach sehr faszinierend, zu sehen, wie viel fussballerisches
Potenzial in Nigeria vorhanden ist. Und ich finde es sehr spannend,
helfen zu wollen.
Sehen Sie das Helfen als Ihre Hauptaufgabe?
Wissen Sie, wenn wir von Herausforderung sprechen,
dann muss man betonen, dass die eigentliche Herausforderung darin
besteht, dass die Hilfe angenommen wird. Natürlich ist es meine
Aufgabe, zu helfen: Fussballerisch, taktisch, organisatorisch und
strukturell. Doch oft genug wird die Hilfe nicht angenommen. Genau
das ist die Herausforderung - für Nigeria und für viele
Nationalmannschaften in Afrika auch und vor allem auch im Hinblick
auf die WM 2010 in Südafrika.
In welcher Hinsicht muss denn konkret geholfen werden?
Das Problem liegt in der Organisation. Der
Nigerianische Fussballverband will etwas verändern und neue Wege
gehen.
Sind Sie optimistisch, dies in den Griff zu bekommen?
Ich sage ganz klar: Die Veränderungen müssen
angegangen werden. Meine Arbeit in Nigeria ist eine große
Herausforderung. Ich hoffe, dass ich meine Mannschaft bis zur WM
2010 nach Südafrika führen kann.
Wie groß ist die Bedeutung der FIFA
Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ für den Kontinent?
Die Bedeutung ist schlicht und einfach immens groß.
Und dass sich mit der Zielrichtung, dieses Turnier zu erreichen,
etwas verändert, ist nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sondern sogar
der letzte Strohhalm, der ergriffen werden muss. Wenn man das
schafft, dann ist vieles möglich.
Was genau?
Ich glaube, dass es möglich ist, dass man bei der
WM in Südafrika ein bis zwei afrikanische Teams im Halbfinale sehen
wird.
Welchen afrikanischen Mannschaften trauen Sie das
zu?
Ich denke da vor allem an die Elfenbeinküste. Für mich hat
dieses Land aktuell die eindeutig stärkste afrikanische Mannschaft.
Und dann sehe ich Ghana, Nigeria und Kamerun auf einer Stufe. Man
darf natürlich auch Südafrika als Gastgeber nicht vergessen. Und zu
guter Letzt natürlich auch Ägypten, den amtierenden Afrika-Meister.
Wie gesagt: Ich traue diesen Topteams zu, dass zwei davon das
Halbfinale erreichen können, sofern man die europäischen Trainer
nach ihren Vorstellungen arbeiten lässt.
Wird der Heimvorteil für afrikanische Mannschaften bei der
WM eine große Rolle spielen?
Nein, das glaube ich nicht unbedingt. Man darf nicht
vergessen, dass das Turnier zu einer Jahreszeit ausgetragen wird,
zu der in Südafrika europäische Bedingungen herrschen. Ich denke,
dass sich die europäischen Teams bei der WM 2010 durchaus zuhause
fühlen werden.
Man erlangt während des Gesprächs durchaus das Gefühl, dass
Sie mit großem Herzblut und einer gewaltigen Portion Identifikation
an Ihre Aufgabe in Nigeria und damit in Afrika generell herangehen.
Würden Sie nach fünf Monaten in Ihrem neuen Amt sagen, es war die
richtige Entscheidung, nigerianischer Nationaltrainer zu werden?
Natürlich, davon bin ich überzeugt. Die Arbeit
macht mir großen Spaß. Ich lerne eine völlig neue Mentalität
kennen, eine total andere Aufgabe. Man muss lernen, die Denkweise
der Leute hier zu verstehen, um dann auf sie eingehen und etwas
verändern zu können. Es ist eine schöne Aufgabe für mich, zu
versuchen, den nigerianischen Fussball und damit auch den
afrikanischen Fussball ein Stück weit nach vorne zu
bringen.