Im Großen und Ganzen kann Hugo Sánchez zufrieden sein. Sicher, die Finalniederlage im CONCACAF Gold Cup 2007 gegen den Erzrivalen USA schmerzt immer noch. Andererseits scheint Mexikos dritter Platz bei der Copa América Venezuela 2007 ein deutlicher Beleg dafür zu sein, dass der eingeleitete Reformprozess der Tri erste Früchte trägt und Mexikos Fussball sich offensichtlich auf dem richtigen Weg befindet.
Wesentlichen Anteil an dieser positiven Entwicklung hat Nery Castillo, der in Venezuela dank seiner technischen Fähigkeiten, seines schnellen Antritts und seiner Treffsicherheit zu den besten Spielern des Turniers gehörte und dafür auch international viel Lob erntete. Davon zeugt nicht zuletzt sein erster Treffer im Auftaktspiel gegen Brasilien, bei dem er die halbe Abwehr der Brasilianer ausgespielt und sein Team mit einem perfekt ausgeführten Heber in Führung geschossen hatte.
Nery Castillo wurde am 13. Juni 1984 in San Luis Potosí (Mexiko) als Sohn eines uruguayischen Fussballers geboren, der damals bei Atlético Potosino aktiv war. Den weitaus größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte Castillo dann in Uruguay. Als er gerade einmal 15 Jahre alt war, begann er seine Fussballkarriere bei Danubio Montevideo.
Da sich seine fussballerischen Qualitäten schon bald herumsprachen, dauerte es nicht lange, bis ihn das erste Angebot aus Europa erreichte, genauer gesagt vom griechischen Erstligisten Olympiakos Piräus. Castillo nahm die Herausforderung an und machte fortan mit beachtlich guten Leistungen auf sich aufmerksam. Die unmittelbare Folge war, dass sich sowohl Mexiko als auch Uruguay und Griechenland bemühten, das Stürmertalent für die jeweilige Nationalmannschaft zu gewinnen.
Als sich Castillo schließlich zum Jahresende 2006 für die mexikanische Tricolor entschied, tat er dies in der festen Absicht, gleich die erste sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um seine Entscheidung zu rechtfertigen. Und als er dann die mexikanischen Farben in Venezuela vertreten durfte, machte er sich sofort daran, seine Absicht in die Tat umzusetzen: mit vier Treffern wurde er erfolgreichster Torschütze seiner Mannschaft und trug damit entscheidend zum Erreichen von Platz drei bei.
Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com sprach Castillo über seine persönliche Karriere sowie über die Chancen der mexikanischen Nationalmannschaft im Hinblick auf die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™.
Nery Castillo, Mexiko zählte bei der jüngsten Copa América
zwar zu den besten Mannschaften, trotzdem reichte es am Ende nicht
zum Titel. Wie haben Sie das persönlich erlebt?
Ich war natürlich traurig, denn ich war mit großen
Hoffnungen in dieses Turnier gegangen. Dabei hatte ich das Gefühl,
dass mit diesem Team einiges bei der Copa América möglich war. Das
galt übrigens auch für den CONCACAF Gold Cup, der nur wenige Wochen
zuvor ausgetragen wurde. Letztlich haben wir keinen von beiden
Titeln holen können. Dennoch kann ich für mich persönlich eine
insgesamt positive Bilanz ziehen, denn ich habe alles aus mir
herausgeholt. Gleiches trifft auch auf die Mannschaft zu. Dennoch
bin ich der Meinung, dass wir durchaus noch besser hätten
abschneiden können. In bestimmten Phasen waren wir das beste und
beständigste Team des Turniers. Von daher ist der dritte Platz zwar
ein Erfolg, der jedoch noch größer hätte ausfallen können. Verdient
wäre es allemal gewesen.
War die Niederlage im Finale des CONCACAF Gold Cup die
größere Enttäuschung von beiden?
Das ist bereits Geschichte. Was mich jetzt schmerzt, ist
die Tatsache, dass wir gegen Argentinien verloren und dadurch den
Einzug ins Finale verpasst haben. Aber auch das gehört inzwischen
der Vergangenheit an. Wir sollten weniger an das denken, was
gewesen ist, sondern vielmehr in die Zukunft blicken, auf das, was
vor uns liegt.
Was fehlt Ihrer Mannschaft noch, um auf dem gleichen Niveau
wie Argentinien zu spielen?
Es müsste mehr Mexikaner geben, die bei europäischen
Vereinen spielen. Denn die dortige Erfahrung würde sich zweifellos
auch im Leistungsniveau unserer Nationalmannschaft widerspiegeln.
Von daher scheint es mir eine gute Sache zu sein, wenn sich
Nationalspieler wie Guardado und andere ihre Spielpraxis in den
europäischen Ligen erwerben.
Glauben Sie, dass drei Jahre Vorbereitung ausreichen
werden, um die mexikanische Nationalmannschaft zu einem der
Titelaspiranten für die nächste Weltmeisterschaft zu
formen?
Ja sicher, schließlich hat es Hugo Sánchez binnen kurzer
Zeit geschafft, ein schlagkräftiges Team aufzubauen. Um die großen
Ziele, die wir uns gesetzt haben, erreichen zu können, müssen wir
vor allem Geduld haben und auf die Arbeit jener Leute vertrauen,
die heute die Verantwortung für unsere Nationalmannschaft
tragen.
Die internationale Presse hat Sie als einen der
herausragenden Akteure der Copa América bezeichnet. Wie finden Sie
das?
Das freut mich außerordentlich. Es ist einfach schön, wenn
meine Leistung sowohl von den Fans als auch von der Presse auf
diese Weise gewürdigt wird.
Sehen Sie sich auch selbst bereits unter den weltweit
besten Fussballern?
Nein. Solche Topfussballer oder Ausnahmeerscheinungen gibt
es nur wenige auf der Welt. Ich für meinen Teil versuche lediglich,
so gut wie möglich zu spielen.
Wie haben Sie sich in die mexikanische Nationalmannschaft
eingefügt? Was halten Sie von Ihren Mitspielern?
Wir sind eine tolle Truppe. Ich wurde von der ganzen
Mannschaft sehr gut aufgenommen, allen voran von Hugo Sánchez, der
mir den Weg in die Nationalmannschaft geebnet hat. Gleiches trifft
ebenso auf den Betreuerstab wie auch auf die Masseure, den
Physiotherapeuten etc. zu. Sie alle bilden eine große Familie, der
ich mich bereits tief verbunden fühle.
Da Sie gerade Hugo Sánchez ansprachen, wie ist Ihr
Verhältnis zu ihm?
Für mich ist er ein Meister seines Fachs. In seiner aktiven
Zeit galt er als Ausnahmespieler, deshalb habe ich ihn schon damals
verehrt. Und als Mensch ist er ein großartiger Typ, dem mein voller
Respekt gebührt.
Nach dem Treffer von Cuauthémoc Blanco gegen Paraguay haben
Sie und er einen Jubeltanz zelebriert. Wo und wie kam es zu dieser
Idee?
(Lacht). Die Idee dazu war uns in einem Casino gekommen.
Nachdem wir einen
Black Jack erspielt hatten, haben wir vor Freude getanzt.
Cuau gab dem Tanz den Namen
Chucu Chucu, und wir beide nahmen uns vor, beim nächsten
Torerfolg diesen Tanz zu vollführen...
In Mexiko sieht man in Ihnen bereits den idealen Nachfolger
von Cuauhtémoc, der bisherigen Nummer zehn der
Tri. Wie stehen Sie persönlich zu ihm?
Er ist mir in vielerlei Hinsicht ähnlich. Und er ist ein sehr
guter Kamerad, der stets für seine Mitspieler da ist und hilft, wo
er nur kann. Als ich zur Nationalmannschaft stieß, bat ich darum,
mit ihm das Zimmer in der Mannschaftsunterkunft zu teilen, weil ich
ihn unbedingt näher kennen lernen wollte. Schließlich war er mein
Lieblingsspieler in der mexikanischen Nationalmannschaft. Sein
Spiel hat mich schon immer begeistert, und inzwischen sind wir sehr
gute Freunde geworden.
Bei der Copa América hatte Mexiko in sämtlichen Spielen die
Sympathie der Zuschauer auf seiner Seite. Hat Sie es überrascht, so
viele mexikanische Fans vorzufinden?
Ehrlich gesagt ja, denn Mexiko ist immerhin schon ein ganzes
Stück von Venezuela entfernt. Doch es hat sich gezeigt, dass wir
Mexikaner dort eine recht große Fangemeinde haben. Daraus erwächst
für uns die Verpflichtung, diesen Fans auch etwas zu bieten.
Sie sind schon in jungen Jahren nach Europa gegangen.
Glauben Sie, dass dies für Ihre Entwicklung von Vorteil
war?
Ganz sicher, denn ich war schon als 15-Jähriger zu Olympiakos
Piräus gewechselt. Und heute, da ich 23 Jahre alt bin, kann ich
bereits auf sechs Meistertitel und eine zweimalige Teilnahme an der
UEFA Champions League verweisen.
In Ihrer Heimat warten die Fans bereits mit Ungeduld
darauf, Sie an der Seite der beiden U-20-Nationalspieler Giovanni
Dos Santos und Carlos Vela spielen zu sehen. Wie schätzen Sie die
beiden Akteure ein?
Beide sind Topspieler, die trotz ihrer Jugend bereits über
beachtliche Fähigkeiten und eine erstaunliche Reife verfügen. Ich
bin mit denen einer Meinung, die behaupten, dass wir drei zusammen
ein schönes Trio abgeben würden. Doch die Entscheidung darüber
liegt natürlich bei Hugo Sánchez.
Wo würden Sie sich in drei Jahren sehen wollen, also
unmittelbar nach dem WM-Turnier in Südafrika 2010?
Ich würde mich gerne als Weltmeister sehen, doch bis dahin
fehlt noch viel. Deshalb sage ich lieber, dass ich mit Mexiko bei
diesem Turnier dabei sein möchte, denn der Weg dahin wird alles
andere als leicht werden.
