Es ist mittlerweile schon mehr als 17 Jahre her, dass der Schwedische Fussballverband einen kaum bekannten ehemaligen Spieler namens Lars Lagerbäck unter Vertrag nahm.

Der damals 41-Jährige hatte zuvor wenig spektakuläre Arbeit bei kleineren schwedischen Vereinen wie Kilafors, Arbraa und Hudiksvall geleistet. Doch er wusste die Verbandsspitze von seinen Fähigkeiten zu überzeugen, und so wurde ihm im Vorfeld des FIFA Weltpokals™ Italien 1990 die Mitverantwortung für den Nachwuchs des Landes übertragen.

Es war ein Job, in dem er exzellente Arbeit leistete, und als Tommy Söderberg, der damalige Cheftrainer der U-21-Auswahl des Landes 1997 Nachfolger von Tommy Svensson wurde, berief er diesen immer noch recht unbekannten Nachwuchstrainer als seinen Assistenten. Ein Jahrzehnt später gilt dieser Mann, der bei seiner Verpflichtung für viele ein unbeschriebenes Blatt war, als der erfolgreichste Trainer in der Geschichte Schwedens, der es geschafft hat, die Skandinavier vier Mal in Folge zu großen Turnieren zu führen.

Dieser beeindruckende Lauf begann mit der Qualifikation für die UEFA EURO 2000, bei der Lagerbäck dank seiner herausragenden Arbeit im taktischen Bereich, etwa bei Siegen gegen Mannschaften wie England, bereits gleichberechtigt mit Söderberg für die Mannschaft verantwortlich zeichnete. Allen Skeptikern zum Trotz überlebte das Trainerpaar und verzeichnete weitere Erfolge, als die Schweden sowohl beim FIFA-Weltpokal Korea/Japan 2002™ wie auch bei der EURO 2004 die K.-o.-Runde erreichten. Dann verließ Söderberg die Trainerbank, und Lagerbäck übernahm alleine das Amt des Cheftrainers.

Wie jedoch Schwedens mittlerweile altgedienter Coach im Exklusiv-Interview mit FIFA.com offenbarte, hat er in seinem Assistenten Roland Andersson einen - bis auf die Berufsbezeichnung - gleichberechtigten Partner. Dieser sei ebenso wie er verantwortlich für den anhaltenden Erfolg einer Mannschaft, die gegenwärtig an der Spitze ihrer Qualifikationsgruppe für die EURO 2008 liegt, noch vor Mannschaften wie Spanien, Dänemark und Nordirland. Lagerbäck sprach nicht nur über ein Jahrzehnt an der Spitze der schwedischen Nationalmannschaft, sondern wagte auch einen Ausblick auf die eigene Zukunft. Nachdem er bereits seinen Abschied nach der EURO 2008 angekündigt hatte, räumte er nun ein, dass er ein weiteres Engagement und eine Verlängerung seiner bemerkenswerten Karriere nicht ganz ausschließen möchte.

Lars Lagerbäck, in diesem Jahr können Sie das zehnjährige Jubiläum als Trainer der schwedischen Nationalmannschaft begehen? Wie sehen Sie diese Zeit?
Nun, das ist eine sehr schwierige Frage, denn es ist so viel passiert, dass man das gar nicht in wenigen Worten zusammenfassen kann. Ich kann nur sagen, dass ich diese Jahre unendlich genossen habe. Ich liebe diesen Job, und er macht mir immer noch sehr viel Spaß. Ich bin sehr dankbar dafür und fühle mich geehrt, ihn so lange ausüben zu dürfen. Es ist sicherlich selten im Fussball, dass ein Trainer so lange für eine Mannschaft verantwortlich ist. Andererseits glaube ich schon, dass ich nur deswegen noch im Amt bin, weil wir eben gute Ergebnisse geholt haben. Wären die Ergebnisse nicht wie erwartet gewesen, wäre es mir wie allen Trainern ergangen: Ich wäre schon vor einiger Zeit entlassen worden.

Natürlich kann ein Nationaltrainer sein Team nicht durch Neuverpflichtungen stärken, aber glauben Sie dennoch, dass Schweden mittlerweile stärker ist als zu der Zeit, als Sie das Team übernahmen?
Das glaube ich eigentlich nicht. Wenn man die Stärke einer Nationalmannschaft beurteilen möchte, sollte man sich ansehen, wie viele Spieler in den großen Ligen im Einsatz sind - und das sind jetzt weniger als zu Beginn meiner Zeit. Wir sind jedoch in Schweden auf jeden Fall stärker geworden, was das breite Fundament an Spielern mit internationaler Klasse angeht. Da haben wir doch einen großen Schritt nach vorne gemacht.

Es kommt ja immer seltener im Fussball vor, dass ein Trainer so lange wie Sie im Amt bleibt. Glauben Sie, dass diese Stabilität dem schwedischen Team gut getan hat?
Es wäre schön, wenn es so wäre. Sicherlich glaube auch ich an die Kontinuität, und die ist für Nationalmannschaften genau so wichtig wie für Vereine, wenn nicht noch wichtiger. Schließlich arbeiten wir mit unseren Spielern ja nicht tagtäglich wie Vereinstrainer. Wir müssen die Spieler in- und auswendig kennen, und das ist eben erst nach einiger Zeit möglich. Ich glaube, dass jeder davon profitiert: Spieler, Trainer und Betreuerstab. Wenn wir zusammenkommen, weiß jeder, was er vom anderen zu erwarten hat.

Diese Vorhersagbarkeit birgt natürlich auch Gefahren. Versuchen Sie bewusst, Ihren Stil von Zeit zu Zeit zu ändern, um neue Anreize zu setzen?
Natürlich, da haben Sie Recht. Es ist wichtig, dass Dinge nicht in Routine erstarren. Dennoch glaube ich nicht, dass man nur um der Veränderung willen etwas ändern sollte. Es muss schon einen Grund für alles geben, was man tut. Man muss sich aber auch weiterentwickeln, und so haben auch wir Dinge im Lauf der Zeit verändert, von der Art und Weise, wie Mannschaftsbesprechungen abgehalten werden, bis zu wichtigen Sachen wie unserer Spielweise.

Kann man sagen, dass Sie besonders daran interessiert sind, die schwedische Spielweise weiter zu entwickeln? Die Schweden sind ja nicht gerade bekannt dafür gewesen, attraktiven Fussball zu spielen.
Ich habe sicherlich den Eindruck, dass den Schweden weltweit mittlerweile wesentlich mehr Respekt entgegengebracht wird als zu der Zeit, als ich mein Amt übernahm. Das hat natürlich auch wieder mit den Ergebnissen zu tun, aber ich glaube auch, dass die Leute es zu schätzen wissen, dass wir viele sehr gute Spieler in unseren Reihen haben. Vielleicht hat man uns früher eher nur als physisch stark und gut organisiert gesehen. Für diese Attribute braucht man sich zwar wirklich nicht zu schämen, dennoch glaube ich, dass wir uns als Gruppe weiterentwickelt haben. Wir erzielen sicherlich wesentlich mehr Tore als zu Beginn meiner Amtszeit, und darauf bin ich wirklich stolz.

Die Partnerschaft mit Tommy Söderberg war auch etwas, das man im modernen Fussball selten sieht. Vermissen Sie das noch, oder ist es leichter, alleine zu arbeiten?
Ich kann verstehen, warum Sie das fragen, aber, um ehrlich zu sein, gibt es keinen wirklichen Unterschied gegenüber der jetzigen Situation. Meine Zusammenarbeit mit Roland (Andersson, Lagerbäcks Assistent nach Söderbergs Weggang 2004) ähnelt in praktischer Weise sehr der, die ich mit Tommy pflegte. Mit dem damaligen Arrangement hatte ich nie ein Problem. Ich muss nicht den Titel einer Nummer 1 tragen. Roland selbst hatte es jedoch vorgezogen, hier als Assistenztrainer zu arbeiten. Ich hätte überhaupt kein Problem damit gehabt, wenn er - wie bei Tommy und mir - als Co-Trainer hier wäre.

Haben Sie jemals erwogen, nach der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ Ihren Rücktritt zu erklären?
Nein, um ehrlich zu sein, habe ich das nie in Erwägung gezogen. Ich hatte bereits einen Vertrag bis 2008 unterzeichnet. Bis dahin hatte ich noch nie einen Vertrag gebrochen und hatte das auch nicht vor. Ich glaube nicht, dass unsere Leistung in Deutschland das erfordert hätte.

Sie haben angekündigt, dass Sie mit dem Auslaufen Ihres Vertrages nach der EURO 2008 zurücktreten werden. Kann es irgendwelche Umstände geben, die Sie dazu bewegen würden, doch noch etwas länger zu bleiben?
Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine schwierige Frage. Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe mit dem Vorsitzenden auch schon über die Zukunft gesprochen, wenn auch nur ganz allgemein. Zum jetzigen Zeitpunkt macht es wenig Sinn, über meine Zukunft nach der EURO 2008 zu sprechen. Ich kann nur sagen, dass ich jetzt die Tür nicht endgültig zumachen würde. Ich werde sicherlich weiter im Fussball arbeiten, ob das als schwedischer Nationaltrainer oder bei einer Vereinsmannschaft ist, bleibt abzuwarten.

Würden Sie eventuell dem Vorbild Ihrer Landsfrau Marika Domanski-Lyfors folgen und eine andere Nationalmannschaft als die schwedische übernehmen?
Vielleicht, warum nicht? Das würde natürlich vom jeweiligen Land abhängen, aber wenn es interessant wäre, würde ich es auf jeden Fall in Erwägung ziehen. Noch bleiben mir anderthalb Jahre, bevor ich mir über so etwas den Kopf zerbrechen müsste, aber dennoch lege ich Wert auf die Feststellung, dass noch nichts entschieden ist.

Wenn man sich die Qualifikation zur EURO ansieht, so müssen Sie doch hoch erfreut darüber sein, nach sieben Spieltagen in einer schwierigen Gruppe ganz vorne zu liegen.
Ganz sicher. Wenn Sie mir vor Beginn der Qualifikation sechs Siege aus den ersten sieben Qualifikationsspielen angeboten hätten, so hätte ich das Angebot sofort angenommen. Ich glaube, dass die Spieler bislang tolle Arbeit geleistet haben, wenngleich wir noch einen langen Weg zurückzulegen haben.

Gegenwärtig liegen Sie drei Punkte vor Spanien, Nordirland liegt noch zwei Punkte zurück, hat aber noch ein Spiel mehr zu bestreiten. Weitere drei Punkte Rückstand hat Dänemark. Glauben Sie, dass noch drei oder vier Teams im Rennen sind, oder ist Spanien für Sie die einzig wirkliche Bedrohung?
Bei allem Respekt vor Nordirland, das bislang so hervorragend abgeschnitten hat, glaube ich nicht, dass es weiterhin ganz oben mitspielen wird. Dänemark dagegen möchte ich noch nicht ausschließen. Wenn die Dänen uns im nächsten Spiel besiegen, wären sie wieder im Rennen.

Die Kontroll-und Disziplinarkammer der UEFA hat Ihnen nach dem Angriff eines dänischen Fans auf den Schiedsrichter beim Spielstand von 3:3 einen 3:0-Sieg zugesprochen. Wie sehen Sie diesen Vorfall?
Das war sehr traurig, denn es hat ein wirklich tolles Spiel kaputt gemacht. Es war bis dahin ein fantastischer Fussballabend gewesen, an dem nichts gefehlt hat: Es gab Emotionen, tollen Fussball, Tore und eine großartige Atmosphäre. Es ist zwar traurig, dass der Ausgang des Spiels nun am grünen Tisch entschieden wurde, doch man sollte nicht vergessen, dass man uns am Ende der Partie kurz vor dem Abbruch ja einen Elfmeter zugesprochen hatte. Wir wären also vermutlich ohnehin als Sieger vom Platz gegangen.

Einer der Stars dieses Spiels war Johan Elmander. Ist es schön zu sehen, vor allem angesichts des Verlustes eines Spielers wie Henrik Larsson, dass jemand wie Elmander fast aus dem Nichts heraus zu einer großen Stütze des Teams wird?
Nun, ich war sehr traurig darüber, dass wir Henrik verloren haben, denn er war nicht nur ein toller Spieler, sondern auch als Mensch und Charakter in unserem Kader sehr wichtig. Aber er ist nun fast 36 Jahre alt, man kann also seinen Wunsch verstehen, nachdem er so viel für die Nationalmannschaft geleistet hat. Natürlich ist es schön zu sehen, dass nun andere Spieler aufgetaucht sind, Elmander ist ein perfektes Beispiel dafür. Er hatte eine tolle Saison bei uns und bei seinem Verein gespielt. Er ist ein wichtiger Spieler für Schwedens Zukunft.

Sie haben mit Schweden nun schon an so vielen großen Turnieren teilgenommen. Gibt es ein bestimmtes Turnier oder ein Spiel, das Sie besonders hervorheben möchten?
Das ist wieder eine schwierige Frage. Abgesehen von der EURO 2000, bei der wir überhaupt nicht gut spielten, habe ich alle Turniere genossen. Portugal 2004 war wunderbar, wir haben dort vielleicht unseren besten Fussball gespielt. Wenn ich jedoch ein bestimmtes Spiel auswählen müsste, dann wäre es unsere Partie in Berlin gegen Paraguay bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006. Der bloße Gedanke! 50.000 Schweden bei einem "Auswärtsspiel" - so etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich werde dieses Spiel niemals vergessen. Es war einfach unglaublich!