Im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews mit FIFA.com spricht der französische Torjäger David Trezeguet über die aktuelle Situation des argentinischen Fussballs, seine Verbundenheit mit River Plate und die Ziele, die er im Alter von 35 Jahren noch erreichen will.
David, Sie sind jetzt wieder in Argentinien aktiv. Welche Unterschiede fallen Ihnen im Vergleich zum europäischen Fussball auf?
Hier ist es in jeder Hinsicht ganz anders. Bei den Grundlagen, das heißt auf organisatorischer Ebene, müssen hier noch viele Dinge verbessert werden. In fussballerischer Hinsicht ist das Spiel in Europa viel dynamischer, schneller und taktischer. Der argentinische Fussball ist etwas technikbetonter und auf jeden Fall langsamer, was aber auch an den Spielfeldern liegt. Es gibt noch einigen Spielraum für wichtige Verbesserungen, von denen ich glaube, dass sie mit der Zeit erreicht werden können, wenn man die Sache ernsthaft angeht und daran arbeitet. Dennoch spielen die Eigenschaften südamerikanischer Spieler eine sehr wichtige Rolle im europäischen Fussball.
Sie waren noch sehr jung, als Sie aus Argentinien weggingen. Gibt es Ihrer Meinung nach bei der heutigen jüngeren Generationen gravierende Unterschiede zu damals?
Ja, natürlich. Aber nicht nur bei den Generationen, sondern im Fussball allgemein. In den 90er Jahren waren die [Profi]-Spieler erwachsener, es gab ein längeres Übergangsverfahren, bevor sie nach Europa wechselten. Es wurde mehr Zeit, mehr Arbeit investiert, die Spieler mussten sich erst entwickeln. Heute bestehen die Mannschaften aus vielen Jugendlichen, die viel schneller als früher und ohne eine komplette Ausbildung in die Welt des Profi-Fussballs eintauchen. Ob das ein positiver oder ein negativer Faktor ist, hängt von den einzelnen Spielern ab.
Auf welche Weise könnte man dieses Szenario verbessern?
Der argentinische Fussball sollte zu seinen Wurzeln zurückkehren, um wieder einen Wachstumsschub zu bekommen. Wir stellen fest, dass es uns schwerfällt, Spieler eines gewissen Niveaus in den wichtigsten europäischen Ligen unterzubringen, und das sagt schon etwas aus. Es ist ein Alarmsignal. Es wird deutlich, dass man dort [in Europa] im Augenblick eine andere Sichtweise vom argentinischen Fussball hat.
Einige waren überrascht, dass Sie nach Ihrem kurzen Intermezzo in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu River Plate gewechselt sind...
Eigentlich wollte ich in den Emiraten bleiben, aber dann haben mir verschiedene Umstände klargemacht, dass ich nicht die richtige Wahl getroffen hatte. Und da bot sich diese Chance: River hat mir die Tür geöffnet und mir eine interessante Erfahrung angeboten. Etwas ganz anderes als das, was ich gerade erlebte, besonders wegen der großen Leidenschaft, mit der man den Fussball hier lebt. Ich war noch sehr jung, als ich aus Argentinien wegging, und wollte den Fussball in diesem Land entdecken. Das hat mich motiviert. Das war eine beeindruckende und interessante Entdeckung, ein wichtiger Schritt in meiner Karriere. Heute kann ich sagen, dass das Ganze eine einzigartige und sehr wertvolle Erfahrung ist.
Wenn Sie Ihre persönlichen Bedürfnisse und die fussballerischen von River Plate berücksichtigen, würden Sie dann sagen, die beiden Parteien sind genau zum richtigen Zeitpunkt zusammengekommen?
Ich weiß nicht, ob River mich unbedingt brauchte. Der Klub war Tabellenzweiter und hatte eine interessante Mannschaft. Was die persönliche Ebene angeht, so verstehe ich jetzt besser, was die Leidenschaft für River bedeutet. Es ist doch ein Unterschied, ob man nur Fan des Klubs ist, oder wirklich zum internen Kreis gehört. So erlebt man alles ganz anders. Glücklicherweise haben wir den Aufstieg geschafft, und jetzt hat eine neue Erfahrung begonnen, ein neues, langes Abenteuer mit dem Ziel, River bald wieder zu dem zu machen, was es früher war.
Ihr Vater ist Fan der Boca Juniors. Wie kommt es, dass Sie Anhänger von River geworden sind?
In meiner Familie gibt es Fans der verschiedensten Vereine, das steht fest. Einerseits hat mich unser Viertel zum River-Fan gemacht, denn in Martelli hatte der Klub eine große Fangemeinde. Außerdem war ich fasziniert, weil der Klub die Eigenschaften in sich vereinte, die mir schon als Kind wichtig waren: Man spielte eleganten, technisch versierten Fussball. Ich bin zurzeit von [Enzo] Francescoli und der jungen Generation mit Matías [Almeyda], [Marcelo] Gallardo und [Hernán] Crespo aufgewachsen. Das war die Mannschaft, die ich am meisten bewundert habe. Danach hatte ich das Glück, beim AS Monaco mit Gallardo und bei Juventus mit Marcelo Salas zusammenzuspielen. Das waren für mich Idole! Boca hat immer eine andere Spielweise bevorzugt.
Lassen Sie sich auf ein kleines Spielchen ein? Wir möchten Sie bitten, Ihre Tore gegen Almirante Brown, die den Aufstieg Rivers besiegelt haben, den Treffer im Finale der UEFA EURO 2000 gegen Italien und Ihr Tor gegen Saudiarabien bei der FIFA WM 1998 in Frankreich nach ihrer Wichtigkeit zu ordnen...
Das ist sehr schwer. Jedes dieser Tore steht für einen wichtigen Schritt in meiner Karriere. Das WM-Tor war einzigartig, denn danach hatte ich das Glück, als 20-Jähriger den Titel zu gewinnen. Ich bin in diesem Turnier viel zum Einsatz gekommen. Was für manche der Höhepunkt ihrer Karriere wäre, war für mich der Anfang. Das Tor bei der EURO war auch einzigartig, weil ich es im Finale eines Wettbewerbs erzielt habe, in dem wir eine hervorragende Leistung geboten und den wir verdient gewonnen haben. Und es stimmt auch, dass die beiden erwähnten Tore für River wohl die maßgeblichsten waren, obwohl es auch noch andere gab. Das waren Tore, die Spuren hinterlassen haben. Die Ereignisse des letzten Jahres [Anm. d. Red.: der Wiederaufstieg River Plates] wird mir immer als sehr einschneidendes Erlebnis in Erinnerung bleiben. Ich habe das in Italien mit Juventus Turin schon erlebt und jetzt noch einmal mit River. Ich hoffe, dass River viel schneller wieder nach oben kommt als Juventus, bei dem es sechs Jahre gedauert hat, bis der Klub wieder Meister geworden ist [nach dem Abstieg].
Sie sind mittlerweile 35 Jahre alt und haben viele Titel gewonnen. Welche Ziele haben Sie noch? Was motiviert Sie, weiterzumachen?
River muss seine Positiventwicklung weiter fortsetzen. Die Hälfte des Kaders ist praktisch gerade einmal 20 bis 22 Jahre alt. Wir haben junge Leute im Team, die sich schnell entwickelt haben, denn das fordert die River-Welt. Die Zeit drängt, es muss vorangehen, eine konstante Entwicklung geben. Wenn der Klub sich aus diesen Nachwuchsspielern eine solide Basis aufbaut, kann man schon kurzfristig ehrgeizigere Ziele stecken. Aber im Augenblick geht es zunächst einmal um den Aufbau einer nachhaltigen Struktur, darum, einen guten Punkteschnitt zu erreichen, zu verbessern und gewisse grundlegende Dinge anzugehen. Im Laufe der Zeit muss man sich dann höhere, wichtigere Ziele stecken. Persönlich versuche ich meinen Beitrag zu leisten, indem ich den einen oder anderen Rat gebe, damit sich bald eine positivere Einstellung und Siegermentalität entwickelt. Wenn ich eines Tages sehe, dass alles auf dem richtigen Weg ist, dann ist der Augenblick gekommen, Platz für die nachfolgende Generation zu machen. Das ist auch eine Frage des Alters.
Und in rein fussballerischer Hinsicht?
Ich möchte noch ein Ziel erreichen, das nicht mehr weit entfernt ist: Ich würde gern mein 300. Tor als Profi erzielen. Ich habe mitgezählt und liege derzeit bei 293. Meinen 300. Treffer möchte ich möglichst im Trikot von River erzielen. Das würde mir etwas bedeuten und wäre der Höhepunkt einer tollen Profi-Karriere, in der ich das Glück und die Möglichkeit hatte, fast alles zu gewinnen. Wenn ich dann vielleicht noch einen Meistertitel holen könnte, dieses Mal als Kapitän, dann wäre das ein idealer Abschluss.
In der rechten Menüleiste können Sie über den entsprechenden Link zum ersten Teil unseres Exklusiv-Interviews mit David Trezeguet, das am gestrigen Montag veröffentlicht wurde, gelangen.
