Dass es im Fussball keine Logik gibt, ist allgemein bekannt. Nichtsdestotrotz kommt es immer wieder zu Konstellationen, bei denen sich der kausale Zusammenhang zwischen den glanzvollen Auftritten einer Nationalmannschaft auf der internationalen Bühne und der Erfolgsserie eines der in ihrem Herkunftsland ansässigen Klubs geradezu aufdrängt. FIFA.com berichtet über einige solcher Vereine, die quasi zu offiziellen Lieferanten talentierter Kader für ihr Nationalteam wurden oder es noch heute sind.

Über der Gruppenphase der UEFA EURO 2012 lag mitunter ein Hauch der UEFA Champions League. So liefen zum Beispiel die Italiener bei ihrem Auftaktspiel in Gruppe C gleich mit sechs Spielern auf, die nur wenige Wochen zuvor mit Juventus Turin den Scudetto geholt hatten. Mehr noch: Gianluigi Buffon, Giorgio Chiellini, Claudio Marchisio, Andrea Pirlo, Emanuele Giaccherini und Leonardo Bonucci profitierten ganz offensichtlich von Automatismen, die sie im Verlauf einer ganzen Saison einstudiert hatten. Nicht zuletzt deshalb endete die Partie gegen Spanien wohl auch mit einem leistungsgerechten 1:1-Unentschieden.

Und was die Furia Roja anbetrifft, so besteht deren Kern seit rund vier Jahren zu einem großen Teil aus Spielern des FC Barcelona. Dies gilt auch für die laufende UEFA EURO 2012, zumal Spaniens Trainer Vicente del Bosque neben Gerard Piqué, Sergio Busquets, Xavi, Andrés Iniesta und Cesc Fàbregas mit Víctor Valdés und Pedro noch zwei weitere Barça-Profis auf der Ersatzbank hat und mit Carles Puyol und David Villa zwei wichtige Stammspieler der Katalanen verletzungsbedingt auf ihre Turnierteilnahme verzichten mussten. Schließlich war Spanien mit eben diesem Barça-Block in Südafrika 2010 Weltmeister geworden.

Und das war alles andere als ein Zufall, wie kein Geringerer als Brasiliens Fussball-Legende Pelé bemerkte: "Der FC Barcelona von heute ist wie der FC Santos zu meiner aktiven Zeit, er ist derzeit das Maß aller Dinge", so Pelé vor wenigen Wochen im Gespräch mit FIFA.com. "Dieses Team stellt den Kern für die spanische Nationalmannschaft. Demnach besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den Erfolgen des FC Barcelona und denen des spanischen A‑Nationalteams. Das Gleiche galt früher für Ajax Amsterdam, in dessen Glanzzeiten die Niederlande ihre beste Nationalmannschaft aller Zeiten hatten. Nicht anders verhielt es sich mit dem FC Santos und Brasilien."

Die Seleção und der FC Santos, Oranje und Ajax Amsterdam
O Rei
hat ein exzellentes Gedächtnis. Nachdem noch 1958 in Schweden, als Brasilien seinen ersten WM‑Titel gewann, außer ihm mit Pepe und Zito gerade mal zwei Spieler des FC Santos im brasilianischen Aufgebot gestanden hatten, waren es vier Jahre später mit Gilmar, Mauro, Mengálvio und Coutinho schon vier Santos-Profis, denen mit Brasilien 1962 in Chile die Titelverteidigung gelang. 1966 in England, als Brasilien bereits nach der Vorrunde ausschied, war der Santos-Block mit sechs Spielern – Gilmar, Orlando Peçanha, Lima, Zito, Edu und Pelé – vertreten. Und 1970 in Mexiko waren es mit Carlos Alberto Torres, Joel Camargo, Clodoaldo, Edu und dem unverwüstlichen Pelé immerhin noch fünf Santos-Spieler, die mit der Seleção zum dritten Mal Weltmeister wurden. Im gleichen Zeitraum fuhr der FC Santos damals auf nationaler Ebene einen Erfolg nach dem anderen einen und gewann sage und schreibe elf Meistertitel (1955, 1956, 1958, 1960, 1961, 1962, 1964, 1965, 1967, 1968 und 1969) des Bundesstaates São Paulo. International war der Pelé-Klub mit jeweils zwei Titelgewinnen (1962 und 1963) in der Copa Libertadores und im Interkontinental-Pokal erfolgreich.

Obgleich sich die Überlegenheit einer Klubmannschaft auf der anderen Seite des Atlantiks nicht ganz so deutlich zeigte, gab es dennoch hin und wieder Perioden, in denen die anhaltenden Erfolge eines Klubs mit denen der jeweiligen Nationalmannschaft einhergingen. So auch in Portugal, das mit dem dritten Platz in England 1966 seine bislang beste Platzierung bei einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ erzielte und sich dabei im Wesentlichen auf Spieler von Benfica Lissabon stützte. Der Klub aus der portugiesischen Hauptstadt hatte zwischen 1961 und 1963 drei Mal das Finale im Europapokal der Landesmeister erreicht und es zwei Mal gewinnen können. Ganz ähnlich verhielt es sich mit der niederländischen Nationalmannschaft, die 1974 bis ins WM-Finale vorstieß, nachdem Ajax Amsterdam drei Mal in Folge (1971, 1972 und 1973) im Europapokal der Landesmeister triumphiert hatte. Nicht nur, dass damals die meisten Spieler im Oranje-Team von Ajax kamen, darüber hinaus hatten die Niederländer mit dem legendären Rinus Michels auch einen Nationaltrainer, der sowohl als Spieler wie auch als Trainer für Ajax Amsterdam aktiv gewesen war und seiner Mannschaft die Philosophie vom "totalen Fussball" vermittelte.

Im Finale der FIFA WM Deutschland 1974 unterlag sein Team dann einer DFB-Auswahl, die stark der Mannschaft von Bayern München ähnelte, das inzwischen die Nachfolge von Ajax Amsterdam angetreten hatte und den Europapokal der Landesmeister ebenfalls drei Mal hintereinander (1974, 1975 und 1976) gewinnen konnte. Denn mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Paul Breitner, Uli Hoeneß, Sepp Maier und Hans-Georg Schwarzenbeck stellten die Bayern damals mehr als die Hälfte der deutschen Nationalspieler. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass dem Kader der deutschen Nationalmannschaft, die mit drei Siegen souverän in die UEFA EURO 2012 gestartet ist, mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Philipp Lahm, Holger Badstuber, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und Mario Gomez nicht weniger als sieben Spieler vom deutschen Rekordmeister angehören. Dazu kommen noch Lukas Podolski als früherer Bayern-Profi und Mats Hummels, der aus der Jugendabteilung von Bayern München stammt, sowie Miroslav Klose, der vier Jahre in München gespielt hat, und Bayern-Spielmacher Toni Kroos, die bisher größtenteils mit einer Reservistenrolle vorliebnehmen mussten.

Von Russland nach Antigua und Barbuda
Beim aktuellen Turnier in der Ukraine und Polen baute die russische Nationalmannschaft vor allem auf Spieler vom frisch gebackenen Meister Zenit St. Petersburg, von dem allein sieben Profis im Aufgebot der Sbornaja standen. Vielleicht ließen sich die Russen dabei ein bisschen von dem inspirieren, was einst dem legendären Trainer Valery Lobanovski gelungen war, als dieser die Nationalmannschaft der UdSSR mit zwölf Spielern von Dynamo Kiev, das 1986 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte, zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Mexiko 1986™ führte. Zu jener goldenen Spielergeneration zählten Igor Belanov und Oleg Blokhin, die jeweils 1986 bzw. 1975 zu Europas Fussballer des Jahres gewählt wurden, ebenso wie die Abwehrspieler Sergei Baltacha, Pavlo Yakovenko und Anatoliy Demanyenko sowie Mittelfeldspieler Aleksandr Zavaro, der später als Spielmacher von Juventus Turin für Furore sorgte.

Auch wenn das Nationalteam von Antigua und Barbuda sicher nicht auf eine ähnlich große Anzahl an Klassespielern verweisen kann, so hofft die Auswahl des karibischen Inselstaates zumindest darauf, sich mit der gleichen Vorgehensweise erstmals für die Endrunde einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ qualifizieren zu können. Konkret bedeutet dies, dass nicht weniger als 17 Spieler des FC Barracuda, dem einzigen Profiklub des Inselstaates, der in der dritten U.S.‑amerikanischen Liga spielt, zum 25-köpfigen Kader der Nationalmannschaft von Antigua und Barbuda gehören, die mit einem Sieg über Haiti den Einzug in die dritte Runde der CONCACAF-Qualifikation für Brasilien 2014 schaffte.

"Der FC Barracuda ist das Beste, was unserem Fussball passieren konnte", freute sich George Dublin, einer von acht Barracuda-Spielern, die in der entscheidenden Partie gegen Haiti in der Startelf standen, im Gespräch mit FIFA.com. Hinzu kommt, dass sowohl sein Klub als auch das Nationalteam vom gleichen Trainer, dem Engländer Tom Curtis, betreut werden. "Das ist ein riesiger Vorteil. Denn dadurch bleiben unser Stil, unser Spielsystem und unsere taktischen Vorgaben immer gleich", so Dublin abschließend.