Klaas-Jan Huntelaar gilt bei seinen Teamkollegen von Bundesligist Schalke 04 als Schlitzohr und Spaßvogel. Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com wurde der niederländische Nationalstürmer seinem Ruf absolut gerecht, ließ jedoch dabei auch nicht den nötigen Ernst vermissen.

In entspannter Atmosphäre sprach der Hunter, wie der Spitzname Huntelaars lautet, ausgiebig über seine Karriere, das enge Verhältnis zu seinem Vater, das Erfolgsgeheimnis hinter seinen Toren sowie die Ziele mit den Königsblauen und der Elftal.

Spanien ist in meinen Augen der große Favorit. Sie haben die vergangenen beiden großen Turniere gewonnen und verfügen über das beste Mittelfeld der Welt.
Klaas-Jan Huntelaar (Stürmer, Niederlande) mit Blick auf die UEFA EURO 2012

Klaas, beim VV Hummelo & Keppel erlernten Sie als Kind das Toreschießen. War Ihnen schon damals klar, dass Sie Profi werden möchten?
Ich habe nie wirklich daran gezweifelt, dass ich irgendwann einmal Profi werde, da es das einzige war, was ich von klein auf wollte. Ich habe von Beginn an alles daran gesetzt und diesen Weg nie verlassen. Dank der Unterstützung durch meine Familie und Freunde habe ich es letztendlich auch geschafft, vom Fussball gut leben zu können.

In Eindhoven wurden Sie letztendlich Profi. Wie sahen damals Ihre persönlichen Ziele aus?
Als Kind wollte ich unbedingt für Ajax Amsterdam spielen. Das war mein großer Traum. Meine erste Profi-Station war dann ausgerechnet PSV Eindhoven, der größte Konkurrent von Ajax [lacht]. Ich bin mir aber selbst immer treu geblieben und habe über Umwege den Sprung zu Ajax geschafft und die Chance dort am Schopfe ergriffen.

Der Umweg hieß Heerenveen. Dort machten Sie erstmals international auf sich aufmerksam. Und dort wurde auch der Hunter geboren. Welchen Bezug haben Sie zu Ihrem Spitznamen?
Es gibt schlimmere Spitznamen [lacht]. Hunter gefällt mir, aber mehr bedeutet mir der Name auch nicht. Das gehört zum Fussball dazu. Ich will nur Tore schießen, die Spiele genießen und erfolgreich sein. Wichtig ist, was auf dem Platz passiert. Alles andere ist eine nette Nebensache, aber nicht wichtig.

Nach Ihren Transfers zu Real Madrid und dem AC Mailand lief es auf dem Feld nicht ganz so rund. Würden Sie das noch einmal so machen?
Im Nachhinein weiß man immer mehr, aber kennt trotzdem nicht die Alternative. Real Madrid ist ein toller Verein. Mir hat vor allem die offensive Spielweise gefallen, das war in meinen Augen sehr guter Fussball, der dort gespielt wurde. Das habe ich geliebt. Der italienische Fussball ist anders, hat aber auch seine schönen Seiten. Wie sagt man doch gerne: Alle Rosen haben Dornen [lacht].

Viele Experten dachten, dass Sie sich 2010 bei Ihrem Wechsel zu Schalke an Ihrer neuesten Rose die Finger verletzen würden. Auf den ersten Blick sah es wie ein Schritt zurück aus, auf den zweiten war es die wohl richtige Entscheidung...
Mein Wechsel zu Schalke war auf gar keinen Fall ein Schritt zurück. Der Verein spielt in Deutschland immer ganz oben mit, und nach meiner Zeit beim AC Mailand war der Transfer ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allem, weil ich endlich auf meiner Lieblingsposition in der Sturmmitte agieren kann.

Und promt schießen Sie wieder Tore am Fließband. Abgesehen von Ihrer neuen alten Position: Welchen Anteil an Ihren starken Leistungen hat die Nähe zu Ihrem Geburtsort Drempt, abseits von all der Ablenkung, die in Madrid und Mailand herrschte?
Der Glanz und Glamour in Madrid und Mailand war kein Problem für mich. Meine Frau und ich hatten in Spanien eine tolle Zeit, dort wurde auch unser erstes Kind geboren. Jetzt wohnen wir in unserem Haus in Holland, und ich kann mich noch mehr auf den Fussball konzentrieren.

So oder so ist Ihnen die Familie sehr wichtig. Zwei Kinder mit Ihrer Frau sind dafür ein Zeichen, aber auch das gute Verhältnis zu Ihrem Vater ist ein Hinweis darauf. Stimmt es, dass er Sie immer noch zum Training fährt?
Das ist richtig, mein Vater fährt mich zwei- bis dreimal pro Woche im Auto nach Schalke. Es ist so ein bisschen wie in meiner Jugendzeit. Wir unterhalten uns über meine Leistungen und den Fussball im Allgemeinen. Er hat mir sehr geholfen, zu der Person zu werden, die ich heute bin. Meine Familie ist sehr wichtig im Hinblick auf meine Leistung. Die Voraussetzungen bei Schalke mit der Nähe zu unserer Heimat sind optimal.

Optimal ist auch die Situation Ihres Vereins, der in der Bundesliga ganz oben gemeinsam mit Bayern München und Borussia Dortmund sowie Borussia Mönchengladbach rangiert. Was ist für Schalke in dieser Spielzeit möglich?
Wir wollen ganz lange ganz oben dran bleiben. Die Entscheidung um die Meisterschaft wird an den letzten vier Spieltagen fallen, bis dahin wollen wir mit dem BVB und Bayern München mithalten.

Das liegt auch in Ihren Händen, oder besser gesagt Füßen. Für Sie läuft es sehr gut. 27 Tore in 29 Pflichtspielen sind beeindruckend. Wie fällt Ihr persönliches Zwischenfazit der Saison aus?
Ich versuche weiter, meine Tore zu machen. Ich gebe auf dem Platz immer alles, um meine Chancen zu nutzen. Wichtig ist jedoch, dass die Mannschaft gewinnt, ob ich dazu mit einem Tor oder einer Vorlage beitragen kann, ist mir egal. Entscheidend ist, dass wir alle zusammen arbeiten, dann kommt der individuelle Erfolg von alleine.

Ihr Teamkollege Lewis Holtby sagte einmal, dass man Ihnen den Kopf abschlagen könnte, Sie würden trotzdem weiter Tore schießen. Wie lautet Ihr Erfolgsgeheimnis?
Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn [lacht]. Ich versuche, mich auf jede Situation, die im Spiel entsteht, ganz und gar zu konzentrieren und das Maximum aus ihr herauszuholen. Wenn ich eine Lücke in der Abwehr sehe, will ich den Ball in Richtung Tor bringen. Je nachdem, welche Chance sich mir bietet, treffe ich individuelle Entscheidungen, um maximalen Erfolg zu haben.

Ihre Schalker Mitspieler beschreiben Sie außerdem als einen lustigen Kerl, der gerne Späße macht. Ich kann das nur bestätigen, aber wie beschreiben Sie sich selbst?
Ich bin ein lustiger Charakter, das stimmt. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich bei all der Konzentration und dem Druck Spaß am Fussball und abseits davon habe. Dann kann ich meine volle Leistung abrufen.

So wie derzeit mit der niederländischen Nationalmannschaft, mit der Sie 2010 Vize-Weltmeister wurden. War das gleichzeitig der größte Erfolg und die größte Enttäuschung mit der Elftal?
Definitiv. Wir sind sehr weit gekommen, und der Sieg gegen Brasilien war etwas ganz Besonderes. Ein Finale zu verlieren, ist natürlich sehr schade. Aber ich selbst hätte mir auch gewünscht, einen größeren Anteil am Erfolg der Mannschaft gehabt zu haben. Das hat leider nicht geklappt, so dass ich rückblickend ein bisschen enttäuscht bin.

Nach der WM avancierten Sie jedoch zum absoluten Top-Torjäger in der EM-Qualifikation. Welche Rolle nehmen Sie heute in der Nationalelf ein?
In letzter Zeit habe ich viel gespielt und mit der Mannschaft eine super EM-Qualifikation hingelegt. Mir ist ein neuer Tor-Rekord gelungen, das war toll. Jetzt versuchen wir, so weiterzumachen. Das letzte Länderspiel gegen Deutschland war zwar enttäuschend, doch jetzt geht die Vorbereitung auf die EM erst richtig los.

Dort kommt es in der Gruppenphase erneut zum Aufeinandertreffen mit der DFB-Elf. Ein besonderes Duell für jeden Niederländer. Für Sie noch ein wenig spezieller aufgrund Ihres Engagements in der Bundesliga?
Das wird natürlich eine ganz besondere Partie für mich, da ich alle deutschen Spieler aus der Bundesliga kenne. Es ist schön, gegen Deutschland bei diesem Turnier spielen zu können, ich freue mich darauf. Bei Schalke ziehen wir uns gegenseitig schon ein wenig auf [lacht].

Außerdem treffen die Niederlande auf Dänemark. Einen Gegner, den Sie noch aus Südafrika kennen und dort bezwungen haben...
Bei der WM 2010 war es kein einfaches Spiel gegen Dänemark. Erst durch ein Eigentor sind wir in Führung gegangen. Sie haben ein gutes Team mit starken Individualisten wie Christian Eriksen, Simon Kjaer oder Nicklas Bendtner. Sie alle spielen auf einem hohen Niveau und haben bereits in der Qualifikation bewiesen, dass sie nicht zu unterschätzen sind, als sie sich vor Portugal für die EM qualifiziert haben.

Letzter Gruppengegner ist das bereits angesprochene Portugal mit Cristiano Ronaldo und Pepe. Was trauen Sie Ihren ehemaligen Teamkollegen und ihrer Mannschaft zu?
Pepe und Ronaldo sind sehr starke Akteure. Sie haben die richtige Mentalität, die man braucht, um ein Spiel herum zu reißen. Das sieht man auch bei ihren Auftritten in Madrid. Wir haben auch keine allzu gute Bilanz gegen die Portugiesen. Bei der EM 2004 und der WM 2006 haben wir jeweils gegen sie verloren. Das wollen wir dieses Jahr ändern.

Spanien, die Niederlande und Deutschland sind die großen Favoriten auf den EM-Titel. Wem trauen Sie am ehesten den Sprung auf Platz eins zu?
Spanien ist in meinen Augen der große Favorit. Sie haben die vergangenen beiden großen Turniere gewonnen und verfügen über das beste Mittelfeld der Welt. Das macht sie zum ersten Anwärter auf den EM-Titel und zu der Mannschaft, die es zu bezwingen gilt.

Welche andere Nation könnte im Sommer zum Spielverderber der großen Drei werden?
Ich glaube, Polen kann für eine Überraschung sorgen, auch wenn ich ihnen nicht den EM-Sieg zutraue. Als Gastgeber hat man immer einen gewissen Vorteil gegenüber den anderen Teilnehmern. Vielleicht kann auch Italien etwas bewegen, nachdem es seinen Kader verjüngt und eine gute Entwicklung genommen hat.