Der Argentinier Roberto Fabián Ayala bedarf längst keiner Vorstellung mehr. Der auf dem Platz stets elegant wirkende Innenverteidiger nahm mit Argentinien an drei WM-Endrunden teil und war insgesamt 15 Jahre bei großen europäischen Klubs aktiv. Beim Olympischen Fussballturnier Athen 2004 führte er Argentiniens Olympia-Auswahl als Mannschaftskapitän zum Gewinn der Goldmedaille.

Dennoch hält die Lebensgeschichte des Verteidigers, der seit der Rückkehr in seine Heimat im Februar dieses Jahres beim argentinischen Erstligisten Racing Club Avellaneda unter Vertrag steht, auch einige weniger bekannte Seiten parat. Unter anderem jene von seinen fussballerischen Anfängen, als er bei seinem Debüt in der Mannschaft seines Heimatdorfes in der Provinz Entre Ríos an der Seite seines Vaters als zweiter Innenverteidiger auflief.

Damit wären wir auch schon bei seiner eigenen Rolle als Vater angelangt, denn Ayala hatte gerade einmal das 16. Lebensjahr vollendet, als er zum ersten Mal Vater wurde. Mehr als 20 Jahre danach - Ayala feierte im April 2010 seinen 37. Geburtstag - fand sich der frühere Nationalverteidiger in der für ihn neuen Rolle als Fan der Celeste wieder, der die FIFA WM 2010 weitab vom eigentlichen Schauplatz im Fernsehen verfolgte.

Im Exklusiv-Gespräch mit FIFA.com gewährte El Ratón (die Maus) einen interessanten Einblick in die einzelnen Stationen seiner Karriere. Überdies äußerte er sich zum Umfang der Verantwortung, der sich derzeit die neue Spielergeneration gegenüber sieht, zu seiner Zeit auf dem Alten Kontinent sowie zu seiner Zukunft nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn: "Als künftiger Trainer sehe ich mich zwar nicht, aber ich werde dem Fussball auch weiterhin erhalten bleiben."

Roberto, Sie sind nach 15-jährigem Aufenthalt in Europa in die argentinische Liga zurückgekehrt. Mit welchen Erwartungen sind Sie zurückgekommen und inwieweit sahen Sie diese hier bestätigt?
Sowohl im Land als auch im argentinischen Fussball selbst hat sich in meiner Abwesenheit einiges geändert. Zwar kann man nie so richtig sagen, ob bei diesen Veränderungen das Positive oder eher das Negative überwiegt. Fakt ist, dass sich etwas geändert hat, also muss man sich entsprechend darauf einstellen. Und was die Entwicklung im hiesigen Fussball anbetrifft, so habe ich selbst einiges an Lehrgeld bezahlen müssen, weil ich nur ungenügend darauf vorbereitet war. Heute weiß ich, dass ich bei einer besseren Vorbereitung meiner Rückkehr auch schneller Fuß gefasst hätte. Doch das ist inzwischen Geschichte. Das Wichtigste war, dass Racing sein Ziel erreicht hat und den abstiegsgefährdeten Tabellenbereich verlassen konnte.

Und das Spiel selbst? Wie würden Sie das charakterisieren?
Das hat sich ebenfalls verändert! Inzwischen ist viel mehr Tempo und Rhythmus im Spiel. Bis auf zwei oder drei Mannschaften, die auch heute noch den Spielaufbau von hinten nach vorn bevorzugen, versucht es der Rest vorwiegend über lange und gezielte Pässe, um so den Spielaufbau deutlich zu beschleunigen.

Es scheint, als ob die argentinischen Profis in der Regel später in ihre Heimat zurückkehren würden als die Brasilianer. Sehen Sie das auch so?
Dazu müsste man schon Näheres wissen, um feststellen zu können, ob es sich dabei vielleicht um Zufälle handelt. Zwar würde ich nicht direkt sagen, dass wir Argentinier in dieser Hinsicht etwas Verspätung haben. Andererseits meine ich, dass gerade die brasilianischen Fussballer ein bisschen mehr Zeit im eigenen Land verbringen sollten. Damit man mich nicht missversteht: Meine persönliche Begeisterung galt schon immer dem argentinischen Fussball, deshalb wollte ich immer auch dort als Spieler aktiv sein, wo sich meine Wurzeln befinden. Wenn wir uns dennoch etwas länger in Europa aufhalten sollten als die Brasilianer, dann doch nur deshalb, weil die europäischen Klubs wissen, was sie an uns haben. Je mehr sie aus uns herausholen können, desto größer ist letztlich der Nutzen, den ihnen unsere Leistung beschert. Außerdem erhalten einige unserer Auslands-Profis auch diverse Angebote, um auch nach ihrer aktiven Karriere für ihren Klub tätig zu werden. Die Folge ist oft, dass sie sich dann endgültig in Europa niederlassen.

Da wir gerade von Veränderungen sprachen, von der heutigen Spielergeneration wird häufig behauptet, dass sie sich anders verhalten würde als ihre Vorgänger...
Da gibt es natürlich Unterschiede, gar keine Frage. Heute ist es zum Beispiel normal, dass ein jüngerer Spieler auch mal einen Witz über seine älteren Mannschaftskollegen macht. So etwas wäre früher überhaupt nicht denkbar gewesen. Dabei ist dieses 'früher' noch gar nicht so lange her! Wenn wir mit der Ersten Mannschaft trainieren durften, haben wir uns kaum getraut, etwas zu sagen. Das ist jetzt anders, obwohl die Achtung als solche schon noch gegeben ist. Die jungen Spieler hier trainieren fleißig und haben in der Regel auch Respekt vor den Routiniers im Team. Natürlich kann es dabei immer wieder mal zu einem kleinen Disput kommen. Ohne näher darauf eingehen zu wollen, auch ich habe im ersten Monat mit meiner Mannschaft ein paar Mal einhaken müssen. Respektlosigkeit war dabei jedoch nie im Spiel.

Und wie steht es um die Bereitschaft dieser jungen Spieler, Verantwortung für den argentinischen Fussball zu übernehmen?
Da liegt einiges im Argen. Die Jungs wollen so schnell wie möglich nach Europa, ohne sich in Argentinien schon entsprechend bewährt zu haben. Vor ihrem Wechsel in eine europäische Liga sollten sie hier viel mehr Spiele absolvieren. Davon würden nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Klubs profitieren. Gerade in dieser frühen Phase ihrer Entwicklung sollte man nichts überstürzen.

Beim Vergleich mit Ihrer eigenen Jugend stößt man unweigerlich auf eine Besonderheit, denn Sie sind als erst 16-Jähriger zum ersten Mal Vater geworden. Wie sind Sie als damals noch Jugendlicher mit dieser Verantwortung umgegangen?
Es war schwer. Hinzu kam, dass ich weit weg war. Doch es hatte es sich nun einmal so ergeben, so dass ich einen Großteil davon in meinem Inneren bewahrt habe. Meine Tochter ist heute 20 Jahre alt und lebt bei ihrer Mutter in Paraná. Uns als Eltern hat einfach das tägliche Zusammensein gefehlt. Aber so ist es nun mal gelaufen.

Außer der 20-jährigen Tochter sind Sie inzwischen auch Vater von drei kleinen Mädchen. Sind Sie da als Mann nicht ein wenig eifersüchtig?
Nein, überhaupt nicht. Auf die Idee würde ich gar nicht erst kommen. Solange man sie alle mit dem gleichen Respekt behandelt, kann ich beruhigt sein!

Was würden sie als inzwischen 37-Jähriger als die schwierigere Aufgabe bezeichnen: Sich über 20 Jahre als Top-Spieler zu behaupten, oder der Vater von fünf Kindern zu sein?
Vater zu sein! (lacht) Als Fussball-Profi muss man sich ständig in Form halten und ein geordnetes Leben führen. Vater ist man jeden Tag von früh bis spät, da steht man permanent unter Beobachtung. Vor allem dann, wenn man seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen und ihnen eine angemessene Erziehung sichern möchte. Das ist das Schwierigste an der Rolle als Vater. Und ich gebe zu, dass ich in dieser Hinsicht heute immer noch lernen muss. Je größer sie werden, desto mehr lerne ich dazu.

Ihr Sohn Francisco ist jetzt 13. Wird er die Ayala-Dynastie im Fussball fortsetzen?
Der Fussball begeistert ihn! Er möchte, dass ich ihn zu einem Verein mitnehme und dort zur Probe spielen lasse. Im Moment interessiert mich aber erst einmal seine schulische Entwicklung. Das hat absoluten Vorrang. Erst dann kommt der Fussball, der gewissermaßen eine Auszeichnung darstellt. Ich selbst sehe bei ihm keinerlei Probleme. Deshalb werden wir versuchen, dass er ab Dezember in den Fussball einsteigen kann. Er spielt im Mittelfeld, und er ist förmlich verrückt nach Fussball. Dabei habe ich diesen Weg nicht einmal vorgegeben, zumal er bei seinem Großvater aufgewachsen ist. Andererseits ist das wiederum normal, schließlich ist er seit frühester Kindheit ständig mit dem Fussball in Berührung gekommen.

Sie haben in Italien und Spanien gespielt. Welche Unterschiede haben Sie zwischen den Ligen in beiden Ländern festgestellt?
Ich sage immer, dass mir Italien sehr geholfen hat, mich als Abwehrspieler zu profilieren. Das war faktisch wie ein Master-Studium. Sowohl deshalb als auch hinsichtlich meiner allgemeinen Entwicklung als Fussballer bin ich den Klubs, bei denen ich unter Vertrag stand, auch sehr dankbar. Für diejenigen, die das Spektakuläre am Spiel lieben, ist der Fussball in Spanien sicher ein bisschen unterhaltsamer als in Italien. Ich persönlich möchte mich da jedoch nicht festlegen, zumal ich in beiden Ländern viel gelernt habe.

Sprechen wir über die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™. Wie war es für Sie, die WM nach zwölf Jahren erstmals nur am Bildschirm zu verfolgen?
Sehr schwer. Man denkt die ganze Zeit nur daran, wie man als aktiver Teilnehmer wohl reagieren würde, und zwar vor, während und nach jedem einzelnen Spiel. Doch anstatt selbst ins Geschehen eingreifen zu können, sehnt man plötzlich die nächste Partie herbei, um sich mit Freunden und Familienangehörigen zum gemeinsamen Fernsehen zu treffen. Da fühlt man sich auf einmal ganz anders! Wenn man zur Mannschaft gehört, ist man völlig isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten. Da bekommt man erst gar nicht mit, was sonst noch läuft. Dagegen ist man außerhalb dieser Abgeschiedenheit über alles informiert.

Wollen Sie damit sagen, dass ein Nationalspieler die Reaktionen im eigenen Land gar nicht wahrnimmt?
Absolut, die Jungs kriegen davon einfach nichts mit. Inzwischen habe ich natürlich längst begriffen, dass man als Zuschauer und Fan auch ein Recht darauf hat, die Spieler der Nationalmannschaft auch in Interviews zu hören und zu sehen, um mit ihnen mitfühlen zu können. Und dass die Kameras alles ins Bild setzen, was rund um ein WM-Turnier geschieht. Als ich im Nationalteam spielte und ich vom Trainerstab ein paar Stunden frei bekam, wollte ich davon gar nichts wissen. Ich bin lieber auf meinem Zimmer geblieben, um vor den Fragen der Journalisten sicher zu sein. Denn wenn man auch nur einen Satz gesagt hat, konnte dieser mitunter eine enorme Wirkung unter den Anhängern des runden Leders hervorrufen. Sogar im ganzen Land, denn in Argentinien steht für gewöhnlich alles still, sobald es darum geht, die eigenen Nationalspieler zu hören, zu sehen und sie zu bewundern.

In diesem Zusammenhang drängt sich uns die Erinnerung an die Querelen zwischen der Celeste und den Medien während der FIFA WM 1998 in Frankreich auf...
Genau, damals sind wir um eine Erfahrung reicher geworden. Dieser Streit hat niemandem etwas gebracht, das war echt ärgerlich. Na ja, am Ende wurde eine Vereinbarung getroffen, an die wir uns dann strikt gehalten haben.

Kommen wir noch einmal auf Südafrika 2010 zu sprechen. Wie beurteilen Sie das Abschneiden Argentiniens?
Wir leiden alle noch unter der Enttäuschung vom letzten Spiel, das für uns das Turnier-Aus bedeutete. Insgesamt aber hat Argentinien, abgesehen von der besagten Partie gegen Deutschland, ein durchweg gutes Turnier gespielt. Und ich bin nicht der Meinung, dass dies vor allem an vermeintlich leichten Gegnern lag, denn die waren alle durchaus ernst zu nehmende und respektable Rivalen, die es erst einmal zu schlagen galt. Argentinien hat sich gegen sie auf souveräne Art und Weise durchgesetzt und dabei auch spielerisch überzeugt. Das Spiel gegen Deutschland war die absolute Ausnahme, denn in dieser Begegnung konnten wir die Deutschen zu keinem Zeitpunkt in Bedrängnis bringen.

Einige haben sich bereits bezüglich des neuen argentinischen Nationaltrainers geäußert. Würden Sie jemand für dieses Amt favorisieren wollen?
Sämtliche Namen, die bislang in diesem Zusammenhang genannt wurden, sind die von erfahrenen Trainern, die den gestellten Anforderungen mehr als gerecht werden. Miguel (Russo) ist derzeit Klubcoach von Racing und hat über viele Jahre hinweg hervorragende Arbeit geleistet. Außer ihm ist auch (Carlos) Bianchi im Gespräch. Das Wichtigste für den künftigen Nationaltrainer ist, eine gemeinsame Linie zu finden, die dann mit aller Konsequenz umgesetzt werden muss. Genau das ist es, was wir jetzt am dringendsten brauchen.

Ist Spanien für Sie ein Modellbeispiel, dem man auch in Argentinien folgen sollte?
Davon ist zwar oft die Rede. Allerdings haben die Spanier eine Spielkultur entwickelt, die in erster Linie darauf beruht, dass mit dem FC Barcelona eine Klubmannschaft den gleichen Stil pflegt. Und weil zahlreiche Nationalspieler aus eben diesem Klub kommen, ist das Spiel der Nationalmannschaft dem der Katalanen sehr ähnlich. Hier bei uns stellt sich die Situation schon etwas schwieriger dar: Einerseits haben wir die besten Spieler, die an allen Ecken und Enden der Welt aktiv sind. Auf der anderen Seite ist es uns bisher noch nicht gelungen, ein Team zu formen, das eine eigene Identität ausstrahlt und das nötige Selbstvertrauen besitzt, um jedes Spiel mit dem festen Vorsatz anzugehen, es auch zu gewinnen.

Sie haben bei der Copa América 2007 mit Lionel Messi in einer Mannschaft gespielt. Welchen persönlichen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
Er war genau so, wie man ihn vom Hörensagen her kannte (lacht). Zu jener Zeit befand sich seine Karriere noch in der Anfangsphase, auch wenn er schon damals riesige Fortschritte machte. Er ist ruhig, zurückhaltend und etwas verschlossen, insgesamt also ein anständiger Junge. Ich vermute mal, dass er mit zunehmendem Lebensalter auch etwas lockerer wird. Dass er sich aber grundlegend verändert, ist eher unwahrscheinlich, denn er besitzt einen ausgeprägten Charakter. Alle erwarten von ihm, dass er anders wird. Doch er ist nun mal so, wie er ist, und das sollte man auch respektieren.

Und Ayala selbst? Welche Fristen haben Sie sich für Ihre Karriere gesetzt?
Meine Zeit hier endet dann, wenn mein Vertrag ausläuft. Bis dahin werde ich wissen, wie mein körperlicher Zustand sein wird und ob ich noch Lust zum Weitermachen verspüre, falls sich mir noch eine Möglichkeit bieten sollte. Zurzeit geht es mir gut. Ich trainiere und warte auf die Gelegenheit, jederzeit spielen zu können. Wenn es mir gelingt, beständige Leistungen zu zeigen, ergibt sich der Rest von selbst.

Sie haben einmal gesagt, dass man Sie künftig nicht auf der Trainerbank sehen wird. Bleiben Sie dabei?
Ja klar. Denn es ist ein sehr schwerer Job, das wäre sicher nicht mein Ding. Der Fussball bedeutet mir sehr viel, sowohl das Spiel als solches wie auch das taktische Herangehen an eine Partie. Als Trainer sehe ich meine Zukunft trotzdem nicht, das ist einfach nichts für mich. Jedenfalls bleibt mir noch genügend Zeit, um darüber endgültig zu entscheiden. Fest steht für mich nur, dass ich dem Fussball auch nach meiner aktiven Laufbahn erhalten bleibe, denn ich möchte die Erfahrungen aus meiner langjährigen Karriere gern an andere weitergeben.