Für den fernen Betrachter ist es unmissverständlich, dass in der brasilianischen Seleção eine wahre Revolution im Gange ist. Schließlich ist es gerade einmal 24 Tage her, dass das Team mit Dunga am Ruder im Viertelfinale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft gegen die Niederlande ausschied. Inzwischen wurde mit Mano Menezes bereits ein neuer Trainer vorgestellt, der auch schon seine erste Kaderliste zusammengestellt hat. Anlass ist ein Freundschaftsspiel gegen die USA, das am 10. August in New Jersey stattfindet. Das Revolutionäre ist nun, dass diese Liste lediglich vier Spieler enthält, die bei der WM 2010 in Südafrika dabei waren. Angesichts dieser Zahl fällt es nicht schwer zu erkennen, was wohl dahintersteckt: Es ist, als sei alles implodiert und man fange wieder bei Null an. Das stimmt aber wohl nur teilweise.
"Wir schließen keinen Spieler aus, der bei der letzten Weltmeisterschaft dabei war. Wir sind einfach nur der Ansicht, dass die meisten von ihnen jetzt eine kurze Pause brauchen", erklärte Mano Menezes während der langen Pressekonferenz, die er im Anschluss an die Bekanntgabe seines 24-köpfigen Kaders gab. Die Zweifel waren berechtigt und der Antwort des Trainers lässt sich entnehmen, dass Daniel Alves, Thiago Silva, Ramires und Robinho definitiv nicht die einzigen Spieler des letzten WM-Kaders sein werden, mit denen Menezes auch weiterhin plant. Andererseits ist es natürlich eine Tatsache, dass die 2012 in London anstehenden Olympischen Spiele und vor allem die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 auch das Geburtsdatum zu einem wichtigen Kriterium werden lassen. "Wir schließen niemanden aus, aber im Fussball gibt es nun mal eine kontinuierliche Entwicklung, genauso wie im Leben. Neue Spieler müssen darauf vorbereitet sein nachzurücken."
Frisches Blut
Außer Frage steht wohl, dass Menezes einen Umbruch in der Seleção einleiten möchte. Vor der Bekanntgabe der Kaderliste hat er allerdings versprochen, dass dies ein langsamer, allmählicher Prozess sein würde. Wenn das so ist, dann war die erste Stufe beachtlich: Während die nach Südafrika entsandte Delegation einen Altersdurchschnitt von 28,7 Jahren aufwies, beträgt das Durchschnittsalter des 24-köpfigen Kaders für das Freundschaftsspiel gerade einmal 23,1 Jahre. Der älteste Spieler ist der 26-jährige Robinho. Im Kader stehen zehn Neulinge: die Torhüter Renan (Avaí) und Jéfferson (Botafogo), der rechte Verteidiger Rafael (Manchester United – ENG), die Innenverteidiger Réver (Atlético Mineiro) und David Luiz (Benfica Lissabon – POR), die Mittelfeldspieler Jucilei (Corinthians), Ganso (FC Santos) und Éderson (Olympique Lyon – FRA) sowie die Stürmer Neymar und André (beide vom FC Santos). Insgesamt sieben Spieler sind in einem Alter, das ihnen in zwei Jahren die Teilnahme am Olympischen Fussballturnier erlauben würde.
Die Kaderliste ergibt durchaus Sinn vor dem Hintergrund, dass Trainer Mano Menezes selbst angekündigt hat, bei den Olympischen Spielen die erste Goldmedaille für Brasilien holen zu wollen. Dieses Ziel zählt zu seinen Prioritäten. "Die Arbeit konzentriert sich auf drei Ereignisse: die Copa América 2011, die Olymischen Spiele und natürlich auf das Hauptziel, die Weltmeisterschaft 2014. Aber London 2012 ist eine wichtige Etappe", erklärte der Trainer, der im Hinblick auf Olympia unter anderem André, Ganso und Neymar nominierte, drei Akteure des FC Santos, der die Meisterschaft des Bundesstaates São Paulo gewann und ins Finale der Copa do Brasil einzog. Dabei überzeugten die drei genannten Spieler mit glanzvollen Auftritten und Toren.
Im Mai, vor Beginn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft, scherzte der Angreifer André in einem Interview mit FIFA.com noch über eine Möglichkeit, die Mano Menezes am Montag in greifbare Nähe rücken ließ. Der Spieler hat inzwischen für die nächste Saison einen Vertrag mit Dynamo Kiev unterzeichnet. "Mein Traum ist die Seleção, da gibt es keinen Zweifel. Und vor allem natürlich die Weltmeisterschaft hier in Brasilien. Ich habe vier Jahre Zeit, um darauf hinzuarbeiten und hoffe, dass wir alle gemeinsam – Neymar, Ganso und ich – 2014 Geschichte schreiben können", berichtete der 19-Jährige. "Wer weiß, vielleicht werden wir bei der WM ja Grund haben, einen Freudentanz aufzuführen. Man stelle sich das einmal vor!"
Taktik
Bis dahin wird sich noch viel ändern und was jetzt, vor dem ersten Auftritt des Teams von Mano Menezes auf dem Spielfeld, ganz klar erscheint, ist in Zukunft möglicherweise bedeutungslos. Aber ein Aspekt wird jetzt schon deutlich: die Vorstellung, die der Trainer von seinen Mittelfeldspielern hat. Keiner, der für diese Position nominierten Spieler (Lucas, Jucilei, Hernanes, Ramires und Sandro), ist der typische rein defensive Mittelfeldspieler, der sich darauf beschränkt, das Spiel des Gegners zu unterbinden. Dies ist ein zentrales Element im taktischen Schema, über das der Trainer bereits Auskunft gegeben hat: "Ich bevorzuge ein 4-2-3-1-System, ein taktisches Schema, das man bei der Weltmeisterschaft häufig gesehen hat. Dieses System habe ich schon 2006 bei Grêmio gern eingesetzt, und wir haben eine gute brasilianische Meisterschaft gespielt", so Mano Menezes bei seiner Vorstellung. "Es gefällt mir, weil man zwei defensive Mittelfeldspieler auswählen kann, die sich auch in die Offensive und den Spielaufbau einschalten. Das ist heute sehr wichtig. Im Fussball gibt es Zyklen, und dies ist vielleicht der richtige Weg für die nächsten Jahre."
Es sieht also danach aus, als wolle er mit jungen Spielern einen Neuaufbau wagen, mit einer Defensive, die immer bereit ist, mit nach vorn zu gehen, und schönem Kurzpassspiel. Sollte es tatsächlich so sein, bleibt abzuwarten, ob Mano Menezes und sein Team den Plan erfolgreich umsetzen können. Allein das Vorhaben stößt bei den brasilianischen Fans aber auf jeden Fall schon einmal auf Begeisterung.
