Die erste Regel im Fussball lautet, dass ein Spiel 90 Minuten dauert. Es beginnt beim Anstoß und endet folgerichtig nach dem Schlusspfiff des Schiedsrichters. Dies gilt aber nur in der Theorie. Denn in Wahrheit beginnen die Partien oft sehr viel früher im Spielertunnel, der zum Spielfeld führt. Und nicht selten findet nach dem Abpfiff auf dem Weg zurück in die Kabinen eine etwas andere Nachspielzeit statt. FIFA.com erzählt die Anekdoten und Legenden, die einst in den wenige Meter vom Spielfeld entfernten Gängen entstanden.
Man kann es Einschüchterung nennen, jemanden unter Druck setzen, manchmal sogar Drohung. Tatsächlich gehören Provokationen des Gegners im Spielertunnel schon seit den Anfangstagen des Fussballs zu den Mitteln, auf die zurückgegriffen wird, um bereits vor Spielbeginn einen psychologischen Vorteil zu erzielen. Vor allem, wenn es sich bei den Beteiligten um die Kapitäne von zwei großen englischen Klubs handelt, um zwei starke Charaktere, können durchaus die Mauern des Stadions erzittern. So wie jene in Highbury, dem ehemaligen Fussballtempel von Arsenal London.
Im Vorfeld des Gipfeltreffens zwischen den Gastgebern und Manchester United gaben Patrick Vieira und Roy Keane bereits im engen Spielergang den rauen Ton der folgenden Partie vor. Seinem Mitspieler Gary Neville zu Hilfe eilend, der mit dem Franzosen einige Höflichkeiten austauschte, wandte sich der irische Kapitän von ManU an den Kapitän der Gunners. Sein "Schweig! Wir treffen uns draußen wieder. Hör damit auf, den freundlichen Jungen zu spielen!", das er seinem Gegenüber mit zusammengebissenen Zähnen und erhobenem Finger entgegen zischte, wurde zu einer Legende in der Premier League. Vielleicht hatte der Franzose diese Worte noch im Hinterkopf, als er den Führungstreffer erzielte. Doch das letzte Wort sollten die Red Devils behalten, die sich am Ende mit 4:2 gegen ihre Rivalen durchsetzten.
Entscheidung im Tunnel
Eine Geschichte, die an einen anderen Franzosen erinnert, den Verteidiger Basile Boli, der nicht dafür bekannt war, besonders zimperlich zur Sache zu gehen. In einer Partie in den 80er Jahren gegen den FC Nantes sollte es der beinharte Verteidiger von AJ Auxerre mit dem damals unhaltbaren jugoslawischen Stürmer Vahid Halilhodžić zu tun bekommen. "Ich gewann mein Spiel im Tunnel", gab der zukünftige Klub-Europameister einige Jahre später zu. "Als ich im Tunnel neben ihm stand, sagte ich zu ihm: 'Du bist ein toter Mann!' Ich hatte ihm Angst eingejagt. Er hat nichts zustande gebracht."
Auch in Südamerika gehören Einschüchterungsversuche zum Fussball dazu. Sie sind sogar wesentlicher Bestandteil des sprichwörtlichen Kampfgeists und der Wettkampfhärte der Nationalmannschaft Uruguays. Denn ihren Ruf als kompromisslose Kämpfer haben die uruguayischen Nationalspieler nicht nur auf dem Feld begründet, sondern auch schon im Spielergang. Genauer gesagt, in den Katakomben des Maracana-Stadions beim Finale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1950. Sie wussten um ihre Rolle als krasser Außenseiter, waren beeindruckt von den 203.850 brasilianischen Anhängern, die am Ausgang des Tunnels auf sie warteten, und rechneten eigentlich damit, von der Seleçao mit Haut und Haaren verschlungen zu werden.
Nur Obdulio Varela nicht. "Denkt nicht an all diese Menschen und blickt nicht nach oben", befahl der Kapitän seinen Mannschaftskameraden vor Betreten des Rasens. "Das Spiel findet hier unten statt, und wenn wir gewinnen, passiert gar nichts. Ein Spiel gewinnt man mit Mumm und mit den Füßen." 90 Minuten später war Uruguay Weltmeister und ganz Brasilien weinte bittere Tränen.
Unfall in den Katakomben
Einige Tage zuvor hingegen waren es die Brasilianer, die von einer Gegebenheit im Spielertunnel profitierten. Der damals beste Akteur Jugoslawiens, Rajko Mitić, hatte das Pech – oder die Ungeschicklichkeit – sich den Kopf an einem Trägerbalken anzustoßen. Die Jugoslawen mussten zu zehnt gegen die Gastgeber anfangen. Als ihr Torjäger mit einem dicken Verband um den Kopf endlich dazu kam, hatten sie bereits das 0:1 durch Ademir kassiert. Am Ende siegte Brasilien mit 2:0.
Die Stadionkatakomben sind in der Tat ein Ort, in dem nicht selten Unfälle geschehen. Ein halbes Jahrhundert nach der Verletzung von Mitić hatte der Schotte Michael Stewart wohl nichts von jener Begebenheit gehört. Als er im Dezember 2009 in einer Partie des Feldes verwiesen wurde, hatte der Mittelfeldspieler die schlechte Idee, seine Nerven zu beruhigen, indem er heftig gegen die Mauer trat. Kaum nötig zu erwähnen, dass er im Anschluss vor Schmerz krümmend im Gang lag. Ebenfalls in Schottland sorgte bei einer Partie zwischen Heart of Midlothian und Celtic Glasgow der Schiedsrichter unfreiwillig für Gelächter, als er sich – zum Glück ohne ernste Folgen – mit seinem Headset selbst einen Stromschlag versetzte.
Doch es war eine andere Begebenheit im Spielertunnel, die in die Geschichte des Glasgower Traditionsklubs einging. Als erstes britisches Team, das einen europäischen Pokal gewinnen sollte, reiste die Mannschaft von Celtic Glasgow als krasser Außenseiter zum Finale des Europapokals der Landesmeister 1967 in Lissabon gegen den großen Favoriten Inter Mailand, der 1964 und 1965 sogar Klub-Weltmeister geworden war. "Als wir sie neben uns stehen sahen, waren alle über 1,80 Meter groß und perfekt gebräunt, ihre Haare frisch gegelt und ein Lächeln wie in der Zahnpastawerbung. Sie hatten sich sogar parfümiert!", erzählte später Celtic-Legende Jimmy Johnstone, der 2006 verstarb. "Neben denen sahen wir aus wie Zwerge. Die Italiener sahen von oben auf uns herab, und wir, wir antworteten mit zahnlosem Lächeln. Ich glaube wirklich, dass sie dachten, wir wären einem Zirkus entflohen!"
Singende Schotten
Bertie Auld beschloss, den italienischen Statuen mit seinen Stimmbändern zu begegnen. Der Mittelfeldspieler stimmte zur allgemeinen Überraschung der Mailänder ein Vereinslied an, in das seine Kameraden lautstark einstimmten. Nicht geringer war die Überraschung der Italiener, als es nach dem Schlusspfiff 2:1 für die Schotten stand – die Legende von den Löwen von Lissabon war geboren.
Die Engländer vom FC Liverpool gewannen diesen Pokal insgesamt fünf Mal und erlangten den Status als eines der Monumente des Fussballs. Zu den vielen Dingen, die den Mythos dieses Klubs ausmachen, gehört auch die Inschrift "This is Anfield", die den Spielergang ziert, der auf das Feld führt. Sie dient zugleich der Einschüchterung der Gegner und der Motivation der Gastgeber, die traditionell die Inschrift berühren, was ihnen Glück bringen soll. Daran orientierte sich möglicherweise auch der AS Saint-Etienne, nachdem der Klub nach einem 1:0-Heimerfolg gegen Liverpool im Rückspiel an der Anfield Road mit 1:3 unterlag. Denn auch im Spielertunnel des Heimstadions der Franzosen prangt seit geraumer Zeit die Inschrift "Ici c’est le chaudron!" (Dies hier ist der Hexenkessel).
Auch der in Saint-Etienne ausgebildete Torhüter Grégory Coupet verdankt einige seiner größten Erfolge mit Olympique Lyon einer Begebenheit in den Katakomben. Der zurzeit bei Paris Saint-Germain beschäftigte Schlussmann wurde 1997 von Lyon verpflichtet, um Pascal Olmeta zu ersetzen, der nach einer Schlägerei im Spielertunnel mit seinem Teamkollegen Jean-Luc Sassus entlassen wurde.
Wiedersehen nach dem Schlusspfiff
Heute verhalten sich die Spieler von Olympique Lyon im Spielertunnel eher solidarisch. Nach dem jüngsten Erfolg bei Real Madrid im Achtelfinale der UEFA Champions League ließen es sich die argentinischen Stürmer Lisandro López und César Delgado nicht nehmen, dem Madrilenen Sergio Ramos seine Äußerungen im Vorfeld der Partie vorzuhalten: "He du, hattest du nicht gesagt, ihr würdet mit 3:0 gewinnen?" Nach der knappen 0:1-Niederlage im Hinspiel in Lyon hatte der spanische Nationalverteidiger tatsächlich diese gewagte Prognose gemacht. Nach dem 1:1 im Bernabeu-Stadion und dem damit verbundenen Ausscheiden seiner Mannschaft musste er sich seine Worte mehrmals vorhalten lassen. Doch auch er hatte für seine Gegner eine Moral parat: "Man muss nicht nur verlieren, sondern auch gewinnen können."
Real-Legende Alfredo Di Stefano war zwar eher für seine Leistungen auf dem Spielfeld berühmt, er wusste aber durchaus auch im Kabinengang zu glänzen. Anlässlich des Rückspiels im Europapokal 1960 gegen OGC Nizza in Madrid äußerte sein Teamkollege Rial gegenüber Di Stefano seine Entschlossenheit, die 2:3-Hinspielniederlage in Frankreich mit einem Sieg vergessen zu lassen, und zwar mit einem "richtigen Sieg". Der blonde Pfeil antwortete ihm: "Zuerst wird gegessen. Erst danach denken wir an die Schokolade!" Real gewann 4:0, Hauptgang und Dessert inklusive.
Einige Jahre später wechselte Di Stefano zu Espanyol Barcelona, um seine Karriere ausklingen zu lassen. Auf dem Platz war er nicht mehr ganz so gefährlich wie einst, in den Katakomben machte er nach wie vor von sich reden. Als er in der Saison 1964/65 in der Partie gegen UD Levante des Feldes verwiesen wurde, verpasste er auf dem Weg zurück in die Kabinen dem technischen Sekretär von UD Levante, Ramón Balaguer, eine schallende Ohrfeige, die in den Gängen des einfachen Vallejo-Stadions widerhallte.
Gute Laune geht nach hinten los
Ein weiterer Argentinier in den Reihen von Espanyol, Torhüter Pablo Cavallero, hatte einen Freund, der ein großer Fan des Niederländers Patrick Kluivert war. Anlässlich des Stadtderbys gegen den FC Barcelona bat er den Niederländer deshalb bereits vor Beginn der Partie um sein Trikot und erinnerte ihn in jeder Spielpause daran. Nach dem Schlusspfiff rannte Cavallero dem niederländischen Stürmer in den Spielertunnel nach, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. "Ehrlich gesagt, war es mir schon etwas unangenehm, doch einmal mehr fragte ich ihn 'Patrick, Patrick! Dein Trikot!'", erinnerte sich der ehemalige Schlussmann von Espanyol. "Er gab es mir, doch als ich meines ausziehen wollte, um zu tauschen, sagte er 'Nein, nein, es ist in Ordnung. Behalte es.' Er kannte wahrscheinlich nicht einmal meinen Namen."
Der Vorgänger von Kluivert im Angriff des FC Barcelona, Romário, war der Protagonist einer weiteren Begebenheit, allerdings im eigenen Stadion. In der ersten Partie des Brasilianers in der spanischen Meisterschaft wollte ihm sein Torhüter Andoni Zubizarreta einige Tipps zum gegnerischen Torhüter geben. O Baixinho unterbrach Zubi und sagte zu ihm: "Moment. Ausgerechnet du willst mir beibringen, wie man Tore schießt?" Barça gewann 3:0, nach einem Dreierpack von Romário.
Doch die gute Laune und Entspanntheit der Brasilianer im Spielertunnel haben nicht immer denselben Effekt. Die brasilianische Nationalmannschaft der Frauen wird sicher noch lange Zeit bereuen, dass sie im Vorfeld des Finales der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2007 in Shanghai auf dem Weg zum Spielfeld ausgelassen tanzte und sang. Ihre Gegenspielerinnen aus Deutschland fassten dies als Provokation auf und zogen daraus zusätzliche Motivation, um sich am Ende mit 2:0 durchzusetzen.
In den Katakomben können so viele Dinge passieren, dass man sich gut überlegen sollte, zu welchem Zeitpunkt man sich dorthin begibt. Diese Erfahrung musste der ehemalige UEFA-Präsident Lennart Johansson machen, als er 1999 im Finale der UEFA Champions League in der 90. Minute seinen Sitzplatz auf der Tribüne verließ, um der Mannschaft von Bayern München, die zu diesem Zeitpunkt 1:0 gegen Manchester United führte, die Trophäe zu überreichen. Im Kabinengang traf er auf Bobby Charlton, Spielerlegende der Red Devils, und er richtete ein mitfühlendes "Tut mir Leid" an den Engländer. Als er aus dem Spielertunnel auf das Feld trat, führte Manchester United mit 2:1 und feierte ausgelassen seinen Triumph dank zweier Tore in der Nachspielzeit.
