Nach dem schweren Erdbeben, das vor einigen Tagen Chile erschütterte und in weiten Teilen des Landes für Zerstörungen und Tragödien sorgte, ruht nur in den Stadien der Ball. Ansonsten hat die Naturkatastrophe für eine beispiellose Welle der Unterstützung unter Spielern, Vereinen, Trainern und Funktionären gesorgt.

Die Einstellung des Spielbetriebs in der chilenischen Meisterschaft, die Absage der beiden Freundschaftsspiele zur Vorbereitung der Roja auf die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ gegen die DVR Korea und Costa Rica sowie schwere Schäden an einigen Stadien haben zwar das Geschehen auf dem Rasen zum Erliegen gebracht, jedoch nicht alle anderen Aktivitäten im Fussball des Landes.

Stimmen nach der Tragödie
Auch zahlreiche ausländische Spieler und Trainer, die im chilenischen Fussball tätig sind, wurden am frühen Morgen des 27. Februars durch das Erdbeben der Stärke 8,8 auf der Richter-Skala aus dem Schlaf gerissen.

Der Argentinier Antonio Pizzi, früher erfolgreicher Torjäger beim FC Barcelona sowie bei CD Teneriffa und heute Trainer von Santiago Morning, erlebte an diesem Samstagmorgen lange Minuten der Panik. "Ich schlief und plötzlich begann alles zu wackeln. Nach 20 Sekunden war es immer noch nicht vorbei, dann fiel das Licht aus und der ganze Lärm begann, als Gegenstände herunterfielen. Du gerätst in Panik und fragst Dich, was als nächstes kommt. Da es nicht aufhörte, habe ich mich in eine Ecke meines Schlafzimmers gekauert und gewartet", erklärte Pizzi, der auch für Spaniens Nationalmannschaft gespielt hat.

Noch schlimmer war das Erlebnis seines Landsmanns Rubén Darío Gigena, als Stürmer bei den Santiago Wanderers unter Vertrag. "Das Erdbeben riss mich aus dem Schlaf. Ich bin sofort in das Zimmer meiner Kinder gelaufen und habe sie in die Arme genommen. Da immer wieder Teile der Decke herabstürzten, beschloss ich, aus dem vierten Stock zu springen. Es war furchtbar."

Auf der anderen Seite des Gebirgszugs der Anden erfuhren verschiedene chilenische Spieler, die in Argentinien ihr Geld verdienen, breite Unterstützung durch Vereine, Mannschaftskameraden und Fans. Gedenkminuten für die Opfer und Gesänge zur Unterstützung der Spieler, wie das bekannte "¡Chileno, chileno!" erklangen von den Tribünen im La-Plata-Stadion und in der Bombonera, wo der Spieler Alvaro Ormeño von Gimnasia y Esgrima und Gary Medel, Mittelfeldspieler bei den Boca Juniors, vor ihren jeweiligen Spielen am Wochenende zu Tränen gerührt wurden.

"Bielsa, tun Sie es für uns!"
Die Spieler der chilenischen Nationalmannschaft, die am 16. Juni in Südafrika in Nelspruit ihr Auftaktspiel gegen Honduras bestreitet, werden sich doppelt motiviert fühlen. Die Situation erinnert an die Geschehnisse im September 1985, als ein Erdbeben der Stärke 8,1 auf der Richter-Skala die mexikanische Hauptstadt erschütterte, nur wenige Monate vor Beginn der WM in jenem Land.

Der Trainer Chiles, der Argentinier Marcelo Bielsa, reiste am Wochenende in die Küstenstadt Constitución, um deren Bewohnern, die neben dem Erdbeben auch noch die Auswirkungen eines Tsunami zu spüren bekommen hatten, Mut zuzusprechen. Auf seiner Runde durch die Stadt ließ er sich immer wieder mit Kindern fotografieren und führte Gespräche mit Anwohnern. Die Leute zeigten sich begeistert und zum Abschied hörte er oft ein "Bielsa, tun Sie es für uns!", das auch zeigt, wie groß die Erwartungen an die chilenische Nationalmannschaft vor dem Turnier in Afrika sind. Immerhin hatte die Auswahl des Landes hinter Brasilien den zweiten Platz in der Südamerika-Qualifikation belegt.

In Europa und auch bei anderen Vereinen im Ausland begannen chilenische Spieler, unverzüglich nach der Naturkatastrophe Kampagnen zur Hilfe für ihr Land ins Leben zu rufen. Luis Jiménez, Mittelfeldspieler beim FC Parma, wird zu diesem Zweck Trikots zahlreicher Stars des italienischen Fussballs versteigern lassen. Auch Torjäger Humberto Suazo von Saragossa, David Pizarro, Mittelfeldspieler in Rom, sowie Héctor Mancilla von Toluca in Mexiko haben Initiativen ins Leben gerufen.

In Chile beschloss die Vereinigung für den Profi-Fussball (ANFP), das Apertura-Turnier zunächst einmal auszusetzen. Es wird nun überlegt, eine Meisterschaft bis zum Jahresende mit Hin- und Rückrunde auszutragen. All das spielt im Augenblick jedoch für Vereine, Funktionäre, Spieler und Trainer keine Rolle, denn ihre Priorität liegt auf der Beseitigung der Schäden.

Organisiert von der Gewerkschaft der Berufsfussballer (Sifup) finden in diesen Tagen zahlreiche Aktivitäten und Spiele statt, um Gelder und Lebensmittel für die Bedürftigen zu sammeln. Universidad de Chile beispielsweise erlaubte es den Fans, im Tausch gegen Lebensmittel das Training ihrer Idole zu besuchen und dort Fotos zu machen. Der Verein Colo Colo wiederum sammelte fast 30 Tonnen Lebensmittel.

Der Fussball bewegt viel, ohne dass sich deswegen der Ball bewegen muss. Jenseits der Spielerwechsel, Ergebnisse, des Kampfes, der Dynamik und der Tricks zeigt er, wie viel Herz er besitzt. Es ist ein beeindruckendes Bild.