Ägyptens Nationaltrainer Hassan Shehata hätte allen Grund, im Vorfeld des Endspiels beim Afrikanischen Nationen-Pokal die Anerkennung zu genießen, die er sich nach der unglaublichen Erfolgsserie seiner Mannschaft bei diesem Turnier zweifelsohne verdient hat. Doch er geht dem medialen Rummel vor dem Finale gegen Ghana am Sonntag so weit wie möglich aus dem Weg - obgleich das Interesse an diesem Mann, der zum dritten Mal in Folge die Afrikameisterschaft gewinnen könnte, natürlich groß ist.
Vielleicht ist es Bescheidenheit, dass er sich seit der Ankunft in Angola kein einziges Mal öffentlich geäußert hat, vielleicht aber auch eine Gleichgültigkeit gegenüber den Medien, die er sich als Trainer der erfolgreichsten Fussballnation Afrikas angewöhnt hat - einer Nation, für die der Gewinn des siebten Meistertitel ist in Reichweite ist.
Jedenfalls bleibt Shehata auch in dieser Situation, wo nur noch die junge Mannschaft Ghanas zwischen ihm und einem historischen dritten Titelgewinn in Folge steht, eine recht undurchsichtige Figur. Bei den vergangenen zwei Turnieren und im laufenden Wettbewerb ist Ägypten ungeschlagen. Für ihn bedeutet das 17 Spiele ohne Niederlage in Folge, denn er übernahm das Ruder erst nach dem letzten Gruppenspiel der Turnierauflage von 2004, das die erste Partie der nun 18 Spiele währenden Erfolgsserie der ägyptischen Mannschaft war.
Guter Start
Der Erfolg Shehatas ist wohl das beste Argument für die Auffassung, dass mehr afrikanische Trainer die Chance bekommen sollten, sich auf höchster Ebene zu bewähren. Als Aktiver stand er drei Mal im Halbfinale um den Afrikanischen Nationen-Pokal (1974, 1978 und 1980), doch er hatte nie auch nur annähernd den Erfolg, den er nun von der Bank aus feiert.
Ursprünglich war Shehata im Oktober 2004 lediglich als Interimstrainer eingestellt worden, nachdem die Ägypter mit dem Italiener Marco Tardelli in der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ gescheitert waren. Während der Verband nach einem international profilierten Trainer suchte, der die Mannschaft auf den Afrikanischen Nationen-Pokal 2006 im eigenen Land vorbereiten sollte, fuhr Shehata in seinen ersten acht Spielen sieben Siege ein. Daraufhin beschloss man, ihn auf Dauer zu halten.
Er erledigte einen der schwersten Jobs im internationalen Fussballgeschäft mit großer Leichtigkeit. Doch bei dem Turnier auf heimischem Boden kam es zu einer Konfrontation mit Ahmed 'Mido' Hossam, die die Autorität des Trainers zu untergraben drohte. Shehata hatte den Starstürmer im Halbfinale gegen Senegal ausgewechselt. Der darüber sehr erzürnte Hossam stritt noch an der Seitenlinie wort- und gestenreich mit dem Trainer, doch der für ihn eingewechselte Amr Zaki erzielte schon wenige Minuten später den Siegtreffer für Ägypten. Damit hatte sich Shehatas Entscheidung als goldrichtig erwiesen. 'Mido' musste das Finale von der Tribüne aus verfolgen und sich öffentlich für sein Verhalten entschuldigen.
Seitdem ist Shehatas Stellung unumstritten. Allerdings trübt das Scheitern der goldenen Spielergeneration Ägyptens in der Qualifikation für die erste FIFA Fussball-WM auf afrikanischem Boden die Erfolgsbilanz sehr. Sollte Ägypten am Sonntag indes tatsächlich den dritten Kontinentalmeistertitel in Folge gewinnen, so wäre die 0:1-Niederlage gegen Algerien im Playoff-Spiel um die WM-Qualifikation vor gut 70 Tagen in Khartoum (Sudan) zunächst einmal aus dem Fussballgedächtnis der Nation getilgt.
Minutiöse Planung
Hinter seiner oft steinern wirkenden Miene ist Shehata nach den Worten von Starstürmer Mohamed Zidan durchaus eine humorvolle Persönlichkeit. In erster Linie ist er jedoch ein selbstbewusster und willensstarker Trainer, der die ägyptische Nationalmannschaft mit sicherer Hand leitet – eine Mannschaft, deren Geschicke von vielen Millionen fussballbegeisterten Ägyptern genauestens beobachtet werden. Stürmer Amr Zaki fasste es im vergangenen Jahr so zusammen: "Shehata schenkt uns die Siegermentalität. Selbst wenn wir auswärts bei einem sehr starken Gegner antreten, sind wir selbstbewusst genug, uns voll ins Geschehen zu stürzen."
In Angola hat Shehata seinen Schützlingen ein derart gesundes Selbstvertrauen eingeimpft, dass sie im Auftaktspiel gegen Nigeria gleich einen klaren 3:1-Erfolg einfuhren. Es folgten Siege gegen Mosambik, Benin, Kamerun und Algerien. Damit sind die Ägypter im Finale der klare Favorit gegen Ghana, das mit zahlreichen Ausfällen fertig werden muss.
Zwar fehlen auch Shehata bei diesem Turnier mit Zaki, Mohamed Aboutrika und Mohamed Shawky drei wichtige Kräfte, doch er hat weiterhin Stars wie Zidan, Hosni Abd-Rabou, Ahmed Hassan, Essam Al Hadari und Emad Moteab zur Verfügung. Shehatas Taktik erwies sich ein ums andere Mal als meisterhaft, ganz besonders sein goldenes Händchen bei den Einwechslungen. So ist Mohamed "Gedo" Nagui bisher jedes Mal nach seiner Einwechslung als Torschütze erfolgreich gewesen und liegt mit vier Treffern ganz vorn in der Liste der Torjäger.
"Wir haben unsere Spiele alle gewonnen, weil wir uns im Vorfeld die richtige Strategie überlegen", erläuterte Assistenztrainer Shawky Gharib, der Shehata auf den Pressekonferenzen vertritt, nach dem Sieg gegen Algerien. "Schon vor Beginn des Turniers haben wir Planungen angestellt, wie wir gegen die jeweiligen Gegner zum Erfolg kommen können."
Vor gut sechs Monaten besiegte Ägypten beim FIFA Konföderationen-Pokal Südafrika 2009 überraschend Weltmeister Italien und feierte damit einen unerwarteten Erfolg. Sollten Shehatas Schützlinge nun beim Versuch scheitern, ein Stück Fussballgeschichte zu schreiben, wäre dies ein ebenso unerwarteter Misserfolg. Gharib jedenfalls kündigte an, dass man die Black Stars keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen werde. Er sagte: "Ghana gehört zu den allerstärksten Mannschaften bei diesem Turnier. Wir sind voll und ganz darauf konzentriert, im Finale gegen dieses Team zu siegen."
