Das katastrophale Erdbeben, das Haiti verwüstete, hat das völlig verarmte karibische Land in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gerückt. Die weltweite Fussballfamilie hat der Tragödie und der vielen Opfer unter den Haitianern mit Schweigeminuten in den Fussballstadien von Buenos Aires bis Rio de Janeiro, von Madrid bis Moskau und auch beim Afrikanischen Nationen-Pokal in Angola gedacht. Die Leidenschaft für den Fussball ist in kaum einem Land der Welt größer als in Haiti. Zahlreiche Mitglieder der haitianischen Fussballfamilie sind unter den Todesopfern oder den obdachlos gewordenen Menschen in und um Port-au-Prince. Im Gedenken an all diese Opfer widmet FIFA.com Haiti eine Hommage mit Rückblicken auf die glorreiche Vergangenheit, die überaus schwere Gegenwart und die völlig ungewisse Zukunft.
Internationale Erfolge in den 70er Jahren
Die Goldene Generation Haitis verpasste die Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Mexiko 1970™ nur um Haaresbreite. Im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen El Salvador, das auf neutralem Boden in Jamaika ausgetragen wurde, platzte der Traum wegen einer denkbar knappen Niederlage nach Verlängerung. Haiti unternahm unter dem Duvalier-Regime jedoch auch weiterhin große Anstrengungen, internationale Anerkennung zu erlangen – und vier Jahre später gelang die Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ in der Bundesrepublik Deutschland. Die abschließende Runde der CONCACAF-Qualifikation fand damals in Haiti statt und die Gastgeber beendeten sie als Tabellenerster. Die Haitianer reisten mit einer jungen Mannschaft aus hoch talentierten Spielern an, die topfit und fest entschlossen waren, mit Schnelligkeit und Improvisationskunst für Furore zu sorgen. In Europa galt die Mannschaft trotz dieser Qualitäten allenfalls als sympathischer Außenseiter, dem niemand echte Chancen einräumte.
"Keine einzige Zeitung berichtete über unsere Ankunft in Deutschland", erinnert sich Emmanuel Manno Sanon, einer der Stars im Team, im Rückblick auf das Weltturnier, bei dem Haiti es mit Italien, Polen und Argentinien zu tun bekam. "Aber ich dachte mir: 'Wir sind nicht ohne Grund hier und wir müssen unsere Ehre verteidigen.' Ich wusste, dass ich bei einer Konterchance schneller sein würde, als die Italiener…"
Und genau so kam es dann auch. Kurz nach der Halbzeitpause stieß Manno plötzlich in den freien Raum vor und erlief einen Steilpass von Philippe Vorbe, der bis heute als bester Mittelfeldregisseur Haitis gilt. Sanon ließ den beeindruckenden italienischen Verteidiger Luciano Spinosi aussteigen, umspielte auch die Torhüterlegende Dino Zoff und schob den Ball dann zur völlig überraschenden Führung für Haiti ein. Mit diesem 1:0 hatte Italien erstmals seit fast vier Jahren wieder ein Gegentor kassiert und Zoff war erstmals seit 1.143 Minuten geschlagen. Grenzenloser Jubel brandete in der Heimat auf, wo sich die gesamte Nation um Radios und Fernsehgeräte herum versammelt hatte.
Danach allerdings fanden die hoch favorisierten Italiener ihren Rhythmus und siegten am Ende mit 3:1. Auch in den zwei verbleibenden Gruppenspielen kassierte Haiti klare Niederlagen. Bis heute allerdings gilt der Geniestreich von Sanon als einer der größten Momente in der Fussballgeschichte des Landes und als kleiner Sieg. "Ich weiß, dass es reichlich naiv klingt", so Herntz Phanord, ein Radiokommentator, der das Spiel damals in einem völlig überfüllten Theatersaal in Port-au-Prince verfolgte. "Trotzdem empfinde ich das Tor von Manno gegen Italien in gewisser Weise immer noch als Siegtreffer." Sanon spielte im weiteren Verlauf seiner Karriere noch in den USA und in Belgien und wurde zu Haitis Sportler des Jahrhunderts gewählt. Er verstarb 2008 im Alter von nur 56 Jahren. Sein Todestag wurde in Haiti zum nationalen Trauertag erklärt.
Straßenfussball
Die Mannschaft, die im Sommer 1974 nach Deutschland reiste, bestand aus jungen Akteuren, die das Fussballspielen mit zusammengeflickten Bällen in den staubigen Straßen von Port-au-Prince Carrefour, Delmas und Petionville erlernt hatten. Ganz ähnlich wie in Brasilien lebt und atmet der Fussball also auch hier in den Hinterhöfen und Seitenstraßen. 2004 trat die mit zahlreichen Topstars wie Ronaldo, Ronaldinho, Roberto Carlos und Kaká gespickte brasilianische Weltmeistermannschaft in Port-au-Prince zu einem Freundschaftsspiel gegen die haitianische Nationalmannschaft an, die angesichts der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Instabilität nie mehr an die Erfolge der 70er Jahre anknüpfen konnte. Einzige Ausnahme seitdem war der Gewinn des Karibik-Cups 2007. Bei dem damaligen Spiel unter dem Motto "Fussball für den Frieden" hatten die Fans den Stars aus Brasilien einen fantastischen Empfang bereitet und dann im Stade Sylvio Cator (das derzeit als Zufluchtsort für viele Obdachlose dient) jedes Tor beim 6:0-Sieg der Brasilianer gefeiert.
Falls es jemals Zweifel an der Fussballleidenschaft der Haitianer gegeben hatte, wurden sie an diesem Tag endgültig widerlegt. Die brasilianischen Stars waren jedenfalls tief bewegt angesichts des Spektakels, das auf den Tribünen und auf den Straßen veranstaltet wurde.
Verlorene Söhne
Die Strukturen des Profifussballs in Haiti haben unter den Zuständen der letzten Jahre sehr gelitten. Doch es gibt im Ausland einige Spieler mit haitianischen Wurzeln, die etwas Glanz auf das Land fallen lassen, beispielsweise den U.S.-Amerikaner Jozy Altidore und den Chilenen Jean Beausejur. Einigen wenigen gelang sogar der Sprung nach Europa. Von diesen Akteuren ist Wagneau Eloi, der für kurze Zeit auch Nationaltrainer war, wohl der bekannteste. Er spielte in den 90er Jahren sogar mit seinen Klubs RC Lens und AS Monaco in der UEFA Champions League. Von den derzeit aktiven Legionären aus Haiti ist Jean-Jacques Pierre wohl der stärkste. Nach Gastspielen in Argentinien und Uruguay wechselte er nach Frankreich zu Nantes und sorgt derzeit in der Ligue 2 für Furore. Nach dem Erdbeben am 12. Januar konnte er zunächst keinen Kontakt zu seiner Familie in der Heimat herstellen. Sein Klub stellte ihn daraufhin vorerst frei, damit er sich voll und ganz auf die Nachforschungen konzentrieren konnte, die glücklicherweise mit einer guten Nachricht für den Spieler endeten. Seine Mutter meldete sich telefonisch und bestätigte, dass sie unverletzt war. Das Haus jedoch ist eingestürzt.
Die Familie von Jean-Yves Labaze, der 2007 mit der U-17-Auswahl des Landes erstmals an einer Junioren-WM teilnahm, hatte nicht so viel Glück. Der Trainer kam bei dem Erdbeben ums Leben. Sein Leichnam wurde vor dem Gebäude des haitianischen Fusballverbandes gefunden, das an diesem schicksalhaften Tag ebenfalls einstürzte.
Die Welt sieht mit an, wie sehr die Menschen in Haiti leiden und tut viel, um dem Land zu helfen, sich von diesem jüngsten und schwersten Schlag zu erholen. Im Moment gibt es wichtigere Dinge als den Fussball. Doch wenn die Trümmerberge erst beiseite geräumt sind und Haiti wieder auf die Beine gekommen ist, werden auch wieder Fussbälle durch die Straßen rollen – wenn auch vielleicht geflickt und nicht ganz rund...

