Kurz nachdem Brasilien sich die Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft gesichert hatte, wurde Dunga gefragt, ob der Grundstock der Spieler, die er nach Südafrika mitnehmen möchte, bereits feststünde. Nach seiner Antwort besorgte sich eine Handvoll Spieler gleich einen gültigen Reisepass. "Es ist normal, dass diejenigen, die regelmäßig nominiert werden, den Vorzug erhalten. Sie haben schon einen großen Schritt getan. Wenn ich es in drei Jahren nicht geschafft hätte, einen Grundstock zusammenzustellen, dann wäre das ein Grund, mich zu entlassen", erklärte der Trainer.
Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass Dunga sein Vertrauen in die Akteure setzt, die bereits bei so erfolgreichen Turnieren wie der Copa América 2007, dem FIFA Konföderationen-Pokal 2009 und in der WM-Qualifikation dabei waren. Andererseits hielt er mit dem zweiten Teil seiner Antwort auch die WM-Hoffnungen zahlreicher Spieler am Leben, die von Dunga bisher noch nicht oder nicht ganz so oft nominiert wurden. "Wir werden alle bis zum letzten Tag beobachten", versprach er. "Die Seleção ist für jeden offen, und wir werden auch weiterhin Spieler testen."
Ein Beweis dafür, dass der Trainer es ernst meinte, folgte zwei Wochen später, als die Kaderliste für die Freundschaftsspiele gegen England (14.11. in Doha/Katar) und Oman (17.11. in Muscat/Oman) veröffentlicht wurde. Schließlich brachte Dunga auch sieben Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft und nach mehr als drei Jahren Aufbauarbeit, in denen mehr als 80 Spieler einberufen wurden, noch neue Namen ins Spiel.
Der Kader, der aufgrund der entscheidenden Phase der brasilianischen Meisterschaft nur Spieler umfasst, die in Europa unter Vertrag stehen, wies vier neue Namen auf: Hulk, Carlos Eduardo, Fábio Aurélio und Michel Bastos. Am Montag stieg die Anzahl der Neulinge dann sogar auf fünf, als der Mittelfeldspieler Fábio Simplício vom italienischen Klub US Palermo für den verletzungsbedingt ausscheidenden Ramires nachnominiert wurde.
Das Rennen um die Plätze im Kader für Südafrika ist also weiterhin offen, das wird hier ganz deutlich. Schließlich weiß Dunga aus eigener Erfahrung, dass es an Talenten nicht mangelt. "Wir wissen natürlich, dass hervorragende Spieler, die durchaus das Zeug hätten, dabei zu sein, außen vor bleiben werden. Das ist einfach unvermeidlich."
Wir möchten Ihnen die vier Neulinge in Dungas Kader etwas näher vorstellen, für die der WM-Traum nach der Nominierung etwas realer geworden ist.
Carlos Eduardo Marques
Alter: 22 (18. Juli 1987)
Verein: 1899 Hoffenheim (GER)
Position: Mittelfeld
Größte Konkurrenten: Alex (Spartak Moskau-RUS), Cleiton Xavier (Palmeiras-BRA), Diego (Juventus-ITA), Diego Souza (Palmeiras-BRA), Elano (Galatasaray-TUR), Júlio Baptista (AS Rom-ITA), Kaká (Real Madrid-ESP), Ramires (Benfica-POR), Ronaldinho (AC Mailand-ITA)
Zitat: "Bei Grêmio wurde ich auf der linken Seite als zweite Spitze eingesetzt, aber inzwischen kann ich auch im kreativen oder offensiven Mittelfeld spielen. Taktisch habe ich in Europa viel gelernt. Das war meiner Karriere sehr förderlich."
Der Name des von Grêmio Porto Alegre entdeckten Offensivspielers war tatsächlich eine Überraschung. Aber nach gründlicher Analyse erscheint es nur natürlich, dass er von Dunga ausgewählt wurde. Carlos Eduardo bestritt mit der brasilianischen Junioren-Auswahl bereits die FIFA U-20-Weltmeisterschaft 2007, hat in Europa einen Stammplatz bei einem aufstrebenden Verein (1899 Hoffenheim) und konnte taktische Erfahrungen sammeln, die einen Einsatz auf unterschiedlichen Positionen ermöglichen. Das könnte entscheidend sein, um sich unter den 23 Auserwählten durchzusetzen.
Fábio Aurélio Rodrigues
Alter: 30 (24. September 1979)
Verein: FC
Liverpool (ENG)
Position: Verteidiger
Größte Konkurrenten: André Santos (Fenerbahçe-TUR), Filipe Luís (Deportivo La Coruña-ESP), Kléber (Internacional-BRA), Marcelo (Real Madrid-ESP), Michel Bastos (Lyon-FRA)
Zitat: "Wenn Dunga schon so viele Spieler getestet hat, dann deutet dies darauf hin, dass die Entscheidung noch nicht gefallen ist. Ich weiß, dass diese Nominierung nur der erste Schritt ist. Ich möchte eine gute Vorstellung bieten, um meinen Weg fortsetzen zu können."
Die Fähigkeiten von Fábio Aurélio stehen außer Frage. Das größte Problem des Spielers im Kampf um die Nachfolge von Roberto Carlos war bisher die Physis. Diverse Verletzungen warfen ihn in Valencia und auch jetzt beim FC Liverpool immer wieder zurück und ließen seinen Namen fast schon in Vergessenheit geraten. Als er letzte Saison eine schöne Serie für die Reds hinlegte, erregte er Aufmerksamkeit und sicherte sich die Unterstützung der brasilianischen Medien. Jetzt kehrt er nach neun Jahren wieder in die Nationalelf zurück.
Givanildo Vieira de Souza "Hulk"
Alter: 23 (25. Juli 1986)
Verein: Porto (POR)
Position: Stürmer
Größte Konkurrenten: Adriano (Flamengo-BRA), Alexandre Pato (AC Mailand-ITA), Diego Tardelli (Atlético Mineiro-BRA), Grafite (VfL Wolfsburg-GER), Luís Fabiano (Sevilla-ESP), Nilmar (Villarreal-ESP), Robinho (Manchester City-ENG), Ronaldinho (Milan-ITA)
Zitat: "Ich werde versuchen, meine Chance zu nutzen. Wenn ich in diesen Spielen mit der Seleção eine gute Leistung bringe und bei Porto auch weiterhin gut spiele, bin ich sicher, dass ich bei der WM dabei sein kann."
In Brasilien reagierten viele mit einer ganz einfachen Frage auf die Nominierung von Hulk: "Wer?". Das liegt wohl vor allem daran, dass der Mann aus Paraiba im Laufe seiner Karriere kaum in seinem Heimatland aktiv war: Im Alter von 19 Jahren verließ er Vitória in Richtung Japan. Nachdem er dort bei drei Vereinen aktiv gewesen war, weckte er das Interesse des FC Porto. In Portugal erlangte der Angreifer bald Idolstatus. Das liegt nicht nur an seiner physischen Stärke, sondern auch an seiner Schnelligkeit und seiner Schussstärke mit links. Im Trikot der Seleção wird Hulk nun endlich Gelegenheit haben, sich der brasilianischen Öffentlichkeit zu präsentieren.
Michel Fernandes Bastos
Alter: 27 (2. August 1983)
Verein: Olympique Lyon
Position: Mittelfeld
Größte Konkurrenten:
André Santos (Fenerbahçe-TUR), Fábio Aurélio (Liverpool-ENG), Filipe Luís (Deportivo La Coruña-ESP), Kléber (Internacional-BRA), Marcelo (Real Madrid-ESP)
Zitat: "Ich bin erst ganz am Ende des Weges dazugekommen, aber wenn Dunga die Tür aufstößt, dann heißt das, dass noch Plätze zu vergeben sind. Ich bin als Außenspieler nach Frankreich gekommen, habe dann im kreativen Mittelfeld gespielt, aber auch im offensiven Mittelfeld und im Angriff. Ich kann mich schnell anpassen."
Michel Bastos absolvierte 2005 und 2006 zwei erfolgreiche Spielzeiten im brasilianischen Fussball, fand aber aufgrund des Überschusses an Talenten keine Berücksichtigung in der Seleção. Er wechselte 2006 nach Europa zu OSC Lille. Dort rückte er ins offensive Mittelfeld vor und kam gut zurecht: In der französischen Meisterschaft erzielte er in der Saison 2008/09 ganze 14 Treffer. Das reichte aus, um das Interesse des französischen Giganten Olympique Lyon zu wecken, wo er inzwischen zu einem integralen Bestandteil der Mannschaft gereift ist. Er ist einer dieser vielseitigen Akteure, die Dunga so gern einsetzt.
