Überzeugung, Gelassenheit und Selbstbewusstsein sind die wichtigsten Charaktereigenschaften, denen Diego Pablo Simeone seine erfolgreiche Karriere als Fussballer verdankt. Dass sich der Argentinier in dieser Hinsicht auch in seiner jetzigen Tätigkeit als Trainer treu geblieben ist, wurde an der Art und Weise deutlich, wie er die ihm gestellten Fragen der FIFA.com-User beantwortete. Und das, obwohl die aktive Zeit des inzwischen knapp 39-jährigen Ex-Nationalspielers und dreifachen WM-Teilnehmers bereits eine Ewigkeit zurückzuliegen scheint.
Seine Karriere hatte Simeone einst bei Vélez Sársfield begonnen. Danach war er schon bald nach Europa gewechselt, bevor er nach fast 20 Jahren in seine argentinische Heimat zurückkehrte, um noch einmal für Racing Club Avellaneda, den Verein seiner Jugend, aktiv zu werden. Ein Jahr darauf machte ihn sein Stammklub schließlich zum Trainer.
Nach einer Trainingseinheit mit dem Team von San Lorenzo, bei dem Simeone seit April dieses Jahres als Coach tätig ist, nahm sich El Cholo ein wenig Zeit, um die Fragen der User von FIFA.com zu beantworten.
Ahawachiw: Welches Gefühl hatten Sie, als Sie bei Ihrem Debüt als Profi zum ersten Mal in einem Erstligastadion aufliefen?
Ich spürte Emotionen und Anspannung zugleich. Auf jeden Fall war es ein riesiges Glücksgefühl. In dem Augenblick war es mir egal, ob ich vor zehn, 100 oder 1.000 Zuschauern spielen würde. Denn ich hatte nur ein Ziel vor Augen: Ich wollte die in mich gesetzten Erwartungen unbedingt erfüllen. Das war am 13. September 1987, wenn ich mich recht erinnere. Es war ein Punktspiel gegen Gimnasia y Esgrima La Plata, das wir mit 2:1 verloren haben. Aber mein Einstand war mir bestens gelungen.
Asikoja: Was war Ihre herausragende Stärke in Ihrer Spielerkarriere?
Die Konsequenz im Handeln. An mich selbst habe ich stets hohe Anforderungen gestellt. Ich habe mir bestimmte Ziele gesetzt und dann versucht, sie schnurstracks und kompromisslos umzusetzen. Zu meinen Eigenschaften zählte eine Tugend, die für einen Fussballer von enormer Bedeutung ist. Ich meine die Fähigkeit, seine eigenen Stärken und Schwächen zu kennen. Was die Schwachpunkte anbetrifft, so habe ich immer versucht, sie zu kaschieren. Beispielsweise habe ich versucht, nicht mit dem Rücken zum Ball zu stehen, weil schnelle Drehungen nicht mein Ding waren. Oder ich habe mir schon vor der Ballannahme überlegt, was ich anschließend damit machen wollte, um den Ball nicht mehr verlagern zu müssen. Meine Stärken als Fussballer waren Kampfgeist, kompromissloses Zweikampfverhalten, konsequente Manndeckung und überraschende Tore.
youssef: Wie sind Sie zu ihrem Spitznamen gekommen?
Bei den Boca Juniors gab es einen Simeone, dem seine Mitspieler den Spitznamen Cholo verpasst hatten. Der hatte aber nichts mit mir zu tun. Als ich noch klein war, hat mich ein Grundschullehrer - sein Name war Oscar Nesi - eines Tages so genannt. Dabei ist es dann geblieben.
Argentino: Einmal angenommen, Sie hätten nicht im Fussball Karriere gemacht, welche Laufbahn hätten Sie dann eingeschlagen?
Auf dem Gymnasium wurden wir einmal gefragt, welchen Beruf wir später ergreifen wollen. Einer wollte Rechtsanwalt werden, ein anderer Buchhalter und ein dritter Arzt... Ich sagte, dass ich Fussballer werden wolle. Da haben alle nur gelacht! (lacht selbst). Wenn es mit dem Fussball nicht geklappt hätte, wäre ich Fitnesstrainer geworden.
Mohaned: Welches war das schlimmste Erlebnis in Ihrer Spielerkarriere?
Als ich mir vor Korea/Japan 2002™ eine schwere Knieverletzung zuzog. Es war in einer Partie der UEFA Champions League mit Lazio Rom gegen eine niederländische Mannschaft. Ich war nach dem Ball gesprungen und als ich wieder Boden unter den Füßen hatte, konnte ich mich mit dem linken Bein nicht mehr abstützen. Plötzlich vernahm ich im rechten Knie ein lautes Knack! Da war mir sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Es war, als ob ich kein Knie mehr hätte. Der Heilungsprozess gestaltete sich äußerst schwierig. Zwei Monate konnte ich überhaupt nicht gehen und danach habe ich nur noch für mein Knie trainiert. Mit Erfolg, denn am Ende konnte ich doch noch an der WM teilnehmen.
SultanZidane: Ich war schon als Kind ein großer Fan der argentinischen Nationalmannschaft. Für mich war das Nationalteam von 1994 die beste Mannschaft seit Brasilien 1970. Wie würden Sie das Gefühl beschreiben, an der Seite von Maradona, Redondo, Caniggia und Batistuta gespielt zu haben?
Darauf bin ich einfach stolz. Die drei Nationalteams, denen ich angehörte, waren alle sehr gut besetzt. Dennoch hatte die Mannschaft von 1994 von den Namen her das größte Potenzial. Nach den beiden ersten Spielen wurden wir schon zu den großen Favoriten gezählt... Doch genau dieses Wort gefällt mir überhaupt nicht. Denn es gibt es eine Vielzahl von Situationen, die das jederzeit ändern können! Unser bestes Spiel war das gegen Rumänien, auch wenn weder Diego Maradona noch Caniggia mit von der Partie waren. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir dabei unzählige Torchancen herausgespielt aber nur zwei genutzt haben. Die Rumänen dagegen hatten nur drei, die sie allerdings auch verwertet haben. Damit waren wir aus dem Rennen.
syncmast0: Glauben sie, dass es in Argentinien jemals einen zweiten Maradona geben wird?
Ja, wir haben immer einen Spieler, der ziemlich nahe an ihn herankommt. Derzeit ist es Messi. Natürlich ist er kein Maradona - jeder hat seine charakteristischen Eigenschaften. Aber warten wir es ab. Messi ist noch jung und hat seine ganze Karriere noch vor sich.
Rafael16319: Welche der folgenden Situationen aus Ihrer Karriere war für Sie die dramatischere: das Tor von Dennis Bergkamp 1998 in Frankreich oder das Ausscheiden nach der Vorrunde 2002 in Korea/Japan?
Das Tor von Bergkamp. Wir befanden uns auf dem besten Weg zu einem großen Erfolg. Außerdem hatten wir einen Mann mehr auf dem Platz, und es hatte ganz den Anschein, als ob wir das Spiel für uns entscheiden würden. Bis zu jenem Knaller aus 50 Metern Entfernung, den Bergkamp unhaltbar im Netz versenkte. Dabei hatten die Niederländer erst ein paar Tage zuvor gegen Jugoslawien ein ganz ähnliches Gegentor hinnehmen müssen. Danach hatten wir uns beim Training noch gefragt, wie es überhaupt möglich ist, solch einen Treffer zu kassieren, wo doch eine ganze Abwehr dazwischen steht. Am Ende war der Frust bei uns ebenso groß wie die Erwartungshaltung, mit der wir in jene Partie gegangen waren.
Rafael16319: Was war das Schwierigste an Ihrer Rolle als Kapitän und Führungsspieler einer Nationalmannschaft, in der es vor lauter Stars wie Batistuta, Verón, Zanetti und Co. nur so wimmelte?
Das Treffen von Entscheidungen, denn das ist nie eine leichte Angelegenheit und immer auch mit Risiken verbunden. Doch an diese Rolle habe ich mich schon frühzeitig gewöhnt, so dass sie für mich nie eine Belastung war. Ich habe immer Klartext geredet und damit nie Probleme gehabt.
rodrigo02: Vor welchem Gegner hatten Sie den größten Respekt?
Weder vor einem Spieler noch vor einer bestimmten Mannschaft. Den größten Respekt hatte ich eigentlich vor mir selbst, weil ich wusste, dass ich nicht ich selbst sein würde, wenn ich mental nicht hundertprozentig für jedes Spiel gerüstet wäre.
Duncanc81: In einem früheren Interview haben Sie zugegeben, David Beckham 1998 in Frankreich provoziert zu haben, um zu erreichen, dass er vom Platz gestellt wird. Würden Sie in einer solchen Situation aus heutiger Sicht anders handeln?
Nein. Doch Vorsicht mit der Wertung, dass ich bei ihm etwas auslösen wollte, um den weiteren Spielverlauf zu beeinflussen. Ich wollte ihm lediglich zeigen, dass ich auch noch da war. Ziel dieser Aktion war also nicht sein Platzverweis.
dcg-imports: Glauben Sie, dass Argentinien 2010 in Südafrika präsent sein wird?
Ja. Nicht, weil eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ohne Argentinien gar nicht vorstellbar wäre, sondern weil unsere Nationalmannschaft derzeit über Topspieler und einen Trainer verfügt, der genau weiß, was es bedeutet, eine WM-Qualifikation zu spielen und einen WM-Titel zu gewinnen.
Pincharrata7: Inwiefern mussten Sie sich beim Übergang vom Spieler zum Trainer ändern bzw. anpassen?
Da kommt einiges zusammen. Der größte Einschnitt war der, dass ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr selbst gespielt und mir die Umkleidekabine mit meinen Mannschaftskameraden geteilt habe, sondern stattdessen die unterschiedlichsten Entscheidungen für die Mannschaft treffen musste. Das sind zwei grundverschiedene Dinge. Doch es bereitet mir auch viel Spaß. Es ist eine Aufgabe, die mich in Bewegung hält und mich zu ständiger Aufmerksamkeit zwingt.
wilduv: Wer von beiden wäre in Ihrer Mannschaft Stammspieler, Diego Simeone oder Javier Mascherano? Bitte sagen Sie auch, warum.
Mascherano. Weil er der bessere von uns beiden ist! Aber aufgepasst, im Gegensatz zu ihm war ich kein Mittelfeldspieler im klassischen Sinn, sondern eher ein Allrounder. Doch spielen würde ich in meiner Mannschaft immer, egal ob mit Mascherano oder Verón, das würde von der konkreten Partie abhängen! (lacht)
Sven 23: Welchen Titel hätten Sie in ihrer aktiven Laufbahn noch gerne gewonnen?
Natürlich den WM-Titel. Das war und bleibt für einen Fussballer immer eine Art offene Rechnung. Und als Trainer weiß man ja auch nie, was einem das Schicksal noch bringen kann.
Vengador07: Glauben Sie, dass Sie eines Tages die argentinische Nationalmannschaft trainieren werden?
Ich würde es mir leicht machen, wenn ich die Frage einfach mit 'Ja' beantworten würde. Aber ich weiß es wirklich nicht. Ich lebe und arbeite immer nur in der Gegenwart, und die liegt zurzeit in San Lorenzo. Wichtig ist vor allem, seine Sache gut zu machen, und zwar dort, wo man sich gerade befindet. Nur so gelangt man dahin, wo man einmal hin möchte.
FIFA.com: Welche Frage hat Ihnen am besten gefallen? Bitte begründen Sie Ihre Antwort.
Die zu den Tugenden und Stärken in meiner Karriere. Denn nur wer seine eigenen Stärken und Schwächen kennt, ist auch in der Lage, sich ständig weiterzuentwickeln. Dieser Herausforderung stelle ich mich jeden Tag aufs Neue.

