Einen Intellektuellen bringt man üblicherweise nicht unbedingt mit Shorts und Fussballschuhen in Verbindung. Wie Thierry Henry jedoch 2005 betonte, "muss man in jeder Sportart und vor allem im Fussball die nötige Intelligenz mitbringen."

Viele Persönlichkeiten aus der Welt des Fussballs belegen, dass Fussball und Wissen nicht unbedingt immer zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Akteure, wie der Kameruner Romarin Billong (Hochschulabschluss in Controlling) oder der Franzose Français Jean-Alain Boumsong (Universitätsabschluss in Mathematik) fanden trotz ihres zeitintensiven Fussballs die Zeit, die eine oder andere Vorlesung zu besuchen. Andere, wie der deutsche Trainer der griechischen Nationalmannschaft Otto Rehhagel oder der englische Schlussmann David James haben im Laufe der Jahre ein besonderes Interesse für Kunst bzw. Politik entwickelt. Sie alle gelten als die "Intellektuellen des Fussballs". FIFA.com hat dieses Phänomen einmal genauer unter die Lupe genommen.

Graue Zellen für das Weiße Ballett
Bei Real Madrid richten sich in dieser Saison sämtliche Blicke auf die neuen Galacticos. Der eigentliche Geniestreich des Präsidenten Florentino Perez bestand allerdings darin, zwei Fussballintellektuelle für das Weiße Ballett gewonnen zu haben: Manuel Pellegrini und Jorge Valdano - zwei Männer, denen große Intelligenz nachgesagt wird. Pellegrini, der oft nur als El Ingeniero bezeichnet wird, erwarb 1979 den Titel des Bauingenieurs an der katholischen Universität von Santiago de Chile.

Der ehemalige Trainer Villarreals dürfte seinem argentinischen Sportdirektor somit in nichts nachstehen. Der 'Fussballphilosoph' hat nicht nur zahlreiche Werke über das runde Leder verfasst, sondern allgemein einen ausgeprägten Hang zur Literatur entwickelt. "Ich lese halt viel", so der Weltmeister von 1986 über sich selbst. "Das kommt vielleicht daher, dass ich oft alleine war. Wenn man keinen Gesprächspartner hat, ist der beste Freund eben ein Buch."

In der Umkleide der Madrilenen hingegen lobt man den Feingeist Christoph Metzelders, der den Worten des Präsidenten zufolge "die Sprache von Cervantes besser spricht als viele gebürtige Spanier." Der deutsche Verteidiger wird sicherlich bereits einige anregende Unterhaltungen mit dem Neu-Madrilenen Esteban Granero geführt haben, der in der Psychologie bewandert ist. Ein weiterer "kluger Kopf" der Merengue war José Martinez Sanchez, genannt Pirri, der zwischen 1964 und 1980 zehn Meistertitel und drei Pokalsiege feierte und im Anschluss an seine aktive Laufbahn in den 80er Jahren als Arzt die medizinische Abteilung des Hauptstadtklubs verstärkte.

Vom Arzt zum Politiker
Pirri ist indes nicht der einzige ehemalige Akteur, der einen Bildungsweg im Bereich der Medizin einschlug. Carlos Bilardo, Trainer der argentinischen Auswahl von 1983 bis 1990 und Weltmeister von 1986, steht ihm in nichts nach. Neben seiner Karriere als Spieler widmete er sich noch eingehend dem Studium der Gynäkologie. Der Brasilianer Socrates ist sicherlich einer der größten Spielerpersönlichkeiten in der Geschichte des brasilianischen Fussballs. Davon zeugen alleine die 22 Tore in 60 Länderspielen mit der Seleção, deren Kapitän er war. Noch heute gilt er in Brasilien als einflussreiche Persönlichkeit. Socrates, der nach dem Ende seiner Karriere eine medizinische Laufbahn einschlug, spricht auch heute noch gerne über den Fussball und kommentiert öffentlich das politische Leben.

Zahlreiche Fussballer haben nach dem Ende ihrer Spielerkarriereende den Sprung in die Politik gewagt. So auch Paul Breitner. Der ehemalige Spieler des FC Bayern ist dafür bekannt, im Endspiel zweier Weltmeisterschaften (1974 und 1982) getroffen zu haben. Seine geradlinige und unverhohlene Art hat aber sicherlich ebenfalls zur Steigerung seines Bekanntheitsgrads beigetragen. Breitner, der Nonkonformist und Maoist, hat zweifelsohne im deutschen Fussball eine Sonderstellung inne, die er sicherlich auch seinen intellektuellen Fähigkeiten zu verdanken hat.

Auch George Weah hat nach einer ereignisreichen Karriere, Meistertiteln in Frankreich und Italien und dem Gewinn des Goldenen Balles 1995 den Sprung in die Politik gewagt. 2005 kandidierte er für das Präsidentenamt in Liberia, scheiterte aber letztendlich mit 40,4 Prozent der Stimmen. Pelé hingegen gewann drei WM-Titel (1958,1962 und 1970), war O Rei (der König) auf dem Platz, brachte es in der Politik aber von 1994 bis 1998 "nur" zum brasilianischen Sportminister, nachdem er zuvor 1992 als UNO-Umweltbotschafter aktiv war.

Fussball, Wirtschaft und mehr
Mehrheitlich entschieden sich ehemalige Akteure aber für die Wirtschaft. Nach seinem ersten Spiel in der ersten französischen Liga gestand Paul le Guen 1984: "Ich werde Wirtschaftswissenschaften studieren. Wenn ich weiterhin in der ersten Liga spiele, wird das aber keine einfache Sache werden. Da ich mich genauso für den Fussball, wie für das Studium begeistere, frage ich mich, ob der Schuss in naher Zukunft nicht nach hinten losgehen wird." Doch der Schuss ging keineswegs nach hinten los, im Gegenteil: le Guen schloss nicht nur sein Wirtschaftsstudium ab, sondern gewann nebenher 1996 auch noch den Pokal der Pokalsieger und wurde vier Mal französischer Meister.

Der ehemalige deutsche Auswahlspieler Oliver Bierhoff und der der französische Trainer Arsène Wenger haben ebenfalls ihren sportlichen Errungenschaften ein Diplom in Wirtschaftwissenschaften folgen lassen. Die Liste der Wirtschaftsfachleute im Fussball wäre aber nicht vollständig ohne Hassan Harmatallah. Der Franko-Marokkaner, der in den 70er Jahren beim RC Lens seine Brötchen verdiente und später bei TSC Casablanca und Wydad Casablanca spielen bzw. an der Seitenauslinie stehen sollte, hat einen beeindruckenden Lebenslauf vorzuweisen. Erwähnenswert ist insbesondere die Doktorwürde dritten Grades in Wirtschaftsanalytik und -politik und ein Hochschuldiplom in sozialen Entwicklungswissenschaften. Das war aber noch lange nicht alles!

Auf seine persönliche Art und Weise galt der Argentinier Juan Pablo Sorin, der am 28. Juli dieses Jahres seine Fussballschuhe an den Nagel hängte, ebenfalls als Intellektueller des runden Leders. Bei seiner ersten Nominierung für die argentinische Nationalmannschaft reiste Juanpi im Bus an, um, wie er später sagte, "sein Buch zu Ende lesen zu können." Ivan Hasek hingegen spricht tschechisch, slowakisch, deutsch, englisch, französisch, arabisch und japanisch. Nebenher hat er an der Prager Universität auch noch sein Rechtsstudium abgeschlossen und sein Diplom als Anwalt überreicht bekommen. Als Beleg, dass die Gehirnzellen nach wie vor hervorragend arbeiten, ist der Tscheche nicht nur Präsident des Fussballverbandes seines Heimatlandes, sondern bis zum Ende der WM-Qualifikation auch amtierender Trainer der tschechischen Nationalmannschaft.

Vom Rasen in den Vorlesungssaal
Der Schlussmann von Trinidad und Tobago, Shaka Hislop, hütete zwischen 1992 und 2007 das Tor und arbeitete im Anschluss sogar für die NASA! Der Franzose Jean-Luc Sassus in Chemie, der Spanier Ruben Bajara in Physiotherapie, sein Landsmann Juan Manuel Mata in Sportwissenschaften, der Deutsche Gernot Rohr in Sprachwissenschaften, der ehemalige Englischlehrer Gérard Houllier und der Isländer Gudni Bergson in Rechtswissenschaften sind nur einige Beispiele für Fussballer, die ihr Talent erfolgreich vom Rasen in die Vorlesungssäle übertrugen.

Man muss aber nicht unbedingt studiert haben, um im Fussball als "Intellektueller" durchzugehen. Vikash Dhorasoo weiß ein Lied davon zu singen. "Die Medien wollen einen immer in eine bestimmte Schublade stecken", so Dhorasso kürzlich gegenüber FIFA.com. "Man braucht den Komiker, die Stimmungskanone, den Schüchternen und den Intellektuellen. Ich war eben der Intellektuelle. Als Fussballer hat mir das nie geholfen, nach dem Ende meiner Karriere sah das allerdings anders aus. Mein Leben nach dem Fussball könnte ja schließlich länger sein, als meine aktive Phase!"