Die Vereinigten Staaten und Mexiko, die dominierenden Mannschaften in Nord-, Mittelamerika und der Karibik, werden sich diesen Sonntag zum 57. Mal in ihrer Geschichte gegenüber stehen. Der Anlass ist nichts Geringeres als das Finale des CONCACAF Gold Cups, ein Wettbewerb, dem in ihrer seit über sieben Jahrzehnten bestehenden Rivalität eine besondere Bedeutung zukommt. Die beiden Länder liegen mit jeweils vier Titeln bei diesem kontinentalen Kräftemessen gleichauf, der Gewinner der diesjährigen Auflage könnte sich somit zum alleinigen Rekordsieger aufschwingen.

Zurzeit spricht in diesem Klassiker alles für die U.S.-Boys, die erst kürzlich überraschend das Finale des FIFA Konföderationen-Pokals erreichten und damit die Fachwelt verblüfften. Seit der Jahrtausendwende haben die U.S.-Amerikaner zehn der vierzehn letzten Begegnungen mit ihren hitzigen Rivalen aus dem Süden für sich entscheiden können. In der Gesamtbilanz liegt Mexiko zwar mit 30 Siegen gegenüber den 16 Erfolgen der USA, bei zehn Unentschieden, weiterhin deutlich vorne. Doch die Zeiten, in denen der technisch hochklassige Fussballstil der Mexikaner dem ungeschliffenen Spiel ihrer nördlichen Nachbarn haushoch überlegen war, scheinen endgültig der Vergangenheit anzugehören.

Es ist immer auch eine Frage der Ehre, wenn man auf seine großen Rivalen trifft, und Mexiko ist einer unserer großen Rivalen.
Stuart Holden, Mittelfeldspieler USA

Dennoch sind die Duelle zwischen diesen zwei Nationen stets eine verbissene, mit leidenschaftlicher Intensität ausgefochtene Angelegenheit, die einer der weltweit traditionsreichsten Rivalitäten würdig ist. Das bisher letzte Aufeinandertreffen, an einem regnerischen Abend in Columbus, Ohio, fand im Rahmen der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft statt. Die USA setzten sich in einer intensiven Partie, in der Mexikos Kapitän Rafael Marquez des Platzes verwiesen wurde und ein Assistenztrainer der Azteken in der Hitze des Gefechts den U.S.-Veteranen Frankie Hejduk ohrfeigte, mit 2:0 durch.

Eine Frage der Ehre
"Das sind die Spiele, für die man lebt; es sind diese großen Partien, die ein Fussballer spielen will," sagte Mittelfeldakteur Stuart Holden vom MLS-Klub Houston Dynamo, einer der Leistungsträger dieser jungen und noch recht unerfahrenen U.S.-Mannschaft, die in erster Linie aus einheimischen Spielern und weniger bekannten Europa-Legionären besteht. "Es ist immer auch eine Frage der Ehre, wenn man auf seine großen Rivalen trifft, und Mexiko ist einer unserer großen Rivalen. Wir als Mannschaft haben das Gefühl, in diesem Turnier bereits einen langen Weg zurückgelegt zu haben, doch die Arbeit ist noch nicht zu Ende. Wir möchten unseren Job nun im Finale vollenden und mit einem großen Sieg krönen."

In diesem traditionsreichen Nachbarschaftsduell kann die Bedeutung des Faktors Heimvorteil nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ungeachtet der Erfolgssträhne der USA in jüngster Zeit ist es der Mannschaft aus den Vereinigten Staaten noch nie gelungen, in Mexiko Citys berüchtigtem Aztekenstadion zu gewinnen oder gar ein Unentschieden zu erkämpfen. Gleichzeitig hat Mexiko seit zehn Jahren nicht mehr auf nordamerikanischem Territorium siegen können - eine Serie von elf erfolglosen Spielen seit 1999. Obwohl die Mexikaner im Finale in New Jersey erneut mit der großen Unterstützung ihrer zahlreichen Landsleute - die höchstwahrscheinlich sogar in der Überzahl sein werden - rechnen kann, wird diese Statistik den Männern um Trainer Javier Aguirre sicherlich Kopfzerbrechen bereiten.

Auch die Bilanz der letzten CONCACAF Gold-Cup-Turniere dürfte der mexikanischen Auswahl zu denken geben. Die U.S.-Amerikaner haben sich in den letzten zwei kontinentalen Meisterschaften jeweils zum CONCACAF-Meister küren können. Im Finale der letzten Auflage in Chicago behielten sie eben gegen ihren heutigen Gegner Mexiko die Oberhand. Mexiko schlug die Amerikaner in den Endspielen der Turniere 1993 und 1998, doch in den letzten zehn Jahren hatten die Azteken stets das Nachsehen.

Zwei alte Rivalen im Duell
"Gegen die USA müssen wir die gleiche Einstellung zeigen wie bei unserem Sieg gegen Costa Rica [im Halbfinale nach Elfmeterschießen]", sagte Aguirre, der erst kürzlich nach einem Handgemenge mit einem Spieler Panamas in der Gruppenphase für drei Spiele gesperrt war. "Es ist der letzte Schritt bis zu unserem Ziel, Meister zu werden. Wir werden uns von unserer besten Seite zeigen und darauf konzentrieren müssen, unsere Chancen zu nutzen, denn viele Torgelegenheiten bekommt man nicht gegen die USA."

Beide Mannschaften verfügen über einige herausragende Akteure in ihren jeweils frisch umgekrempelten Kadern. Die Mexikaner können auf Gio dos Santos vom englishen Premier League-Klub Tottenham Hotspur, auf Carlos Vela, Torjäger Miguel Sabah und Memo Ochoa sowie auf ihren erfahrenen Kapitän Gerardo Torrado bauen. Die Nordamerikaner wiederum haben in Holden, ihrem altgedienten Kapitän Brian Ching, dem beeindruckenden Kyle Beckerman sowie ihrem gefährlichsten Torschützen Kenny Cooper ihre wichtigsten Stützen. U.S.-Trainer Bob Bradley hat außerdem noch ein weiteres Ass im Ärmel. Er kann aufgrund der kürzlichen Teilnahme seiner Mannschaft beim Konföderationen-Pokal in Südafrika mit der Erlaubnis der CONCACAF zusätzliche Spieler berufen, um seinen schrumpfenden Kader von gerade 18 verfügbaren Akteuren zu verstärken.

Doch Geschichte, Statistik und Theorien über den Heimvorteil sind exakt in jenem Moment nichts mehr wert, in dem der Ball zu rollen beginnt. Wenn am Sonntag in New Jersey der Anpfiff ertönt, ist nur noch eines sicher: es wird ein leidenschaftliches Duell zwischen zwei alten Rivalen sein.