Als der junge Charlie Davies zum FIFA Konföderationen-Pokal Südafrika 2009 anreiste, hoffte er darauf, Erfahrungen sammeln und möglicherweise einige Kurzeinsätze absolvieren zu können. Stattdessen bekam er im Schnelldurchlauf eine überaus intensive Einführung in den internationalen Fussball auf höchstem Niveau. Davies bestand seine Feuertaufe mit Bravour und war während des beeindruckenden Vorstoßes der USA in ihr erstes Finale bei einem globalen Fussballturnier der Männer einer der stärksten Akteure des Teams.
Nach dem völlig verpatzten Turnierauftakt mit einer klaren Niederlage gegen Italien und einer deftigen Klatsche gegen Brasilien musste Trainer Bob Bradley tief in die Trickkiste greifen. Ohne einen hohen Sieg gegen Ägypten in Rustenburg wäre alles aus gewesen, und so entschied sich der Trainer, wenn auch eher zögerlich, den 23-jährigen Davies ins Team zu nehmen. Die Qualitäten des in Schweden aktiven Stürmers wurden sofort offensichtlich: Schnelligkeit, Einsatz, Zweikampfstärke und ein kaum stillbarer Torhunger. "Er bringt viel Energie ins Spiel ein", so Bradley gegenüber FIFA.com. "Er gibt nie auf, selbst wenn alles verloren scheint."
Davies wurde schon früh von seinem aus Gambia stammenden Vater in Richtung Fussball gedrängt, der als Erster das natürliche Talent seines Sohnes erkannt hatte. Doch seine Zeit im Nachwuchsprogramm der USA verlief enttäuschend, und nachdem er drei Jahre für die Universität von Boston gespielt hatte, wechselte Davies nach Europa und landete nach einem unbefriedigenden Probetraining bei Ajax Amsterdam im schwedischen Hammarby. Nach diesem nicht eben perfekten Auftakt seiner Profikarriere hat sich Davies nun in Schweden eingelebt - und in seinen ersten zwei Spielzeiten 21 Tore erzielt.
Der kräftig gebaute, kompakte Mittelstürmer sorgte bei seinem ersten Einsatz von Anfang an für viel Unruhe in der ägyptischen Hintermannschaft. Nach dem von Davies mit konsequentem Einsatz erzielten Führungstreffer für die USA musste der ägyptische Torhüter Essam El Hadary mit fünf Stichen am Kopf genäht werden. Der überraschende 3:0-Sieg der USA gegen Ägypten und die gleichzeitige 0:3-Niederlage Italiens gegen Brasilien sorgten dafür, dass die Amerikaner doch noch ins Halbfinale einzogen, in dem sie auf Spanien trafen, den Weltranglistenersten, der seit 2006 nicht mehr verloren hatte.
Bradley schenkte Davies erneut von Anfang an das Vertrauen, und der Stürmer sorgte neuerlich mit seinem leidenschaftlichen Einsatz und seinem Durchsetzungsvermögen für viel Gefahr. Mit einem kühnen Fallrückzieher machte er bereits nach fünf Minuten seine Absichten klar. Spaniens Torhüter Iker Casillas musste sein ganzes Können aufbieten, um Schlimmeres zu verhindern. Zwar blieb Davies in diesem Spiel ohne Torerfolg, doch er sorgte immer wieder für viel Unruhe in der spanischen Verteidigung und trug damit zum größten Überraschungssieg der Amerikaner seit dem WM-Spiel gegen England 1950 im brasilianischen Belo Horizonte bei.
Davies, der beim olympischen Fussballturnier im vergangenen Jahr in Peking nur insgesamt 13 Minuten zum Einsatz gekommen war, stand auch beim Anpfiff des historischen Finales gegen Brasilien in Johannesburg wieder auf dem Platz. Er leitete den Konter ein, den Landon Donovan in der 27. Minute mit dem Treffer zur völlig überraschenden 2:0-Führung für die USA abschloss, mit der es auch in die Pause ging.
Doch am Ende sollte es nicht reichen. Der amerikanische Traum zerplatzte in der zweiten Halbzeit, da die Brasilianer sich nun wie ausgewechselt präsentierten und eine unwiderstehliche Aufholjagd starteten. Trotz der Niederlage im Endspiel sieht Davies, eine der großen Entdeckungen des Turniers, die gesamte Erfahrung als überaus positiv an. "Wir können sehr stolz auf unseren zweiten Platz in Südafrika sein", so Davies gegenüber FIFA.com. In der Heimat, die traditionell immer noch sehr wenig Interesse für Fussball zeigt, hätten die Menschen den Erfolg durchaus registriert. "Wir haben der ganzen Welt unser Potenzial demonstriert und unseren Fans gezeigt, was wir erreichen können."
Davies ist einer von nur vier Spielern aus dem Kader von Südafrika 2009, die nun auch in der Mannschaft beim laufenden CONCACAF Gold Cup stehen. Nach dem langen Rückflug aus Südafrika blieben ihm nur wenige Tage zur Akklimatisierung bis zum Beginn des alle zwei Jahre stattfindenden Kontinentalturniers. Doch vom Jetlag zeigte Davies schon keine Anzeichen mehr, als er beim 4:0-Sieg gegen Grenada in Seattle den Treffer zum Endstand markierte.
Mittlerweile hat Davies elf Länderspieleinsätze hinter sich, in denen er es auf drei Tore brachte. Damit dürfte der Spieler, den vor einem Monat noch kaum jemand kannte, sich auch in den Kandidatenkreis für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ gespielt haben. Diese Gelegenheit will der ambitionierte junge Akteur sich natürlich keinesfalls entgehen lassen. "Die Erfahrung beim FIFA Konföderationen-Pokal Südafrika 2009 hat mich schnell reifen lassen", sagte er einen Tag vor dem zweiten CONCACAF Gold-Cup-Spiel gegen Honduras. "Wir freuen uns bereits jetzt auf 2010. Wenn wir dort erneut unser Potenzial abrufen können, werden wir eine sehr gefährliche Mannschaft sein!"
