Es gibt Momente, in denen selbst Wunderkinder merken, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Für Spielmacher-Juwel Marko Marin kam diese bittere Lehre in Schweden. Mit der Erwartung angereist, zum großen Star des Turniers zu avancieren, musste der 20-Jährige bei der kürzlich zu Ende gegangenen UEFA U-21-Europameisterschaft mit ansehen, wie ihm der gerade einmal fünf Monate ältere Mesut Özil die Show stahl und Deutschland zum Titel führte.
Währenddessen saß ein gewisser Toni Kroos vermutlich zuhause vor dem Fernseher, um das erfolgreiche Treiben seiner fussballerischen Artgenossen mit einem Anflug von Melancholie zu verfolgen. Nur zu gerne erinnert sich der 19-Jährige schließlich daran, wie er bei der FIFA U-17-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Korea die Fäden des deutschen Mittelfeldes zog, um am Ende mit dem Goldenen Ball von adidas als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet zu werden.
Drei Individualisten und ein gemeinsames Ziel
Dieses durchaus abstrakte Bild stellt nicht nur eine Situation dar, die in so typischer Weise zeigt, dass im Sport niemals alle glücklich sein können. Sie spiegelt auch wider, dass sich Deutschland in einer geradezu historischen Situation befindet. In die Elite des weltweiten Juniorenfussballs aufgerückt, kann man mit Stolz behaupten, die Qual der Wahl zu haben. Der Fünftplatzierte der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste muss sich nämlich auf der Position des dribbel- und spielstarken Offensivtechnikers für die Zukunft keine Sorgen machen. Mit Özil, Marin und Kroos stehen gleich drei hoffnungsvolle Kreativspieler in den Startlöchern.
Sie sind die drei etwas anderen Talente. Während sich Deutschland in der Vergangenheit darüber freuen durfte, pro Generation allenfalls einen offensiven Mittelfeldspieler der Marke Extraklasse präsentieren zu können, ist der dreifache Weltmeister plötzlich mit einer Art künstlerischem Überschuss versehen. Am 19. September steht das Juwelen-Trio sogar gemeinsam auf dem Platz: In der Bundesliga trifft dann nämlich der Klub von Özil und Marin, Werder Bremen, auf Kroos' Bayer Leverkusen. Wenn es nach den Träumen der drei Überflieger ginge, würden sie am liebsten ab dem 11. Juni des kommenden Jahres sogar das gleiche Trikot tragen: das deutsche Nationaljersey bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™.
"Wir stehen ganz am Anfang einer Entwicklung"
Bis dahin, und da sind sich die drei Jungstars einig, ist es jedoch noch ein weiter Weg. Der größte gemeinsame Nenner, den sie momentan haben, scheint die Tatsache zu sein, dass sie jeweils die Saison der Wahrheit zu bewältigen haben.
"Ich muss mit aller Deutlichkeit sagen: Wir stehen ganz am Anfang einer Entwicklung. Wer jetzt denkt, wir seien bereits am Ende angekommen, hat nichts begriffen", sagte Matthias Sammer kürzlich im Interview mit dem "kicker". Der Sportdirektor des Deutschen Fussball-Bundes (DFB), der als Antriebsfeder in der Talentförderung seines Heimatlandes gilt, wollte mit diesen Sätzen zwar all jene Talente warnen, die nach dem europäischen Triple auf U-17-, U-19- und U-21-Level nun schon satt seien, hätte diese Formulierung aber durchaus auch direkt an Özil, Marin und Kroos adressieren können.
In den Klubs auf dem Prüfstand
Özil scheint am weitesten zu sein. Der in Gelsenkirchen geborene Filigrantechniker türkischer Herkunft schaffte den Sprung in den Profi-Fussball vor der Haustür beim FC Schalke 04, ehe er vor 18 Monaten zu Werder Bremen wechselte. Dort entwickelte sich der Rohdiamant zum Stammspieler und soll nun den brasilianischen Spielmacher Diego vergessen machen.
Weil sich diese Herausforderung für einen jungen Mann als durchaus große Aufgabe darstellt, hat Werder mit Marin in diesem Sommer gleich noch einen zweiten Anwärter auf diese Position geholt. Der kleine Zauberzwerg, der bei Eintracht Frankfurt das Fussball-ABC lernte und auch für bosnische Auswahlteams hätte auflaufen können, schaffte seinen Durchbruch bei Borussia Mönchengladbach und hofft nun, mit Özil ein explosives Kreativduo im sonst so kühlen Norddeutschland zu bilden. Da beide Talente, die jeweils schon Berücksichtigung im Kader von Bundestrainer Joachim Löw fanden, mit Vorliebe über die Außen nach vorne preschen, könnte dieses Modell Zukunft haben.
Auf Kroos lastet vielleicht der größte Druck. Der Greifswalder wechselte bereits im Alter von 16 Jahren ins Jugendinternat von Bayern München und bekam laut Manager Uli Hoeneß gar die Rückennummer 10 reserviert. Nachdem sich der eher zentral ausgerichtete Spielmacher-Typ unter Coach Jürgen Klinsmann nicht durchsetzen konnte, wurde er vor sechs Monaten nach Leverkusen ausgeliehen. Und weil dort Deutschlands letzter großer Mittelfeld-Techniker Bernd Schneider gerade kürzlich sein Karriere-Ende bekannt gab, hat Kroos nun eine Saison lang Zeit, zu beweisen, dass ihm die 10 wie auf den Leib "geschneidert" ist.
Zwischen Euphorie und Zurückhaltung
"Wenn alles optimal läuft, bin ich davon überzeugt, dass ich ihre Leistungsstärke irgendwann erreichen kann", sagte Kroos im "Bild"-Interview auf die Frage, wann er fussballerisch auf Augenhöhe mit Michael Ballack und Lionel Messi sein werde. Dies ist allerdings schon fast ein Jahr her, und mittlerweile weiß eben auch Kroos, dass zwischen den Bäumen und dem Himmel gewaltige Entfernungen liegen. Marin klang da kürzlich im Exklusiv-Interview mit FIFA.com deutlich bescheidener: "Die WM 2010 wäre sicherlich ein Traum. Dann wäre ich 21, und wenn ich noch genug Erfahrungen sammeln kann, ist es ein Ziel, dort mitzuspielen und ein Teil der Mannschaft zu sein."
Durchaus möglich, dass man zumindest das Potenzial von Marin und Kroos schon etwas früher auf einer Weltbühne bestaunen darf. Beide könnten nämlich zum Aufgebot der deutschen Europameister bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft 2009 in Ägypten gehören. Auch im Land der Weisheit sollten die neuen Gipfelstürmer des deutschen Fussballs aber immer daran denken: "Die Zukunft gehört der Jugend - sobald diese alt ist!"

