Seit der Zeit, in der er als Dina bekannt war und als Stürmer bei den Fussball-Amateuren von Campo Limpo Paulista in der Metropolregion von São Paulo Erfolge feierte, war sich Edinaldo Batista Libânio seines Potenzials immer bewusst. Aber seitdem ist ihm auch bewusst geworden, dass es nicht einfach ist, nach ganz oben zu kommen. Er musste sich zunächst in diversen brasilianischen Vereinen durchsetzen, bevor er die Gelegenheit bekam, in der ersten Liga zu glänzen, damals schon unter dem Künstlernamen Grafite. In der brasilianischen Meisterschaft wurde er 2003 in Diensten von Goiás EC in die Elf der Saison gewählt. 2005 stand er beim FC São Paulo unter Vertrag und wurde zum ersten Mal für die Nationalmannschaft nominiert. Dann gab es allerdings einen Rückschlag:
Eine Verletzung am rechten Knie machte eine Operation erforderlich und bremste zunächst seinen Aufstieg. Später wechselte Grafite nach Europa zum französischen Klub Le Mans und wurde im Sommer 2007 schließlich vom VfL Wolfsburg unter Vertrag genommen. 2008/09 wurde der Klub zum ersten Mal deutscher Meister, was man vor allem den 28 Treffern des besten Torschützen zu verdanken hatte. Im Alter von 30 Jahren hat sich der Brasilianer in Europa durchgesetzt und genießt mehr Respekt als je zuvor. Er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Allerdings betrachtet er seine Situation nicht als perfekt, denn ein Ziel hat er noch: Er möchte in die Seleção zurückkehren.
Grafite unterhielt sich mit FIFA.com über seine beeindruckenden gegenwärtigen Erfolge und seine Zukunftspläne.
Grafite, was waren die entscheidenden Gründe dafür, dass Sie sich so schnell beim VfL Wolfsburg eingewöhnen konnten?
Es war einfach alles ideal, besser, als ich gedacht hätte: als ob alle, die neu in den Klub gekommen sind, genau ihren Weg gefunden hätten. Bei Wolfsburg hatte man sich vorgenommen, nach ganz oben zu kommen, allerdings war das nicht so schnell geplant. In meinem Fall hat die Erfahrung, glaube ich, viel geholfen: Ich bin 30 und schon seit drei Spielzeiten in Europa. Da kamen einfach ideale Umstände zusammen.
Wie wichtig war Ihre Erfahrung in Frankreich für die schnelle Eingewöhnung in Deutschland?
Sehr wichtig. Wenn ein Spieler aus Brasilien nach Europa wechselt, dann muss er alles noch einmal beweisen, auch wenn er in seinem Heimatland schon ein großer Star war. Ich muss zugeben, dass ich in den ersten Monaten darüber nachgedacht habe, nach Brasilien zurückzukehren. Aber ich verdanke Le Mans viel: Ich glaube, wir haben uns gegenseitig geholfen.
Außer Ihnen ist noch ein weiterer Brasilianer bei Wolfsburg: Mannschaftskapitän Josué. Bei Werder Bremen spielten Diego und Naldo eine Schlüsselrolle, dasselbe gilt für Zé Roberto und Lucio bei Bayern München sowie für Carlos Eduardo bei 1899 Hoffenheim. Gute Zeiten für die Brasilianer in Deutschland?
Seit einigen Jahren werden brasilianische Spieler von den deutschen Vereinen sehr geschätzt. Das verdanken wir dem Erfolg von Spielern wie Giovane Elber, Lúcio und Zé Roberto, die hier im Profibereich etwas aufgebaut haben. Für europäische Mannschaften ist oftmals das Verhalten der brasilianischen Spieler außerhalb des Spielfeldes ein Problem, aber ich glaube, wir sind hier ein gutes Vorbild. In meinem Fall sagen die Verantwortlichen des Vereins sogar manchmal: "Aber Grafite, du bist ja schon ein halber Deutscher. Immer pünktlich und korrekt" (lacht). So muss es immer sein, denn das wir Talent haben, wissen wir ja alle.
Kann man die jetzige Situation mit dem Jahr 2005 vergleichen, als Sie Ihre beste Saison mit dem FC São Paulo bestritten?
Das ist schwer zu sagen. Das war auch ein ganz besonderes Jahr, in dem ich zum ersten Mal in die Seleção berufen wurde. Vielleicht ist die jetzige Phase noch bedeutender, weil ich selbst auf dem Platz gestanden habe, als wir Meister geworden sind. 2005 hatte ich die Operation am Knie und habe am Ende nur beim Titelgewinn in der Copa Libertadores und bei der Klub-Weltmeisterschaft mitgewirkt.
Glauben Sie, dass diese Verletzung zunächst eine erfolgreiche Karriere in der Nationalmannschaft verhindert hat?
Ja, das glaube ich schon. Ich denke, dass ich durchaus stark genug war, um mir einen Platz im Kader für die Weltmeisterschaft 2006 zu erkämpfen. Aber so ist das nun einmal im Fussball: Mit Verletzungen müssen wir alle leben.
Hoffen Sie noch immer auf einen Platz in der Seleção?
Na ja, bis vor einigen Tagen, als Dunga den Kader für den Konföderationen-Pokal bekannt gab, hatte ich noch Hoffnung (lacht). Ich gebe zu, dass ich damit gerechnet hatte, nominiert zu werden, und dass es mich schon traurig gestimmt hat, dass mein Name nicht dabei war. Ich weiß, ich hätte dabei sein können. Aber an seiner Auswahl gibt es nichts auszusetzen. Die vier Stürmer, die berufen wurden, sind hervorragende Spieler.
Brasilien hat nicht besonders viele Stürmer, die physisch so stark sind wie Sie. Ist das ein Punkt, der für Sie spricht?
Ich denke schon. Von denen in der aktuellen Auswahl ist Luis Fabiano der einzige, der im Strafraum eine etwas stationärere Rolle spielt und sich eher über die Kraft durchsetzt. Aber wie dem auch sei, ich muss einfach meine Arbeit gut machen und Dunga die Entscheidung überlassen.
Sie haben heute eine ganz andere Spielweise als 2003 bei Goiás EC oder 2005 beim FC São Paulo. Damals waren Sie kein wirklicher Torjäger, sondern haben eher die Vorarbeit geleistet.
Ja, das stimmt. Ich habe in meiner gesamten Laufbahn noch nie so viele Tore geschossen. Das hat etwas mit der Zusammensetzung der Mannschaft zu tun und mit dem Sturmpartner. Beim FC São Paulo war Luís Fabiano der Strafraumspezialist. 2003 bei Goiás war Dimba, der beste Torschütze des Brasileirão, ebenfalls die typische Nummer neun. Edin Dzeko ist hingegen ein sehr beweglicher Spieler, genau wie ich. Daher haben wir die Funktion des Torjägers gut unter uns aufgeteilt.
War das die beste Sturmpartnerschaft, die Sie je hatten?
Ich hatte schon spektakuläre Sturmpartner wie Luís Fabiano, Amoroso und Túlio Maravilha. Aber ich glaube, die Zahlen sprechen für sich. Wir sind das produktivste Sturmduo in der Geschichte der Bundesliga geworden, besser als Uli Hoeneß und Gerd Müller. Das ist nicht gerade wenig. Dzeko erinnert mich sehr an mich selbst, als ich jünger war. Er hat diesen starken Willen, um jeden Ball zu kämpfen. Das gefällt mir.
War der Titelgewinn in Europa das, was Ihnen noch gefehlt hat, um Ihre Karriere zu einem perfekten Abschluss zu bringen? Oder gibt es noch etwas, das Sie unbedingt erreichen möchten?
Natürlich war es sehr wichtig für mich, in Europa einen Triumph zu feiern, aber es gibt schon noch etwas, das ich gern erreichen würde: einen Titel mit der Seleção. Ich glaube, das ist das Einzige, was noch fehlt, damit ich eines Tages rückblickend sagen kann, dass ich alles erreicht habe, was möglich war. Um diese Chance werde ich weiterhin kämpfen.
Vielleicht klappt es ja bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010?
(lacht) Hoffentlich! Eines steht fest: Wenn ich nicht als Spieler daran teilnehme, dann werde ich meinen Urlaub dort verbringen. Es gibt nichts Besseres als eine Weltmeisterschaft.
