"Hallo, ich bin der Oliver Kahn." Mit diesen Worten begrüßte der dreimalige Welttorhüter des Jahres FIFA.com zum exklusiven Interview-Termin in München. Der Titan nahm sich ausgiebig Zeit, die Fragen der FIFA.com-User zu beantworten und blickte noch einmal auf seine Karriere zurück. Er gab Einblicke in seine Gefühlswelt und verriet unter anderem, warum er Torhüter geworden ist.
podeston: Vermissen Sie Ihr Leben als Fussballspieler?
Im Grundsatz nicht. Nach 20 Jahren intensiven Auslebens dieses Berufes ist man irgendwann auch froh, wenn man sich den Tag selbst einteilen kann bzw. andere Aufgaben hat. Was mir fehlt ist natürlich die Mannschaft, der Flachs, die Power, die Energie, zusammen ein Ziel zu erreichen, und natürlich das Adrenalin vor dem Spiel.
FRAGAR12: Wie ist Ihr Leben derzeit außerhalb des Platzes?
Zum einen bin ich bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft als TV-Kommentator im Einsatz. Außerdem ist da das "Ich schaffs"-Projekt, das mit dem Deutschen Kinderschutzbund realisiert wird - es geht dabei um die Motivation von Kindern und Jugendlichen, was mir ein großes Anliegen ist. Für das Projekt besuche ich viele Schulen und spreche mit den Kindern und Jugendlichen über Themen wie Ziele, Erfolg und Motivation. Darüber hinaus gibt es weitere karitative Initiativen, für die ich mich engagiere und dann natürlich, ganz aktuell, das große Projekt, was ich derzeit in Asien realisiere. Es ist eine TV-Show und heißt "The Kahn Principle: I never give up". Sie startet demnächst in China nach dem Prinzip einer Castingshow und hat zum Ziel, aus vielen Bewerbern das größte Torwarttalent heraus zu suchen.
velez2007: Warum sind Sie Torhüter geworden?
Da gibt es eine schöne Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle: Damals in der E-Jugend, mit sechs Jahren, hat mir mein Großvater eine komplette Torwart-Uniform von Sepp Maier geschenkt. Und ich konnte meinen Großvater natürlich nicht enttäuschen, deswegen habe ich die einfach angezogen und mich ins Tor gestellt. Das hat mir damals einfach so viel Spaß gemacht, dass ich im Tor geblieben bin.
redouane993: Wer war Ihr Vorbild/Idol, als Sie noch jünger waren?
Von Sepp Maier habe ich natürlich nicht viel mitbekommen. Beim Weltmeistertitel 1974 war ich ja erst fünf Jahre alt. Erst mit Toni Schumacher kam die Zeit, in der ich das aktiv mitverfolgt habe.
Santafe1941: Was war das Erfolgsgeheimnis ihrer Karriere?
Bei mir war die Disziplin immer ein ganz wichtiger Charakterzug. Die Disziplin, beim Training Vollgas zu geben und Ziele so lange weiterzuverfolgen, bis ich das ein oder andere erreicht habe. Vor allem aber hatte ich totale Leidenschaft für etwas gefunden, und das war der Fussball. Wenn das alles zusammenkommt, also Spaß, Leidenschaft, Begeisterungsfähigkeit und die nötige Disziplin, dann ist viel möglich.
Clemens7: Wie ist das Gefühl, deutscher Meister zu werden? Woran denkt man da?
Da denkt man gar nicht mehr, man genießt nur noch. Man genießt die Zuschauer, die Freude, den Jubel, und man hat die Zufriedenheit, dass sich das, was man sich ein Jahr erarbeitet hat, nach 34 langen Spieltagen gelohnt hat. Diese Zufriedenheit, dieses Glück spürt man in diesem Moment. Das ist einfach immer etwas Schönes und hat etwas Befriedigendes.
Giggino: Wie ist es möglich, sich dauerhaft für den Fussball zu motivieren, ohne die Lust zu verlieren?
Die Grundlage ist immer die Leidenschaft und die Begeisterung für eine Sache, und natürlich lässt diese auch mal nach. Auch bei mir gab es Momente, in denen ich das einfach hinschmeißen wollte. Allerdings ist es immer möglich, sich neue Ziele zu setzen, immer wieder neue Dinge, die man für sich selber erreichen möchte. Man kann die Ziele verändern. Immer wieder dieses Erfolgserlebnis zu spüren, immer wieder erfahren, dass man durch harte Arbeit etwas erreicht hat, das ist letztlich etwas sehr Schönes und Motivierendes.
Laborare: Wie würden Sie sich selber mit wenigen Worten definieren?
Emotion und Leidenschaft.
tanchi: Gefällt Ihnen der Spitzname Titan?
Man braucht eine gewisse Distanz dazu. Die Medien brauchen solche Begriffe, um Menschen identifizieren zu können. Der Titan war halt Oliver Kahn. Ich kenne noch einen Pop-Titan, das ist dann der Dieter Bohlen. Ich bin weder Titan noch sonstwer. Ich bin ein ganz normaler Mensch.
juninho13: Was war ein Moment Ihrer Karriere, den Sie nie vergessen werden?
Große Momente waren sicherlich das verlorene UEFA Champions League-Finale 1999, genauso das krasse Gegenteil 2001, als wir die Königsklasse gewonnen haben. Dann die Meisterschaft 2001, als uns Patrick Andersson mit dem letzten Schuss aufs Tor zum Deutschen Meister machte. Die WM 2002 im Finale gegen Brasilien und die WM 2006 im eigenen Land.
Kareemismael: Können Sie sich an eine Parade erinnern?
Das war im Spiel gegen Glasgow, ein ganz normales UEFA Champions League-Gruppenspiel. Da legt einer den Ball von der Grundlinie, so am 5-Meter-Raum, zurück, und einer von Glasgow zieht mit den linken Fuß aus acht Metern mit über 120 Stundenkilometern voll ab, und mit einem schon beinahe unfassbaren Reflex bekomme ich die rechte Hand noch an den Ball, und von meinen Fingern klatscht der Ball dann an die Latte. Das war die unfassbarste Parade meiner ganzen Karriere.
Bata.dadja: Hatten Sie einmal "Angst" vor einen Stürmer?
Angst nie, aber Respekt vor dem ein anderen hatte ich schon. Stürmer wie Filippo Inzaghi oder auch Roy Makaay, der zum Glück später bei uns spielte, die immer gegen mich getroffen haben. Es waren nicht unbedingt die Besten, aber sie haben immer getroffen, wenn sie gegen uns gespielt haben. Das ist ein blödes Gefühl, wenn man in ein Spiel geht und weiß, dass da einer ist, der immer gegen einen getroffen hat.
Enrikdeutchs: Sie haben in Ihrer Karriere für zwei Teams gespielt (Karlsruher SC, FC Bayern München). Wollten Sie nie bei einem anderen großen Klub in einem anderen Land spielen?
Es gab eine Phase, 2003/2004, in der ich gerne den Klub nochmal gewechselt hätte. Es gab auch Angebote, unter anderem von Manchester United und dem FC Barcelona. Allerdings ist es dann nie dazu gekommen, weil mir Bayern einfach alles geboten hat, nämlich Titel national und international zu gewinnen. Auch war es mir wichtig, eine Ära zu prägen. Ich bin nicht der Typ, der in 20 Vereinen gewesen ist und am Ende kann sich niemand mit dir identifizieren. Am Ende meiner Karriere stand ich eindeutig für den FC Bayern. Das ist etwas Tolles und Großartiges.
Prinz05: Ganz Deutschland war traurig, nachdem Sie in Ihrem Abschiedsspiel ausgewechselt wurden. Haben sie realisiert, dass selbst Fans, Spieler und Verantwortliche Tränen in den Augen hatten bzw. geweint haben, als sie dann wirklich zum letzen Mal den Platz verlassen haben? Hätten sie das erwartet?
Mir war schon bewusst, dass es für alle sehr emotional werden könnte. Zwischen Vorhersehen, Wissen und Erleben gibt es nochmal einen Riesenunterschied. Es war überwältigend. Aber es ist doch was Schönes, wenn Menschen weinen, wenn man mit etwas aufhört. Es zeigt doch, dass man nicht viel verkehrt gemacht hat. Es wäre schlimmer, wenn die Leute sagen, 'Gott sei Dank ist der weg'. Es war schon toll für mich, die Menschen. Es war ein großartiges Erlebnis. Natürlich war es am Ende dann sehr emotional, was ich auch nie vergessen werde.
Cbmeftah: Deutschland hat eine große Torhütertradition - Sepp Maier, Toni Schumacher, Andi Köpke und auch Oliver Kahn. Was ist das Geheimnis einer solchen fantastischen Tradition?
Zum einen ist die Torhüterposition so ein bisschen wie die deutsche Mentalität: sehr diszipliniert, sehr arbeitsintensiv, sehr klar. Da sind alles Facetten, die wir Deutschen in uns tragen. Und zum anderen die große Tradition vieler Torhüter, angefangen 1954 mit Toni Turek. Immer wieder hatten die jungen Menschen Vorbilder und konnten sich orientieren. Toni Turek, Sepp Maier, Toni Schumacher, Bodo Illgner - es gab immer wieder Torhüter, die die jungen Menschen inspiriert haben. Auch mir ist es viel zu spät bewusst geworden, welche Vorbildfunktion man da hat. Das man viele Menschen auch dazu bringt, Torwart zu werden. Das ist ja auch toll.
Arcegallup: Was waren Ihre Gedanken direkt nach dem WM-Finale 2002? Wir haben Sie alle am Pfosten sitzen sehen. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Zuerst habe ich darüber sinniert, warum dieser Fehler passiert ist. Nachdem ich in den sechs vorherigen Spielen fehlerlos und auf allerhöchstem Niveau gespielt habe, ist mir klar geworden, was für ein blöder Job doch dieser Torhüterjob sein kann. Das man da nicht mal einen Fehler machen kann, ohne dass er gleich gnadenlos bestraft wird. Da wurde mir die Gnadenlosigkeit dieses Torwartjobs direkt vor Augen geführt. Ich habe auch darüber nachgedacht, dass in den nächsten Wochen und Monaten viel Arbeit im Kopf auf mich zukommen wird, das wieder hinzubekommen und sich davon nicht erschüttern zu lassen.
MaverickZero: Wie haben Sie sich gefühlt, als sie den Preis als "Bester Spieler der WM 2002" bekommen haben? Ich frage, weil es ungewöhnlich ist, dass diese Auszeichnung ein Torhüter bekommt.
Ich habe mich sehr gefreut und auch realisiert, dass es schon außergewöhnlich ist, dass ein Torwart es schafft, diese Trophäe zu bekommen. Ich war zu dieser Zeit einfach topmotiviert und hatte ein riesiges Selbstvertrauen durch den Gewinn der Champions League und den Weltpokal. Da war ich sowas von selbstbewusst, mein Spiel war so ausgereift. Ich hatte dann natürlich noch das Quäntchen Glück, was man braucht. Und so lief es dann auch bei dieser Weltmeisterschaft. Nur das Finale war dann leider nicht so glücklich...
Mistery665: Werden Sie jemals zum FC Bayern oder zur Nationalmannschaft zurückkehren und dort eine Funktion bekleiden?
Schaun mer mal. Das lasse ich ganz spontan auf mich zukommen. Momentan konzentriere ich auf meine Projekte in Asien. Es gab ja schon auf Schalke einige Gespräche über mögliche Managertätigkeiten, und auch mit dem FC Bayern tausche ich mich immer mal wieder aus. Aber es ist zurzeit einfach noch zu früh. Ich brauche noch mehr Abstand, noch mehr Distanz zum Fussballgeschäft. Mittelfristig kann ich mir das aber schon vorstellen.
jsainvilm: Während Ihrer gesamten Karriere gehörten Sie immer zu den Schlüsselspielern in Ihren Klubs und in der Nationalmannschaft. Was war das für ein Gefühl, bei der WM 2006 auf die Bank zu müssen? War das für Sie ein erstes Zeichen, bald aufzuhören?
Ich bin mir da nicht sicher, ob es damals bei der Entscheidung wirklich um die reine Leistung gegangen ist, weil ich ja in der Saison das 'Double' geholt hatte. Also war ich keineswegs auf einem absteigenden Ast. Ich fühlte mich bei dem Turnier in sehr guter Verfassung und war bereit, eine WM auf höchstem Niveau zu spielen - Weltmeister mit 37 Jahren wäre absolut möglich gewesen. Aber Jürgen Klinsmann hatte andere Vorstellungen. Das musste ich akzeptieren.
bembelboy: Am Dienstag, 26. Mai, vor genau zehn Jahren, 1999, kam es zu der denkwürdigen Niederlage gegen Manchester United im UEFA Champions League-Finale, als sie mit dem FC Bayern in der Nachspielzeit zwei Tore kassierten und 1:2 verloren. Was für Gedanken haben Sie, wenn Sie an diesen Tag zurückdenken?
Ich kann mich heute relativ befreit daran erinnern, weil wir es zwei Jahre später gewonnen haben. So ist es zum Glück nur eine Episode, aber es war traumatisch. Wenn man die Hand schon am Pokal hat, und dann wird alles innerhalb von zwei Minuten zerstört, was man sich jahrelang aufgebaut hat. Das war schon eine gespenstische Szenerie nach dem Spiel. Aber das ist Sport in seiner Reinkultur.
Butigan: Was würden Sie einem jungen Torhüter raten, der Profi werden möchte?
Er braucht den Kopf und den Körper. Er muss beides so gut wie möglich ausbilden, und das in einer hohen Intensität. Wenn man ein Riese ist, einen perfekten Körper hat und viele Facetten des Torwartspiels beherrscht, aber im Kopf zu schwach ist, um in den entscheidenden Momenten richtig zu reagieren, weil die innere mentale Stärke fehlt, geht es nicht.
Am Ende des Exklusiv-Interviews ließ FIFA.com Oliver Kahn die beste User-Frage auswählen, die nun mit einem tollen Preis prämiert wird. Die Wahl des 39-Jährigen fiel dabei auf User Giggino, der fragte: Wie ist es möglich, sich dauerhaft für den Fussball zu motivieren, ohne die Lust zu verlieren?
