Die meisten Fussballprofis dürften angesichts der ellenlangen Titelliste von Edwin van der Sar vor Neid erblassen. Vier Meistertitel in der niederländischen Eredivisie, zwei in der englischen Premier League, zwei Mal UEFA Champions League-Gewinner und jetzt auch noch Gewinner der FIFA Klub-Weltmeisterschaft dank des Treffers von Wayne Rooney im Finale gegen Liga de Quito im Finale von Japan 2008 - so liest sich die überaus beeindruckende Erfolgsbilanz des niederländischen Ausnahmetorhüters.
Der Schlussmann hat gerade seinen Vertrag beim englischen Spitzenklub Manchester United um ein weiteres Jahr verlängert, und das in einem Alter, in dem die meisten Spieler ihre Stiefel längst an den Nagel gehängt haben. Für 2009, so van der Sar gegenüber FIFA.com, hofft er auf ebensoviel, wenn nicht sogar noch mehr Erfolg für Manchester United.
Der frühere Schlussmann von Ajax Amsterdam und Juventus Turin sprach auch über den Sieg im Finale der UEFA Champions League 2008 gegen den FC Chelsea, die Abwehrreihe der Red Devils und seine kurze Rückkehr in die niederländische Nationalmannschaft für zwei WM-Qualifikationsspiele für Südafrika 2010 gegen Island und Norwegen, durch die er es nun auf 130 Länderspiele bringt.
Viele große Torhüter Ihrer Ära gelten als recht extrovertiert, beispielsweise Peter Schmeichel, Fabien Barthez, Oliver Kahn, Jens Lehmann oder auch Gianluigi Buffon. Sie sind das genaue Gegenteil. Braucht ein Weltklassetorhüter eine innere Balance?
Das hängt wohl von der jeweiligen Person bzw. Persönlichkeit ab. Es gibt auch Spieler, die immer sehr laut sind, die viel rufen und schreien. Jeder hat da seine eigenen Merkmale. Ich konzentriere mich am liebsten ganz und gar auf mein Spiel und meine Leistung.
Wie war es, die UEFA Champions League ein zweites Mal zu gewinnen?
Das erste Mal war natürlich ein ganz besonderes Erlebnis, aber es war nun schon so lange her, dass es langsam in Vergessenheit geriet. Es ist immer schön, wenn man zum Ende der Karriere zurück blicken und die schönsten Erfolgsmomente nochmals genießen kann.
Erzählen Sie uns etwas über diesen Abend in Moskau: Welche Gedanken schossen Ihnen durch den Kopf, als der Schiedsrichter die Verlängerung abpfiff?
Die Verlängerung war ganz gut verlaufen. Glücklicherweise wird nicht mehr mit dem Golden Goal gespielt, wo alles vorbei war, wenn man ein Tor kassierte. Man hat also noch eine halbe Stunde, um eine Entscheidung zu erzwingen. Der Gegner hatte ein paar Chancen, und auch wir hatten ein oder zwei Gelegenheiten. Aber am Ende ging es dann doch ins Elfmeterschießen.
Sind Sie ein Torhüter, der Elfmeterschießen gerne mag?
Ja, auf jeden Fall - wenn man damit die Champions League gewinnt! Natürlich ist es ganz besonders bitter, wenn man auf der Verliererseite steht. Ich bin dankbar, dass wir am Ende gewonnen haben.
Hatten Sie die Niederlage mit Ajax gegen Juventus aus dem Jahr 1996 im Hinterkopf?
Ja natürlich. Man denkt daran, dass man auf keinen Fall noch einmal auf diese Weise verlieren will. Natürlich war es umso großartiger, dass ich einen Elfmeter halten konnte und wir gewonnen haben.
Können Sie uns die Elfmeter von John Terry und Nicolas Anelka noch einmal aus Ihrer Sicht schildern?
Nun, da gibt es nicht so viel zu schildern. Man legt sich eine Taktik zurecht und entscheidet sich, wie man versuchen will, den Ball zu halten. Ich achte ganz genau darauf, wie die Spieler sich den Ball zurecht legen und ich schaue mir genau ihre Körperhaltung und den Anlauf an.
Wer war für Sie der beste Spieler des Jahres bei ManU?
Cristiano Ronaldo. Er hat sehr viele und sehr wichtige Tore geschossen. Er hat sich von Jahr zu Jahr verbessert, doch auch er kann nicht alles allein schaffen. Es müssen andere Spieler um ihn herum sein, die ebenfalls stark spielen. Wir helfen uns alle gegenseitig.
Die Viererkette von ManU war 2008 mit Wes Brown, Rio Ferdinand, Nemanja Vidic und Patrice Evra sehr konstant besetzt. Wie wichtig ist diese Konstanz für die Mannschaft?
Es ist eine gute Sache, wenn man immer hinter der gleichen Viererkette spielen kann, aber man weiß, dass das meist nicht die ganze Saison lang geht. Wenn der Trainer ankündigt, dass er Jonny Evans oder John O'Shea eine Chance gibt, ist auch das OK. Gary Neville kann ebenso gut auf der rechten Seite spielen, genau wie Wes Brown oder Rafael. Es gibt also viel Auswahl. Das wichtigste ist natürlich, dass alle Spieler fit und zufrieden sind.
Manchester United hat in der vergangenen Saison nur 22 Tore kassiert. Dieser Rekord hat Ihnen sicher viel Freude gemacht?
Ja, unbedingt. Aber das Schönste ist doch, dass wir den Titel gewonnen haben. Dafür braucht man eben eine gute Abwehr und auch einen starken Sturm. Meine Aufgabe ist es, Tore zu verhindern. Ich habe allerdings auch schon für Mannschaften gespielt, die die wenigsten Tore kassiert haben, und am Ende trotzdem nur Zweiter geworden sind. Die wenigsten Tore zuzulassen bedeutet also nicht unbedingt, dass man auch die Liga gewinnt.
Würden Sie Ihren Wechsel zu Manchester United als wahr gewordenen Traum bezeichnen?
Nicht unbedingt als Traum, aber es war definitiv ein sehr guter Wechsel für mich. Ich hätte schon früher hierher kommen können, doch ich bin zufrieden, dass es schließlich dazu gekommen ist.
Sie haben gerade einen neuen Vertrag bei Manchester United unterschrieben. Ist Ihnen diese Entscheidung leicht gefallen?
Nun, ich habe hier jetzt noch ein Jahr mehr vor mir und ich freue mich darauf. Ich bin sehr zufrieden! Es ist eine tolle Sache, für diesen Klub zu spielen, der jetzt sogar Klub-Weltmeister ist. Um mich herum sind großartige Spieler. Es war also keine schwere Entscheidung, noch ein Jahr dranzuhängen.
Sie haben den neuesten Titelgewinn gerade schon angesprochen - die FIFA Klub-Weltmeisterschaft. Wie sehr haben Sie sich darüber gefreut?
Wir sind sehr glücklich darüber. Weltmeister zu sein, ist eine tolle Sache. Ich habe 1995 mit Ajax den Interkontinental-Pokal gewonnen, aber dieses Mal war es deutlich schwieriger, da wir zwei Spiele hatten, nicht nur eins. Ich bin schon etwas älter, daher hat die lange Anreise mich wohl mehr mitgenommen, aber darüber denke ich nicht allzu sehr nach. Ich bin absolut glücklich!
Was können Sie uns über das Finale gegen Liga de Quito sagen?
Es gab einen Moment der Verunsicherung, als wir plötzlich nur noch zu zehnt waren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir das Spiel voll und ganz unter Kontrolle. Jedenfalls finde ich, dass wir auch danach gut gespielt haben. Ich hätte eigentlich damit gerechnet, dass der Gegner uns nach dem Platzverweis stärker unter Druck setzen würde. Vielleicht waren sie ja nervös. Ich hätte wirklich erwartet, dass sie uns hinten einschnüren. Der Gegner hat sich zwar einige Chancen herausgespielt, aber im Großen und Ganzen hatten wir wohl das Spiel unter Kontrolle.
Sie haben mit zwei fantastischen Paraden Chancen von Alejandro Manso zunichte gemacht. Waren Sie mit Ihrer Leistung an diesem Abend zufrieden?
Das war ein tolles Gefühl, als mir diese Paraden gelangen. Es ist immer schön, wenn man etwas zum Erfolg beitragen kann. In der ersten Hälfte hatte ich ja nicht besonders viel zu tun und habe eher wie ein Zuschauer das Spiel verfolgt. In der zweiten Halbzeit musste ich mich dann aber einige Male lang machen, um meinen Kasten sauber zu halten.
Was sagen Sie über Sir Alex Ferguson - den Mann, unter dem Sie Titel in England, Europa und der Welt gewonnen haben. Wie gut ist er als Trainer wirklich?
Er ist großartig. Er ist jetzt schon so lange bei diesem Klub und hat hier schon so viel erreicht, doch er ist immer noch erfolgshungrig. Wir hoffen, dass wir gemeinsam noch weitere Erfolge schaffen können.
Noch eine Frage zum Abschluss: Hat es Ihnen Spaß gemacht, im vergangenen Oktober noch einmal für die Niederlande zu spielen?
Ja. Ich hatte im Sommer in der Nationalmannschaft aufgehört, aber es gab ein paar Verletzungen und so hat man mich nochmal nominiert. Natürlich lässt man sein Land in einer solchen Situation nicht hängen. Es gab zwei Siege und ich habe zwei Mal den Kasten sauber gehalten. Die Mannschaft ist also auf gutem Wege zur WM 2010.
