Er gehört nicht zu den Medienlieblingen, steht aber wie kaum ein anderer Spieler für die Erfolge seines Vereins. Im Starensemble von Inter Mailand hat Dejan Stanković unauffällig und leise Titel gehamstert, die ihn eigentlich zur Klublegende machen müssten.

Seine Laufbahn begann einst bei Roter Stern Belgrad. Mit gerade einmal 18 Jahren war er jüngster Kapitän der Vereinsgeschichte. In den vier Jahren zwischen 1994 und 1998 wurde Stankovic ein Mal serbischer Meister und drei Mal Pokalsieger.

1998 warf dann Lazio Rom ein Auge auf den Spieler. Die Serie A eroberte Il Dragone ("der Drachen") dann geradezu im Sturm, ins Herz der Tifosi schoss er sich spätestens mit seinem ersten Treffer gegen Piacenza. Sechs Jahre später war Stankovic um einen Scudetto, einen italienischen Pokal und zwei italienische Supercups reicher. Zudem holte er 1999 den Europapokal der Pokalsieger und den europäischen Supercup.

Inter Mailand sicherte sich die Dienste Stankovics im Jahre 2003. Trainer Alberto Zaccheroni hatte darauf beharrt, seinen Musterschüler aus Rom mitbringen zu dürfen. Dem lombardischen Klub hat es nicht geschadet. Mit Stankovic gab es drei weitere Meistertitel, drei Pokalsiege und drei italienische Superpokale.

Einziger Wermutstropfen: So groß seine Erfolge im Verein auch sein mögen, der Frust in der Nationalmannschaft steht dem in nichts nach. Zuletzt wurde die Qualifikation zur UEFA EURO 2008 verpasst. Dabei hätte die so schön zu Stankovics zehnjährigem Jubiläum in der Nationalmannschaft gepasst. Denn seit 1998 hat der Serbe 76 Länderspiele (13 Tore) absolviert und unter anderem die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Frankreich 1998 und die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006 bestritten.

Eine dritte WM-Teilnahme und der Gewinn der UEFA Champions League sind die Ziele des inzwischen 30-Jährigen. Das verriet er FIFA.com im Exklusivgespräch im Inter-Trainingszentrum Appiano Gentile.

Dejan, Sie waren schon mit 18 Kapitän von Roter Stern Belgrad, Wie sind Sie damals mit diesem Druck ungegangen und was hat Sie diese Situation gelehrt?
Ich bin mit 16 Jahren in die erste Mannschaft aufgerückt und habe ein halbes Jahr später mein erstes Spiel bestritten. Ich war zu diesem Zeitpunkt aber schon fest im Klub verwurzelt, weil ich alle Jugendmannschaften durchlaufen hatte. Insofern fühlte ich mich mit 18 schon reif dafür. Die Kapitänsbinde hat mich nie belastet. Es wurde im Gegenteil ein Kindheitstraum wahr damit. Ich bin zwangsläufig dadurch noch mündiger geworden. Solche Verantwortung lässt einen immer schneller erwachsen werden. Das hatte nicht nur Vorteile, aber die Erfahrung ist von unschätzbarem Wert.

Wie haben die älteren Spieler auf Ihre Ernennung reagiert?
Es gab nicht die geringste Eifersucht. Ich war bei Roter Stern groß geworden, da war das normal. In diesem Verein hat das Tradition: Die jungen Spieler aus dem eigenen Stall werden irgendwann Kapitän. Und natürlich habe ich meine Entscheidungen nicht ohne Absprache mit den anderen Spielern, vor allem den älteren, getroffen. Entschieden habe aber letztlich immer ich.

Heute sind Sie bei Inter selbst einer der Erfahrenen. Wie beurteilen Sie persönlich Ihre eigene Entwicklung?
Ich bin ständig gewachsen. Die Resultate sprechen für sich. Ich habe in den letzten fünf Jahren eine Menge Titel geholt. Aber das soll noch nicht alles sein. Denn ein ganz wichtiger Titel fehlt mir mit Inter noch: die UEFA Champions League!

Was haben Sie von den verschiedenen Trainern bei Inter gelernt?
Ich hatte Gelegenheit, unter Alberto Zaccheroni und Roberto Mancini zu trainieren, die ich schon von Lazio Rom her kannte. Ich hatte nie ein Problem mit ihnen, ich habe sie immer respektiert und ständig von ihnen gelernt. Heute habe ich das Glück, mit José Mourinho zu arbeiten, einem Gewinnertyp, der viele Neuerungen in den modernen Fussball einbringt.

In Italien haben Sie zwei Derbys kennen gelernt: Das römische mit Lazio und das mailändische mit Inter. Wo sehen Sie die Hauptunterschiede zwischen beiden?
Man kann sie nicht vergleichen. In Mailand ist alles eher Spektakel. Wenn wir vor 85.000 im San-Siro-Stadion spielen, ist das fantastisch. In Rom ist die Spannung größer. Da dreht sich schon zehn Tage vorher alles nur noch um das Derby.

Kommen wir zur serbischen Nationalmannschaft. Wie sehr schmerzt Sie die verpasste EURO 2008?
Sehr. Aber wir haben es uns selbst zuzuschreiben. Wir haben gut angefangen und vier gute Spiele abgeliefert. Dann hatten wir Pech mit Verletzungen und Sperren und haben unsere mannschaftliche Geschlossenheit verloren. Es gab zwei Niederlagen in Kasachstan und Belgien, die nicht hätten sein müssen. Die kosteten uns den ersten Platz und wichtige Punkte. Das 0:0 gegen Armenien hat uns schließlich auch die letzte Hoffnung geraubt.

Sind diese schlechten Leistungen ein Zeichen für den Abstieg Ihrer Mannschaft oder eher dafür, wie ausgeglichen es in Europa zugeht?
Die weniger starken Mannschaften holen einfach beständig auf, der Abstand wird geringer. Finanzen werden in diesen Ländern zunehmend wichtiger, und die kleineren Verbände holen oft ausländische Trainer, die den Fussball im Land dann vor allem taktisch auf Vordermann bringen. Man nehme nur einmal die Färöer-Inseln. Die waren vor ein paar Jahren noch froh, wenn sie in einem Spiel nur fünf Gegentore kassiert haben, aber die Zeiten sind vorbei. Wir haben sie mit 2:0 geschlagen. Heute muss man jeden Gegner respektieren.

Was hat sich in den letzten Jahren in Serbien geändert?
Zuallererst der Trainer! Eine Woche vor Beginn der Qualifikation zur letzten Weltmeisterschaft wurde Radomir Antic berufen. Er wird in Serbien sehr geschätzt. Von seiner Erfahrung werden vor allem die jungen Spieler profitieren. Seit Antic da ist, haben wir gut losgelegt - drei Siege und eine Niederlage, gegen Frankreich.

Was fehlt Serbien, um mit den ganz Großen mitzuhalten?
Konstanz. Wir sind nach gutem Start zu oft zu schnell zufrieden. Ich hoffe, dass Antic an dieser Mentalität etwas ändern kann, damit wir nicht mehr so nachlassen. Zum Beispiel dürfen wir keine Punkte mehr gegen die "Kleinen" liegen lassen. Das war bislang eine einzige Katastrophe.

Wie beurteilen Sie denn den Stand der Qualifikation?
Wir haben erst vier Spiele absolviert und müssen weiter konzentriert bleiben. Im Unterschied zur EM-Qualifikation, die mit acht Mannschaften in der Gruppe schon fast Meisterschaftscharakter hatte, besteht unsere Gruppe jetzt ja nur aus sechs Mannschaften. Da spürt man die Auswirkungen viel unmittelbarer. Deshalb müssen wir vor allem die Heimspiele gewinnen. Und die direkte Konkurrenz aus Rumänien und Frankreich schlagen.

Stichwort Frankreich: Gibt es die kleinen Provokationen zwischen Ihnen und Patrick Vieira vor den Spielen noch?
Wir hatten zuletzt keine Gelegenheit mehr dazu. Im Hinspiel habe ich wegen einer Verletzung nur 50 Sekunden gespielt. Aber ich freue mich schon auf das Rückspiel in Belgrad! (lacht)